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Neue Nationalzeitung · 1908-12-04 · Heft 48 (4.12.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48. „Neue NationaFZeitung" Seite 3. OBERRABBINER Dr M. GÜDEMANN: ©er Heiser und die Utiden.*) Alan hat sich >so sehr daran gew öhnt, die Juden als etwas für sich Bestehende--, mit der übrigen Bevölkerung in gar keinem Zusammenhang Befind - hches zu betrachten, dass man unwillkürlich in der Charakteristik einer bedeutenden Persönlichkeit. deren' Verhalten zu den Juden als eine besondere KUmmer registrieren zu müssen glaubt. Es ist um er diesen .Umständen fast befremdlich, dass noch niemand darauf verfallen ist, eine Abhandlung über das Thema zu schreiben: „Der liebe Gott und die Juden". Ein solches Thema auch nur erwähnen, heisst diese ganze Betrachtungsweise, welche die luden auf einem Isolicrschemcl stellt, schon ad absurdum führen. Sie erklärt sich ja aus den Zeit Verhältnissen hinlänglich. Die Juden sind heute einmal die allgemeine Zielscheibe, für viele in der Richtung, dass sie die Pfeile ihr'-s f ],ts>e> darauf abschiessen, für manche in der Absieht, das öffentliche Urteil darauf hinzulenken, sei es auch nur deshalb, um es von anderen Dingen abzulenken, für ganz wenige :ui dem Zwecke, um das \on allen Seiten bedrohte, entstellte und verdunkelte Objekt doch auch mit einigen Strahlen der im Untergange begriffenen Menschenliebe zu beleuchten. Wenn nun die lobliche Redaktion dieses Blaues mir das Thema ,,Dcr Kaiser und die Juden" zur Bearbeitung gestellt hat. so kann ich nach den obigen Ausführungen nichts anderes darüber sagen, als das> es jedes tatsächlichen Inhaltes entbehrt. Und dr.mit glaube ich auf ein in dem reichen Lorbeerkranze unseres Kaisers befindliches Blatt aufmerksam gemacht zu haben, dasicher nicht das unscheinbarste ist. Unser Kaiser hat es wiederholt ausgesprochen, dass seinem landesväterljchen Herzen alle Untertanen seines grosse*n Reiches ohne Unterschied der Nation und Konfession gleich nahe stehen. Er hat aber dieses grosse Wort nicht bloss ausgesprochen, sondern auch betätigt, denn die Inschrift an dem äusseren Burgtor „Justitia regnorum fundamentum" hat in der langen Regierung unseres Kaisers eine ununterbrochene Verwirklichung gefunden. Dieser Gerechtigkeit" aber würde ein Thema „Der Kaiser und die Juden" schon als Problern widersprechen. Es ist ja gerade die Unterschiedslosigkeit und < deichberechtigung. die der Kaiser sanktioniert hat und heilig hält, welche die Juden zur grössten Dankbarkeit gegen ihn verpflichtet. Sie preisen es als seinen Ruhm und ihr Glück, dass er keine besondere Stellung ihnen gegenüber einnimmt, durch die sie ja nur den anderen Staatsbürgern ungleich werden könnten und auf eme Stufe der Erniedrigung herabsinken würden, auf welcher die Juden unter manchem anderen Szepter sich leider noch befinden. Wenn dennoch das Thema „Der Kaiser und die Juden" eine Berechtigung haben soll, so könnte sie ihm nur .nach zwei Richtungen zugesprochen werden. Einmal, insofern es sich um die Schilderung der Seelengvösse und Charakterhoheit handeln würde, womit der Kaiser unbeirrt durch alle Zeitströmungen und ungleich so manchen anderen Herrschern, an der Gleichberechtigung aller Staatsbürger festgehalten hat, wovon allerdings die Stel- *; Wir entnehmen obigen