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Neue Nationalzeitung · 1908-11-27 · Heft 47 (27.11.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 47 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 47. Jiünglingen ihr gesunder, natürlicher Humor nicht ab. So blieb des „Jeschiwah* ein wichtiger Faktor im jüdischen Leben bis ins 19. Jahrhundert hinein, als Männer, wie Dr. Moritz Goldstein und Abraham Geiger gegen diese Schulen auftraten und sie als schädlich für das Judentum hinstellten. Dies war begründet in der veränderten Lebensanschauung der Juden, die in diesen Schulen das Lehren profanen Wissens vermissten. Da es aber nicht in dem Charakter der „Jeschiwah" lag, für einen Beruf auszubilden, entstand die Notwendigkeit, Rabbinerschulen zu gründen, in denen die geistigen Führer der Gemeinde eine systematische Ausbildung erhalten sollten. Die genannten Männer betonten es und drangen darauf, dass der Rabbiner an allgemeiner Bildung, an Gewandtheit im Ausdruck auch dem Gebildetesten in der Gemeinde nicht nachstehen dürfe. Was uns heute nebst Rabbinerseminaren nottut, um doch einen Ersatz für die ideale Ausbildung der jüdischen Jugend auf „Jeschiwah" zu schaffen, ist die Gründung von jüdischen Volks-, Bürger- und Mittelschulen. Auch müsste die Universität-jugend Gelegenheit haber, sich an jüdischen Wissen lo tzuhilden. Die jüdische Studentenversammlung von CZcrn nvitz hat am 15. d. M. folgende Resolution gefasst: „Die am 15. d. im Hörsaale Y tagende jüdische Studentem er.sammlung an der Franz Josefs-Universität in Czenv. nvitz. protestiert energisch gegen die unerhört niedrige und tückische Art der l e i> e rfälle von deutschnationalen auf ein/eine jüdi-chnationale Studenten Sie sieht in den letzten Ueberfällen nur den Ausbruch oimr schon seit Jahren geführten s> somatischen Ii et/e gegen die jüdischen Studenien a n d e r \Y 1 e n er l n i v e r s i tä t, einer Hetze, ilie darauf gerichtet ist. die jüdischen Studenten, nachdem ihnen durch die Waidhofener Beschlüsse die soziale Gleichwertigkeit abgesproclvii wurde, auch noch \<»n der Universität selbst zu \ eidningen. Die Versammlung verwahrt sich auf das Entschiedenste dagegen, dass der Wiener akademische Senat, dem Drucke der deutschnationalen Studenten nachgebend, die nur in gerechter Abwehr um ihr Recht kämpfenden jüdischen Minoritäten, unter Ausnahmsgesetze stellt und erwartet von jener Behörde, dass sie den gefassten Beschluß ausser Kraft setzen werde. Die Versammlung drückt der für die Ehre und Yoilbcrechtigung kämpfenden jüdischen Studentenschaft die herzlichsten Sympathien aus und erklärt feierlich, mit allen Mitteln sie in ihrem Kampfe zu unterstützen.*' Die jüdischen Handlungsreisenden aus Oesterreich sollen in Russland im Sinne des Handelsvertrages die ganz gleiche Behandlung wie die Reisenden aller Konfessionen erfahren. In der Praxis werden aber die jüdischen Reisenden ganz a nd e r s behandelt als die Reisenden anderer Konfessionen, indem in erster Reihe die Pässe ganz anders vidiert werden, resp. der Pass eines jüdischen Reisenden vom Konsulat nur dann vidiert wird, wenn derseble eine Vollmacht vorlegt, dass er im Namen einer protokollierten Firma reist. Die Stampiglie des Visum?- auf dem Passe eines jüdischen Reisenden sieht ganz anders aus, als die Stampiglie für die Andersgläubigen. Ein Reisender mit sogenanntem ,,j üdischen Stern p e 1" wird sowohl beim Uebcrtrittc der Grenze, als auch in Russland selbst ganz anders behandelt, wobei derselbe allen möglichen Chikanen ausgesetzt ist. Diese Frage wurde bei der Sitzung der Zentralstelle in Bozen behandelt, jedoch wurde von dem Referenten der Standpunkt vertreten, dass die Zentralstelle sich bei der Behörde dafür n i c Ii t einsetzen kann, dass die jüdischen Reisenden gleich den Andersgläubigen behandelt werden, und zwar aus dem Grunde, weil nach Ansicht des, Referenten auch die jüdischen russischen Untertanen anders behandelt werden als die Andersgläubigen. Der Vertreter der Czernowitzer Handelskammer, kaiserl. Rat Goldlust, stellte das Ersuchen, den Antrag der Wiener Kammer, dass bei der gegenwärtigen Sachlage eine weitere Konzession nicht zu erreichen sei und daher ein diesbezügliches Vorgehen (1er Zentralstelle derzeit als aussichtslos zu unterbleiben habe, abzulehnen und die Forderung auszusprechen, dass die Yidierung der Pässe der jüdischen Reisenden genau so wie die der christlichen Reisenden erfolge. Trotzdem von allen Kammern (der Umstand, dass die jüdischen Reisenden in Russland schlechter behandelt werden als die Andersgläubigen, besonders hervorgehoben