Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 49 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. xig und doch mit einem gewissen Hauch von Wehmut, kann sich mit seinen Wahrheiten in ein Raritätenkabinett verkriechen. Man hört ja doch nicht auf ihn, diesen Biedermeier mit seiner Moral, man hört auf ihn nicht, in einer Zeit, die sich ,.jenseits von r.ut und Böse*' so gerne aufhält. Man kann auch ohne Moral leben, das zeigen ..die schwankenden (icstalten" unseres Romans, man kann ohne altvaterische Sittlichkeit sogar ganz gut leben. Was rüttelt aber'.dennoch das jüdische Bewusstsein dieser so gerne ihr Judentum verleugnenden Personen auf? Es sind die rohen Instinkte, die ein Jahrhundert des Fortschritts nicht zu ertöten vermochte. ,,Jud, halt's Maul", wenn dieser Fnkenruf dem jungen Dr. Stauber im. Parlament entgegengröhlt. dann erwacht in ihm mächtig das Bewusstsein: ,.1'nd setzest du dir auch eine Perücke von Millionen Locken auf, du bleibst doch immer, was du bist". Dann wird jeder Jude Zionist: der alte Ehrenburg, Heinrich Beermann, vielleicht sogar Nürnberger. Oskar Ehrenberg, der vor der Michaelerkirchc den Hut abzieht, seinen Kopf in den Sand steckt, damit die lieben aristokratischen Kameraden den Juden nicht erkennen, der wird es freilich nicht. Dieser Oskar ist so recht das Kind einer Zeit, in welcher die C harakterlosigkeit frisch, frei, fröhlich gedeiht. Die Maulschelle, vom Vater ihm appliziert, muss ihn daran mahnen, was für ein elendes Subjekt er ist. Und er sühnt seine (iesinnungslumperei furchtbar. Und die Weiber in diesem Romane! Die Mädchen vom Schlage Elses, Therescs. Sissys, sie sind von einer erschrecklichen Hohlheit, sie bieten uns einen furchtbaren Einblick in die Zukunft, der wir entgegensteuern. Wir, die wir auf unsere Keuschheit und Sittenreinheit stets so stolz waren. Was für ein Geschlecht können .solche Weiber hervorbringen? Das ist eine Frage, auf die wir lieber keine Antwort geben, denn niederschmetternd müsste sie ausfallen. Tausend Gedanken über Gegenwart und Zukunft der jüdischen Gesellschaft erweckt Schnitzlers Roman in uns, tröstlich aber sind sie nicht. Trost liegt für uns nur darin, dass der Dichter doch, um biblisch zu sprechen, ..nur einen /Teil gesehen hat, aber nicht das Ganze" . . . Und es ist nicht der bessere Teil, den er geschaut. Die faulenden Zweige mögen von dem gesunden Stamme abfallen, der Stamm selbst ist gesund. Er wird den ,,Weg ins Freie'* suchen, und wie wir hoffen, auch finden. feftwatw. Dr. Felix Kanter. Rabbiner in Zwittau: Du vor?> e T t o. /.eitgemäs>e Betrachtungen zu allen Wochenabschnitten des Jahren Vorliegende zeitgeniässe Betrachtungen sind ein Separatabdrui'k des ..Israel. Wochenblattes" für die Schweiz. Diese Artikel, w elche uns jetzt in einem 120 Seiten starken Büchlein vorliegen, scheinen Kanzelreden zu sein, die insoferne von den üblichen ural gewöhnlichen, die wir zu lesen bekommen, sich wohltuend unterscheiden, als sie des Schwulstes der Sprache entbehren und jedem Pathos aus dem Wege gehen, selbst da. wo scheinbar der liegenstand der Behandlung es erfordern würde. Manche nackende Wahrheit kommt da ganz unverhüllt zum Vorschein, manch herber Tadel wird da vernommen und manches herbe Wort wird da ausgesprochen, ohne dass der Verfasser verletzend und beleidigend wird. Jm (Gegenteil, der Verfasser gibt sich viel Mühe, nicht anzüglich zu sein. So zitiert der Verfasser in einem Kapitel, betitelt ,,1'eber Spender und Spenden" die interessante talmudische Stelle aus dem jerusal. Talmud (Schekalin 1 ). die lautet: ..Man kennt sich im Charakter dieses Volkes des jüdischen; nicht aus. Ks wurde aufgefordert, für das goldene Kalb :i .spenden und es spendete; es wurde später aufgefordert, für die Stiftshütte zu spenden — und es spendete." An diese Talmudstelle knüpft der Verfasser die Bemerkung: ..Das ist eben Israelitenart: zu geben und zu spenden und sich nirgends auszu-c Ii Hessen.'" Bei dieser (ielegenheit, glaubt Referent, wäre es angezeigt, eine schärfere Tonart anzuschlagen und beispielsweise hervorzuheben, dass leider sehr viele Juden die ..Israelitenart" zeigen, indem sie testamentarisch verschiedenen nicht jüdischen Institutionen reiche Legate vermachen, während si-e ihr eigenes armes Volk unter der russischen Knute schmachten lassen, ohne ihm, d h. den ganz Hilflosen, mit finanziellen Mitteln bei zustehen. Wenn Nathaniel Rothschild für Krbau'.ing und Unterhaltung von Spitälern 20 Millionen testamentarisch vermacht hatte, so ist dies allerdings sehr schön, ein grossartiger Zug im jüdischen Charakter, den man bei den Ariern schon selten finden dürlte. Allein, wenn derselbe Rothschild, dessen Namen die Wiener, wie überhaupt alle Antisemiten, sich bedienten, um ihn als Zuchtrute über die ärmsten jüdischen Häupter zu schwingen, die nicht des C.lückes teilhaftig wurden, mit irdischen (aitern reich gesegnet zu sein - nur eine Million für jüdische Kolonisationszwecke in Palästina vermacht hätte , welche Wohltat wäre es für das arme jüdische Volk und mit welcher denugtuung und Dankbarkeit hätte dies die ganze jüdische Presse des In- und Auslandes verzeichnet, wiewohl der Testator hiermit doch kaum einem tausendsten Teil seiner Pflicht als Jude Cicnügc geleistet haben würde. Das tat aber Rothschild wohlweislich nicht, weil das nicht mehi" .. Israeütcnart". sondern ..echtjüdisch" und ..modern jüdisch'* wäre, und vor ..jüdisch" hat die .. Isiaelitenaristokratie" auch nach dem Tode eine heillose Angst. An einer anderen Stelle beleuchtet der Verfasser die jüdisclu Wohltätigkeit in der Weise, dass er tatsächlich an der Hand von Zitaten aus Bibel und Talmud zeigt, wie der altjüdische (ieist auch in kriminellen Fällen ganz modern gedacht hat. so (I iser selbst einem Verbrecher gegenüber, der des Diebstahls überführt wurde, neben dem strengen Recht auch Milde übte, was doch gewiss als eine an einem Unglücklichen nicht genug ho h anzuschlagende geübte 'Wohl - tat bedeutet. Wenn man vorliegende ,,Zeitgeniässe Betrachtungen" mit Aufmerksamkeit durchliest, kann man ihrem Verfasser, will man gerecht sein, eine gewisse (higinalität nicht absprechen. Y i r o \ 1 t i c ,1. Rabbiner Dr. Kaufmann 1 KLEINER ANZEIGER. 1 Junger isr. Baumeister j Schadehen wird für ein junges, hochtintelligentes, i W>w« W1B schOnes Midchen ans bester Familie I gesucht. Anträge erbeten nnter „Protekj poBocht für Fränloin mit K 10,000 tionskind" hauptpostlagernd. Nur gegen Vermögen. Näherei unter „Gut hono- Sehein. I r.ert", postlagernd WipplingMstrasse. gNF* Ueber vielfachen Wunsch unserer Leser haben wir uns entschlossen, in der „NEUEN NATIONAL-ZEITUNG" einen BOT KLEINEN ANZEIGER ~«B zu eröffnen. In demselben gelangen Heirats- und Verlobungsanzeigen, sowie Heiratsannonzen zur Veröffentlichung. Da sich die „NEUE NATIONAL-ZEITUNG" infolge ihrer grossen Verbreitung in jüdischen Familien für derartige Inserate besonders eignet, haben wir für dieselben (in obigtr Grösse) einen Einheitstarif von 2 K bestimmt. Gefl. Mitteilungen bitten wir zu richten an die Adresse: „KLEINER ANZEIGER" der Neue flational-Zeitung Wien. 1. Bezirk, Zelinkagasse Nr. 11.