Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 49 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 49. Züge dieses Mannes sind nur seinen engeren Mitbürgern bekannt, und dass diese Kenntnis nur da/u beiträgt, die Wertschätzung bei seinen jüdischen Landslcuten zu erhöhen, beweist seine grosse Popularität. Die Gemeinde befürchtete vor mehreren Jahren einen schweren Verlust, als Dr. i'hazanowie* auf zwei Jahre von den Behörden aus der .Stadt verbannt wurde. Ein schrecklicher Frevel war an einein jüdischen Knaben, den man beim Krüchteauflesen im Obstgarten eines Vornehmen betraf, begangen worden. Der Knabe wurde gebrandmarkt, indem man ihm ein Schimpfwort auf die Stirne brannte. Dr. Chazanowicz wagte es, den Vorfall der europäischen Presse mitzuteilen; das musste er mit zweijähriger Exilierung aus seiner Heimat büssen.*) Trotz seiner Barschheit ist Dr. Chazanowicz äusserst beliebt und geniesst das grösste Vertrauen seiner Patienten. Er kann noch so viel zanken; wenn einer seiner Patienten wieder einen Arzt braucht, wird er Dr. Chazanowicz rufen lassen. Es gehört zu seinem ,,Meschugas" — man nennt ihn scherzhaft „Meschugener Doktor" — oder ,/,)uerköpfigkeit", dass er sich beim Patienten anlässlich der Visite nach allerlei Dingen erkundigt, die im ersten Moment ohne jeden Zusammenhang mit dem Falle erscheinen. Er untersucht die Person, der zu helfen er gerufen wurde, zuerst genau, und damit nicht zu frieden, unterzieht er sogleich die Pfannen und Töpfe des Hauses einer genauen Inspektion. Er muss wissen, was für eine Nahrung in dem Hause gekocht wird und wie die Diät des Patienten beschaffen ist. Dr. Chazanowicz wird zu einer kranken, jungen Pro letarierfrau, einer Angestellten in einer der Strumpfwebereien Iiialystoks, gerufen. Er untersucht die Patientin, bemerkt, dass sie mangelhaft genährt ist, findet den Beginn von Tuberkulose und erblickt dann einen goldenen Ring am Finger der Kranken. Sehr geärgert fängt der Arzt nun ungefähr folgendermassen zu sprechen an: „Eine Krankheit im Herzen, keinen Tropfen Blut, nichts essen, aber Gold müssen sie haben! Der Teufel soll Euch alle holen! Oh, so ein Unglück! Da laufen sie um den Doktor Chazanowicz. Was ist denn los? Auszehrung. Woher kommt die Auszehrung, wissen Sie das? Sie essen nichts. Sie trinken nichts, Sie leben mit vielen Personen in einem Raum voll schlechter Luft und Sie kümmern sich nicht um Ihre Gesundheit. Dann kommt ein Schmerz, ein Stechen in der Seite. Zuerst sticht es nur wenig, und Sie lassen es anstehen. Dann, wenn Sie einen Teil Ihrer Lunge ausgespuckt haben, laufen Sie um den Dr. Chazanowicz. Sie brauchen neue Lungen, ein neues Herz. Sie bringen mir Halbrubelstücke. Wozu brauche ich Ihr Geld? Warum nehmen Sie nicht früher das Geld und kaufen Fleisch, Milch, Eier? Warum essen Sie nicht, zum Kuckuck? Dann werden Sie Kraft haben, dann werden Sie mich nicht brauchen. Aber *) Ueber diesen Vorfall lesen wir in Dr. S. R. Landaus Reisebeschreibungen ,,U n t e r jüdischen Proletariern" folgende Schilderung: „Dei Name Chazanowicz ist aber auch mit einer i*> litischen Affaire verknüpft, die vor mehreren Jahren die gesamte öffentliche Meinung Russlands aufregte. Damals hat ein polnischer Arzt in Bialystok einem jüdischen Knaben, der, von kindischer Naschsucht beherrscht, in seinem Garten einen Apfel pflückte, mit Lapis auf der Stirn das Wort „Dieb" eingebrannt. Ein Schrei der Entrüstung entrang sich aus der Brust aller gesitteten Menschen in Russland. Die europäische Presse, insbesondere die englische, beschäftigte sich eingehend mit dieser unmenschlichen Tat, und die Engländer veröffentlichten auch das Bild