Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 48 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Neue National-Zeitung" und Gewissenszwang, das war es, was unser Dasein vergiftete. Denn nichts, nichts ist vergleichbar der religiösen Verfolgung, dem Kingriffe in den Gewissensbereich, in den in der riefe der Seele ruhenden Gottesbegriff, dem religiösen Martyrium, nichts ist vergleichbar der Empörung, der Verbitterung, welche darob das Menschcnherz empfindet. Schon lauge vorher hatte die Sonne der Freiheit über unsere Glaubensbrüder geleuchtet in den westlichen Staaten Europas, als noch Xcbel und düstere Wolken unser, unserer Voreltern Dasein umhüllten. Gunst und Gnade wurde uns da und dort zuteil. Auch mitunter et i und dort ein Recht und ein Rechtlein. Aber vom Rechte, das mit uns geboren ist, nach dem war leider nicht die Frage. Da, ein Sonnenstrahl ze's'.reute Nebel und Wolken. Die Sonne durchbrach das Düster, die Nacht. Alle Kräfte zu vereintem Wirken im Waterlande, rief unser Kaiser: Hervor aas den Niederungen, ihr Bedrückten! Das Bürgerrecht! Das gleiche Recht allen Bewohnern des Reiches! Welchem Stande, welcher Gesellschaftsschichte sie angehören, wes Glaubens sie seien, wie immer'sie ihrem (rotte dienen! N icht Freiheiten, sondern F r e i h e i t: X i c h t Rechte, sonder n R c c h t! Das war ein Kaiserwort, herrlich in der Geschichte unseres Vaterlandes, in der Regierungsgeschichte unseres Kaisers! Ein Kaiserwort, das wir wieder und wieder und so erst jüngst, vor wenigen Tagen, hörten. Ein Machtwort, das seine Ausgestaltung in den von Sr. Majestät sanktionierten Staatsgrundgesetzen findet. Glück und Segen dem Munde, der dies Wort gesprochen, Heil und Segen, der Hand,, die es geschrieben, Heil und Segen unserem weisen, gütigen, ' gerechten Herrn und Kaiser. Möchten doch keine edlen Intentionen, möchte sein erhabener Geist alle diejenigen erfüllen und erleuchten, welche jene Gesetze zu vollziehen berufen sind, 211 vollziehen berufen wären. Wir haben eine Huldigungsadresse verfasst, welcher durch Vermittlung des österreichischen allgemeinen israelitischen Rundes sich an 500 Kultusgemeinden Oesterreichs angeschlossen haben- Mir. im 78. Lebensjahre, am Ende meiner Tage stehend, war noch dieses letzte Glück, diese letzte Freude und Auszeichnung zuteil, an der Spitze der Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinden der Kronlandshauptstädte Oesterreichs die Huldigungsadresse Sr. Majestät unterbreiten zu dürfen. Nachdem unser ehrwürdiger Oberrabbiner für sich und für uns alle Anwesende die Allerhöchste Gestattung, dass wir das Haupt bedecken, erbeten und erhalten und in der ihm eigenen weihe- und würdevollen Weise den Segen hebräisch und deutsch über Sc. Majestät gesprochen hatte, ergriff ich das Wort zu folgender ehrfurchtsvoller Ansprache: (Hier folgen die bereits in der vorigen Nummer veröffentliche Ansprache an den Kaiser und dessen Antwort.) Und nun aus vollem Herzen fasse ich die Empfindung, die uns an dem heutigen Gedenktage des Allerhöchsten Regierungs-Jubiläums mächtig bewegt, in jenem Rufe zusammen, in welchen auch unsere Deputation vor Sr. Majestät einstimmte, in dem Rufe, der heute in allen Gemeindestuben unserer israelitischen Kultusgemeinden in Oesterreich widerhallt, in dem Rufe: Gott beschütze, Gott erhalte, Gott segne unseren geliebten Kaiser F r a nz J o seph E! Nach einem dreimaligen ..Hoch" wurde die Festsitzung geschlossen. Die