Artikel dem ..N. Wr. Jrnmi;il". Wu'w.thl wir den dann einher. »mtm-iK'ii SCind'.unkt n;eln akzeptieren, w\illeii wir denn.ich dein jiidis< In n Lese I'ubükum C«eh Geilheit i;ebcn. die Ansichten des Wiener < »herrahhiners kennen tu lernen. Anm. d. Kid. hing der Juden ein leuchtendes und ruhmvolles Beispiel darbietet. Aber diese Schilderung licsse sich in Worten nicht erschöpfen. Sodann könnte dieses Thema zu einer Beurteilung des Wetteifers ausgesponnen werden, in dem die Juden mit den übrigen Staatsbürgern sich bemühen, ihre Liebe und Dankbarkeit für den Kaiser zu betätigen. Aber darüber ziemt es den Juden, also auch mir, zu schweigen. Festsitzung des Kultus« Verstandes. Wien, 2. Dezember. Zur Feier des oojährigen Regierungs-Jubiläums Kaiser Franz Josefs L l\\t der Kultusvorstand im Anschlüsse an den Festgottesdienst um 12 Uhr mittags im Sitzungsaale eine Festsitzung veranstaltet. Zu derselben wurden die illustren Persönlichkeiten der Wiener jüdisc hen .Gesellschaft aus den Kreisen der Haute Finance, Beamtenschaft, Abgeordneten. Presse, Handelswelt usw. geladen. Dieselben haben auch zum grossen Teil der Einladung Folge geleistet. Es erschienen Frau Baronin Königs wart er, die Herren Generalstabsarzt Doktor Zuckermann. David Ritter von Gut mann, die Abgeordneten 1 lotrat K u r a n d a, Dr. Straucher, Dr. Maliler und Stand, Hofrat Dr. Oser und Hofrat Dr. Politzer, die Oberlandesgerichtsräte Dr. L ö w n . - r und I )r. S p i t z k o p f. Reg.-Rat Doktor Schlag, die Herausgc!);-*- der jüdischen Blätter, die Rabbiner Dr. Rosen mann und Dr. Kaminka, sämtliche Mitglieder des Kultusvorstandes usw. Die Festsitzung wurde vom Präsidenten Doktor Stern eröffnet, «elc her folgende Ansprache hielt: Sehr geehrte Festversammlung! Tief ergriffen, in weihevoller Stimmung, noch unter dem mächtigen Eindrucke des Festgottesdienstes stehend, der herrlichen Psalmengesänge, der gehörten meisterhaften Festrede, betreten wir unseren alten Beratungssaal. Fürwahr, alt ist der Saal, in dem wir tagen, alt das Haus, alt und eingeschlossen, in dem alten Hause versteckt unser Tempel und durch diese Aeusscrlichkeit ein Bild der Zeit, in der unsere Vorfahren, in der auch ich und meine Altersgenossen lebten. Frei Innauszutreten, offen und \«or aller Welt unsere religiösen Anschauungen und Empfindungen in den Formen unserer G'ottesverehrung zu bekunden, war uns verwehrt. Und selbst die Errichtung dieses Gotteshauses in seiner 'Verstecktheit verdankten wir aiur der Gunst, der Gnade. Wohl konnten wir unseren Herzen das Trosteswort zuflüstern: ,,Es ist ein Trost der Bedrückten, Genossen ihres Missgeschickes zu haben." Denn auch auf Hunderttausenden und .Millionen andersgläubiger Mitbürger lasteten Rechtsschmälevung und Gewissensbedrückung. Bevorrechtuug in Abstufungen einerseits. Rcchtssehmälerung, Unterdrückung des Rechtes der Persönlichkeit in ihrer freien Entfaltung anderseits in allen Lebenswegen, das w ir die Signatur der Zeit vor sechs Dezennien in unserem Vaterlande und auch anderwärts. Wohl. Genossen im 1 Missgcschickc hatten wir bei Andersgläubigen nach Millionen. Aber nicht allein die reichhaltige, erfinderisch..* Mannigfaltigkeit der Bedrückung, die uns betraf, uich deren Ursache und beabsichtigte Wirkung, der Gl ubeiis-

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