des Knaben. Als Inspirator der auswärtigen Presse und der darin gegen Russland enthaltenen Angriffe wurde, besonders auf Betreiben des polnischen Arztes, der sich gleich seines jüdischen Konkurrenten entledigen wollte, Dr. Chazanowicz hingestellt. Er wurde aus Bialystok auf zwei Jahre verbannt, die er in Lodz zubrachte; dem unmenschlichen Verbrecher geschah nichts. Den Knaben schickte die Judengemeinde nach Amerika. Und dann wurde es wiederum stiller. Neue Ereignisse lösten das alte ab." nein, Sie müssen goldene Ringe haben. Brazelets, goldene Uhren, feine Kleider und mit der Mode gehen. Unter den schönen Kleidern schmutzige Wäsche, und der Körper so dünn wie ein Faden, kein Tropfen Blut drin. Wie können Sie gesund sein?" Obwohl er die Leute auszankt und ihnen vorwirft, dass sie nicht ordentlich essen und keine Luft in ihre Wohnungen hineinlassen, ist er der erfolgreichste Praktikus in Bialystok. Das Geld, das er jedes Jahr verdient und dann in Büchern für die National-Bibliothek von ferusalem anlegt oder an Arme und Bedrückte verschenkt, beläuft sich auf einen stattlichen Betrag. Er hat keine Familie, und sein Heim ist eine regelrechte Unterkunftsstätte für bedürftige Gelehrte, Studenten und Lehrer jeder Art. Dr. Chazanowicz kommt von einer beruflichen Visitenrunde mit geldgefülltcn Taschen heim. Er wirft das Geld auf den Tisch und fordert die erlesenen aber verarmten Geister, die in seinem Hause Zuflucht fanden, auf. sich zu helfen. Obwohl nicht mehr als sechzig Jahre alt, ist Dr. Chazanowicz's Haar schon sehr weiss; die Linien seines Gesichtes sind eigenartig originell; ein kindlicher Liebreiz ist über sejn Antlitz gebreitet, die natürliche Klarheit und Reinheit der Seele leuchtet aus seinen Augen. Aber man erblickt darin auch eine schmerzliche Trauer, von der Bitternis seines Lebens hervorgerufen. Man erzählt, dass die Pogroms einen schrecklichen Eindruck auf ihn gemacht haben. Seitdem hat er sich ganz zurückgezogen. Er nimmt an öffentlichen Angelegenheiten keinen Anteil mehr. Er sucht niemals einen Platz im Vordergrunde, und er vermeidet alle Gelegenheiten, bei welchen ihm die Leute Auszeichnungen anbieten. Seine ganze freie Zeit weiht er dem einzigvn Ideal seines Lebens; der Nationalbibliothek in Jerusalem. Die Institute der ß. @. ft. in Russland. Bericht von E. Tis 8 er and, früherem Gentraidirektor im französischen Ackerbauministerium, an den Präsidenten der J. C. A. Geehrter Herr Präsident! Ich habe soeben eine fünfwöchige Rundreise durch eine Anzahl israelitischer Kolonien, Ackerbau- und Gartenschulen Polens und Russlands beendet. Während dieser Reise habe ich die Landwirtschaftsschule in Czenstoniew und die Gartenbauschule in Czenstochowa in Polen, die landwirtschaftlichen Kolonien von Pawlowo und Constantinowo bei Rogani, die Ackerbauschule in Minsk, die Gartenbauschule in Mohilew und die Handwerkerschule ebendort, ferner die schönen Baumschulen in Soroki am Ufer des Dniester, die landwirtschaftliche Kolonie in Dombroveni, die prächtigen Weinbergsanlagen in Resina, die Schule von Novopoltavka, sowie die zahlreichen Spar- und Darlehenskassen inspiziert, die während der jüngsten Zeit in den von mir besuchten Ortschaften eingerichtet worden sind. Ich behalte mir vor, Ihnen Einzelbericht über alles zu schicken, was ich gesehen habe, über die Verbesserungen, die ich konstatieren konnte und die zur Fortsetzung des angefangenen Werkes noch einzuführen sind. Doch möchte ich ohne Verzug den Eindruck melden, den ich auf meiner Reise erhalten habe. Der Landwirtschafts-Betrieb. Dieser Eindruck war im ganzen gut. Das Amelioratioinswerik ist durchwegs gut geführt, das