Kaiserfeier in der Schiffschur. Am 29. November fand in der Schiffschul ein Festgottcsdienst zur 1 -Vier des Regierungs-Jubiläums statt. Iii der prachtvoll dekorierten, im Lichterglanze erstrahlenden Synagoge drängte sich eine tausendköpfige Menge in festlicher Stimmung. Jvabbiner Fürst feierte in ergreifenden Worten die hohen l ugenden des geliebten Herrschers, dessen Weisheit, (iereciitigkeit und Güte allen seinen Untertanen gewidmet ist. Redner grill der Liebe und Anhänglichkeit der Judenschaft beredten Ausdruck, dankte in zündenden Worten der Vorsehung, dass sie den gütigsten Monarchen 60 Jahre seinen Völkern erhalten habe und klang in das innige Gebet aus, dass der Aligütige unseren Kaiser noch lange, lange Jahre fahre zum Glücke seiner Völker in ungestörter Gesundheit ei halten möge. Rabbiner Fürst sprach sodann bei offener Bundeslade ein für die Gelegenheit verfasstes hebräisches Gebet, das von den Gläubigen andächtig angehört wurde. Dann sang Überkantor W i 11 m a n n das Kaisergebet. 'Fischienen waren Präsident Dr. Stern; in Vertretung der Fe/irksvorstehung der .Bezirksrat Herr Hess; von der orthodoxen Vereinigung Obmann H. Bernhard Hof bauer (auch für Machsike Hadass, I., Judengasse); Dr. S. R. Landau. Herausgeber der ,,Neuen National-Zeitung'*; Herr Otto, Vorsteher der C'hewra Kadischa, die Herren Dr. Strasser, Hirsch und Weinstein, Vorstandsmitglieder verschiedener Vereine. Nach. Schiuss des Festgottesdienstes hielt der Vorstand des ...Adas-; Jisroel" eine Festsitzung ab, in der einem tüchtigen Talmuds« hüler, David Baumgarten, Sohn des Herrn Rabb'natsnssrssor Baum garten ein Stipendium von 50 K verliehen und ein Huldigungstelegramm an Seine Majestät abgesandt wurde. ^utn Kaiserjubiläum. Der Empfang der Kultusrepräsentanzen. Ausser den von uns bereits genannten Mitgliedern der Deputation gehörten zu derselben noch die Präsidenten Biller :Graz) und Dr. Tilles (Krakau1, Vorstandsmitglied Dr. Graf und Rabbiner Dr. Brett holz aus Triest usw. Der Empfang der Deputation durch den Kaiser war sehr freundlieh und recht herzlieh. Nachdem Präsident Dr. Stern die Huldigungs-Adresse überreicht und dazu bemerkhatte, dass es leider dem Abgesandten der Kultusgemeinde Ragusa — Zara hat keine Kuhusgemcinde nicht mehr möglich war, rechtzeitig in Wien einzutreffen, begann der Cercl e. An Dr. Stern richtete der Kaiser die Frage, woher er sei und wie lange er schon in Wien wohne, Dr. Stern antwortete, er sei Wiener und 77 Jahre alt. Da meinte der Kaiser: „Dann sind wir ja A1t c r s k o 11 e g c n." Beim ()berrabbiner Dr. (i ü d e m a n n erkundigte sich der Kaiser, wie lange er schon in Wien sein Amt versehe. Dr. Güdemann gab zur Antwort: 41 Jahre. Die längste Unterredung hatte der Kaiser mit Rabbiner Dr. B r e 11 h o 1 z. Das Erscheinen speziell der Deputierten aus Triest hat den Kaiser recht angenehm berührt. Er erkannte schon an der sehr malerischen Amtstracht des Dr. Brettholz, dass dieser nicht aus Wien sei und fragte ihn, wie lange er schon in Triest lebe, woher er sei und ob er in Triest italienisch predige, was Dr. Brettholz bestätigte. Zu Dr. Rose n b arher, der aus Prag kommt, äusserte der Monarch, dass Prag eine der ältesten Kultusgemeinden sei. Mit dem Vizepräsidenten, Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, sprach der Kaiser über die, Arbeiten im Landesschulrat, meinte, dass Dr. Kohn dort viel zu tun habe und fragte ihn, wie lange er schon im Landesschulrat sei.