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Neue Nationalzeitung · 1908-12-11 · Heft 49 (11.12.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 49 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 49. ,Neue National-Zeitung' Feuilleton. Seite 11. Prof. Dr. M. GRÜNFELD: KandbemeFkun^en zum Romane „©er W*ä ins tfreie". Von Arthur Schnltsler. Endlich ein lUicb, nach dessen Lektüre man sich nicht fragen muss: wozu wurde es geschrieben? Ein Werk wurde der Welt geschenkt, das geschrieben werden musstc md dass 'es 'S c Ii n i t z 1 e r geschrieben, dieser durchdringende Beobachter des Wiener Lebens, der dessen geheimste Tiefen erschaut, wie kein anderer, das freut uns besonders. S c h n i t z1 e r, so liest man in Blättern, welche angeblich die Weltbeglückung verkünden, für die aber die Welt nur aus Arbeitern und getauften Juden zu bestehen scheint, hätte den Wiener Roman schreiben sollen, und siehe, die Berge kreisten und es wurde eine .Maus geboren. In gemeinverständliches Deutsch übertragen: Ist die Wiener Gesellschaft wirklich mit der fudeaschnft gleichbedeutend, deckt sie sich mit den Juden der Leopoldstadt? Mit Verlaub, Ihr Herren Kritiker von der getauften Konfession. Die Juden der Leopoldstadt wollte Schnitzler nicht schildern, er weicht der Schiffgasse und ihrer Umgebung in weitem Bogen aus. Was er uns zeigt, das ist der Modernismus des "heutigen Judentums, und wie sich dieser mit, möchte man sagen, naturgcschichtlichcr Notwendigkeit entwickelt hat. Den Mittelpunkt des Romans bildet nicht der Jude, sondern der arische Adelige, der nicht weiss, was er will, von Blume zu Blume flattert, geniesst und die Vorrechte des Adeligen für sich in Anspruch nimmt. Und um ihn schart sich der Kreis der verschiedenartigsten jüdischen Typen, welche die Literatenkaffechäuser und Salons bevölkern: die Auch-Juden, die Zionisten, die verschämten »und unverschämten Juden, die Konfessionslosen und die Volksbeglücker. Eine Naturgeschichte des Judentums unserer Zeit möchte ich diesen Roman mit seiner feinen psychologischen Kleinmalerei nennen und wünschte, dass er, als Volksbuch, weiteste Verbreitung fände. Die Wahrheit über das Judentum unserer Zeit, besonders in den grossen Städten, kündet dieses einzige Werk. Wie ein Volk zu dem wurde, was es ist. Das hat die Gesellschaft aus den Juden ge - macht, zürnend klingt es aus jedem 'Worte des Menschenschilderers. Schnitzlers Juden-Roman ist in der Tat der Wiener R o m a n; er bedeutet echte Heimatskunst und der Erdgeruch des Wienertums weht uns hier mit seltener Schärfe an. Dies sind noch immer die Wiener Phäaken. die vor uns hier erscheinen. Es ist die Wiener-Stadt, bei deren Nennung, im Reiche draussen, gewisse andere Worte mitzuschwingen beginnen, auch ohne dass sie ausgesprochen werden : Walzer . . . Kaffeehaus . . . süsses Mädel . . . Backhendel . . . Fiaker . . . Parlamentsskandal." Dieses Wien hat S c h n i t z 1 e r geschildert, das Wien des ,.WaIzertraums'\ und, wenn die Juden in dieser Stadt eine so bedeutende Rolle spielen, was kann der Schriftsteller dafür? Die deutsche und Weltliteratur ist an Schilderungen von Juden und jüdischen Zuständen nicht arm. Ueber allzuviel Liebenswürdigkeit der Schriftsteller, die sich mit uns beschäftigten, können wir uns nicht beklagen. Spielhagen, Heyse, in dem ja auch ein Tropfen oder mehr jüdischen Blutes fliosst. Raabe, man denke nur an den famosen ..Hungerpastor", bis auf den seichten Stilgebauer, der einen jüdischen Märtyrer in seinem dickleibigen ,,Götz Krafft" leiden und sterben lässt, aber auch mit stillem Behagen den Antisemitismus in einer kleinen deutschen Universitätsstadt schildert, sie alle haben uns mit der eingeborenen teutonischen Gehässigkeit angefasst und u:>hl nicht wenig da/u beigetragen, dass Wucherer und Jude in vielen Kreisen, auch jetzt noch, als ziemlich identische Begriffe betrachtet werden. Lud doch, wie wenig w issen sie \ on unserem Leben und unserem Leide! Wollen auch davon nichts wissen. Sie kennen die jüdische Volksseele nicht, holen sich Rats bei Juden, die es nur dem Namen nach sind. Das ist aber das Verdienst des Schnitzlcrischcn Werkes: es zeigt die jüdische Seele und zergliedert sie mit der Kunst des literarischen Anatomen. Man merke nur, wie die ,,jüdischen Witze", welche das Fräulein Else Ii h r e n b e r g gar nicht gerne hört. Schnitzler dazu dienen, um gewis.se unserer Gharakterzüge zu erklären. Unsere Respektlosigkeit Juden gegenüber zum Exempel. Auch ein Kapitel, das viel zu denken gibt und über das man viel schreiben und sprechen könnte. Nur, dass man damit viele geheime Interieurs, die lieber \ erschlossen bleiben, öffnen müsste .... Diese Respektlosigkeit uns selbst gegenüber, diesich in dem klassischen ,,Ae soi" des Juden offenbart, wenn er in seinem Gegenüber einen ..Glaubensgenossen" erkennt, der ihn fragt, wann wir in diesem Jahre Lessach feiern, ist ein Stück von der Sklavenkette, die war, Kinder des Golus, ob wir es nun gelten lassen, oder nicht, noch immer nachschleppen. . . . Und dann der berühmte Familiensinn der Juden. H einrieb B e e r m a n n, Leo G o 1 o w s k i und seine Schwester Therese, die Sozialdemokratin, die mit Demeter Stanzides einen Ausflug nach dem Gardasee macht, und (sich dort an den Aristokraten Georg Wergenthin sehr intim anbiedert, lassen wenig davon spüren. Jüdischer Familiensinn, auch ein altes Erbe, das ein junges Geschlecht, welches den „Weg ins Freie" beschreitet, wie eine leere Schale hinwirft. Diese ALen mit ihrer Vergangenheit! Als wäre es ein Verdienst, alt geworden zu sein. Die Gegenwartsleute wollen von der Vergangenheit nichts wissen mit ihren verstaubten Idealen und fadenscheinigen Tugenden. Tugenden, von diesem Worte spricht man heute lieber gar nicht, es klingt so altväterlich, muffig und erinnert an das alte jüdische Familienhaus, in dem der Vater befahl und die Kinder auf seine Worte lauschten, es erinnert an die alte ,,Schul", in der man noch auf Gottes Wort horchte. Was gilt dies alles einem modernen Geschlechte? Der Dr. S t a u b e r, der den Leuten, auch dem Herrn Aristokraten, der von Blume zu Blume fliegt, die Wahrheit sagt, schlicht, kräf-

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