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Neue Nationalzeitung · 1908-12-11 · Heft 49 (11.12.1908) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 49 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. ,Neue National-Zeitung' Nr. 49. Es ist mir aber aufgefallen, dass der Herr Oherrabbinei der Grossk*<mmune Wien, der dem Morgengottesdienstc im Tempel in der Seitcnstettengasse anwohnt, regelmässig in dem Momente das Gotteshaus vcrliisst, w« die t r a u e r n d e 1\ Glaubensgenossen zum K a d i s c h hervortrete n. Es ist ein feierlicher Augenblick, in dem die vom Sehnierze geschüttelten Brüder sich zur Lobpreisung (.kjttes vereinen, und dieser sollte nicht gestört werden durch das förmlich demonstrative Entfernen des ersten Repräsentanten der Gemeinde, der berufen wäre, einerseits Tröster seiner Gemeinde, anderseits gerade durch seine Anwesenheit die Trauerfeier erhebender zu gestalten. Ihr ergebener Dr. F. K. iORRSSPCNDSNZGN ©csfcFFcich-Qngapn. Oeffentliche Vorstandsitzunjr Wien. Sonntag, den '3. Dezember, 10 Uhr vormittags, findet I., Seitenstettengassc 4, ,2. Stock, eine öffentliche Vorstandssitzung statt. Tagesordnung: Bericht des .Präsidenten über die Leitung der gesamten Wahlhandlung und Entscheidung über die Giftigkeit der am 22. November und 3. Dezember 1908 vorgenommenen Wahlen. Die Vorstniidswahlen in «1er höheren Kurie. Wien, 6. Dezember. Bei den Donnerstag, den 3. Dezember 1908, vorgenommenen Wahl von vier Vorstandsmitgliedern mit je sechsjähriger Mandatsdauer durch die H ö h c r b e s t e u c r t c n wurden nachbenannte Herren gewählt: Dr. Josef Breuer . . . mit 151 Stimmen Dr. Felix Katzau . . . ,, 149 ,, kais. Rat Jonas Weil . 149 ,, Alois Weishut .... „ 149 Die ersten drei Vorsteher wurden wieder-, der letzte, Bankdirektor Alois Weis h 111, wurde neugewählt. •Da die Zahl der Höherbesteuerten zirka 800 beträgt, so haben sich an der Wahl kaum 19°0 dieser ,,Elite"-Wähler mit grösserem Geldbeutel beteiligt. Charakteristisch für die Bevölkerung und die Geheimnistuerei in der Wiener Gemeinde ist es, dass während bei allen Körperschaften, für welche sich die Wahlen in mehreren Kurien abspielen, die Zugehörigkeit der Wähler zu den einzelnen Kurien im Wählerverzeichnis genau angegeben ist, bezüglich der ,,höheren" Wähler der Wiener Kultusgemeinde die Bezeichnung unterdrückt wird. Haben denn diese Herren mit dem doppelten Wahlrechte eine Angst vor der Oeffentlichkeit? Der Kultusvorstand ist nun komplett. Derselbe ist dem Berufe nach folgendermassen zusammengesetzt : Kaufleute und Fabrikanten . . . .14 Advokaten......... 8 Professoren der Medizin und Aerzte . 5 Bankiers und Bankdirektoren ... 4 Privat- und Staatsbeamte .... 4 Bauräte ......... . . 3_ Zusammen 38 Zum Amtsverzicht des Oberkantors Don Fuchs. Wien, 9. Dezember. Die von uns gebrachte Nachricht von dem Entschlüsse des Oberkantors am Seitenstetten-Tempel, Don Puchs, den unglaublichen Schikanen eines autokratischen Präsidenten und den Intriguen eines Chordirigenten durch die Niederlegung seines Amtes ein Ende zu bereiten, hat in den weitesten Kreisen der Bevölkerung'die grosste Sensation hervorgerufen. Wir wurden schriftlich und telephonisch um Auskünfte über die näheren Gründe bestürmt : die zahlreichen Freunde und Anhänger Don Fuchs' in allen Kreisen waren durch die {Mitteilung geradezu verblüfft. Es wird gewiss die Zeit kommen, um der jüdischen Oeffentlichkeit die hässliche Drangsalierung der ersten Gemeindebeamten im rechten Licht zu zeigen; wie ein grössenwahnsüchtiger Präsident, der bis in sein hohes Alter überhaupt nicht in den Tempel kam. "bis ihm terst sein Amt hiezu die Pflicht auferlegte, sich auch für befähigt erachtete, über Synagogengesang zu urteilen, und für berechtigt hielt, einem Oberkantor m it dem Hinausschmciss e n zu drohen. . . Wäre dies sonstwo möglich? . . Wir wollen aber trotzdem die Hoffnung nicht aufgeben, dass uns Don F u c h s erhalten fbleibt. Sollen denn die Tempel schon ganz leer werden? . . Die Jubiläums-Auszeichnungen Wien, 6. Dezember. Zu den von uns bereits gemeldeten Auszeichnungen wären noch folgende Namen nachzutragen: Leo Freu kl (Tarnopol) und Josef Gold, Kul tusvorsteher (Zloczowi erhielten das Ritterkreuz des F r a n z - J o s e p h - O r d e n s; Frau Julie Fleischmann (Tarnopol), Obertierarzt Bruno Eitelberg (TarnopoP, Inspektor David Metzger (Krakau) und Apotheker Moriz S c h w a r z (Przemysl) das goldene Verdienstkreuz mit der Kro n e; Jakob Krüh, Gemeinde - Vorsteher (Zbaraz), Religionslehrer Isaak Planer (Lemberg 1 und Rabbiner PI ermann S t r a n s k y (Prag) das golden c V e r d i e n s t k r e u z. Anlässlich der Jubiläums - Auszeichnungen in Bosnien und Plerzegowina wurden die Angehörigen sämtlicher Konfessionen — selbst der evangelischen dekoriert, mit Ausnahme der — Juden. Weder ein Rabbiner noch ein Kultusvorsteher erhielt eine Auszeichnung. Baron B 11 r i a n ist zwar ein sehr liebensw ürdiger Herr, aber sein Gedächtnis wird immer schwach, wenn es sich um Juden handelt. „Eiu kleinem Panama " Wien, Anfangs Dezember. Wir haben uns zu Beginn dieses Jahres in mehreren Artikeln mit dem ,,Israelitischen Humanitäts-Verein zur Ausstattung heiratsfähiger Mädchen" beschäftigt, dessen Gc - schäftsgebarung wir einer scharfen Kritik unterzogen. Infolgedessen sahen sich auch die Polizei und die Staatsanwaltschaft veranlasst, einzuschreiten. Wie uns Herr Isak Gelber, der gewesene Obmann dieses Vereines, unter 'Vorlage einesvAmtszeugnisses mitteilt, hat das Tandesgericht das Verfahren gegen ihn mangels eines kriminellen Tatbestandes eingestellt. Bekanntlich wurde inzwischen eine neue Vereinsleitung gewählt, die es als ihre erste Aufgabe angesehen hat, in einem schauderhaften Deutsch neue Statuten zu verfassen und den humanen Vereinszweck in kleinlicher Weise zu entstellen, indem ein bestimmtes Alters-Maximum von 15 Jahren für die auszustattenden Mädchen festgesetzt wurde. Eine solche Bestimmung ist weder human noch jüdisch.

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