wurde, wurde doch bei der Abstimmung der Antjrag des KR. Goldluft abgelehnt, da für denselben nur die Handelskammern Krakau, Lemberg und Triest stimmten, während alle anderen Kammern gegen diesen Antrag stimmten. Die Czernowitzer hat nun den Beschluss gefasst, beim hohen Handelsministerium sowie beim Ministerium des Aeussern vorstellig zu werden, dass die jüdischen Handelsreisenden nach Russland gleich den Andersgläubigen behandelt •werden, resp. dass die Vidierung der Pässe der jüdischen Reisenden genau in der Wieise wie die der christlichen Reisenden' ■erfolge. Jfitcpatur. Dr. Ed. Lehmann: Mystik im Heidentum und Christentum. Uebersetzt von Anna Grundtvig. Druck und Verlag von B. G. Teubner. Leipzig 190S. Wiewohl das vorliegende, an Gründlichkeit so manches zu wünschen übriglassende. 10b Seiten starke Büchlein, sich ausschliesslich mit der Mystik des Heidentums und Christentums befasst, so kann dessen Verfasser doch nicht umhin, auch jüdische Lehren und Anschauungen in den Kreis seiner Betrachtungen zu ziehen, was in der Natur des behandelten Lehrstoffes gelegen ist Denn wer über Mystik im Christentum, schreibt, muss immer auf das ludeimun zurückgreifen, womit keineswegs gesagt sein soll, dass die Lehre des Judentums eine durchaus mystische wäre Bei der Besprechung der persischen Mystik ist das Zitat aus Hafiz' Werken sehr interessant, das lautet: ..Der Verstand ist ein im Schlamm steckender Esel.'" Wenn aber der Verfasser nachweist, dass der Sufi Gott Freund und Geliebten nennt, so hatten auch die betreffenden Stellen der rabbinischen Agada zitiert werden müssen, laut welchen Gott ,.mein Freund" genannt wird, wo ebenfalls die erotische Liebe von einem idealeren Hauch angeweht und nicht minder innig und zart ist. Sehr richtig bemerkt der Verfasser, dass der Grundion der Mystik überall c i selbe ist. d. h. dass er sich über Normen und Gesetze hinwegsetzt und nicht nur \om Sufi und Hindu, sondern auch vom jüdischen Kabbalisten darf man behaupten, er sei ein Uebermensch, der keinem Schulmeister der Welt Rechenschaft zu geben braucht. Das ist eben der grosse Unterschied zwischen den Mystikern und Kabbalisten einerseits und den lächerlichen spiritistischen Krämern anderseits Die Kabbalisten vertreten eine Weltanschauung, sind Idealisten, der indische Mystizismus nicht weniger, der Fakir, Wundermann und Spiritist dagegen, der Vorstellungen gibt, Kranke angeblich heilt und Sterbende gesundbetet, ist der verächtliche Krämer, der eine ideale, wenn auch falsche Weltanschauung zu Zwecken der Gewinnsucht, im günstigen Falle der aufgeblähten Eitelkeit in unverantwortlichster Weise missbraucht. Von tlieser Anschauung wahrscheinlich ausgehend, meint dann der Verfasser mit Recht, dass nicht alles Mystische gleich Mystik bedeute. Bei der Besprechung der Mystik des Neuen Testamentes sagt der Verfasser sehr richtig, dass das Leben der Persönlichkeit für den Christen deswegen vom Anfang an eine selbstverständliche Voraussetzung wurde, weil es in der Schmiede des Judentums geschweift und gegossen worden war. Viele einseitige christliche Theologen werden allerdings geneigt sein, dieser wahren Behauptung des Verfassers entgegenzutreten. Gar oft verwickelt sich der Verfasser in krasse Widersprüche. So zum Beispiel bei der Beurteilung Philos als Schriftsteller, von dem er zuerst sagt: „Hier (in Alexandrien) lebte in scheuer Zurückgezogenheit der fude Philo, ein grübelnder und schreibender (sich Mann mit genialen Einfällen, aber ohne literarisches Talent, leichtgläubig und dilettantisch . . .*' Kurz darnach heisst es: „Und beständig , seit Philo b'ejbi Alexandria die Stadt, die die Denkarbeit liefert, und ganz merkwürdig ist zu beobachten, wie getreulich das christliche Denken, indem es auf Wissensehaft und Offenbarung eine Einheit erbauen will, die Pfade einschlägt, die der alexaudrinische Jude gewandelt." Wir glauben kaum, dass der Geist und das geistige Schaffen eines Mannes, der ein Dilettant ist und kein literarisches Talent besitzt, für christliche Gelehrte behufs Schaffung einer Einheit zwischen Wissenschaft und Offenbarung Jahrhunderte lang die Denkarbeit hätte liefern können. Der grosse Archäologe und Semitist weil. Daniel Haneberg (1816—1876), der zuerst Professor an der theolog. Fakultät der Universität zu München und später Bischof zu Speyer war. gelangte nach jahrelangem ernsten Studium zu einem ganz anderen Urteil über die Qualität des geistigen literarischen Schaffens Philos. Die Schreibart Philos, sagt Haneberg, ist rhetorisch und geziert. Manche Stellen können mit den schönsten Arbeiten der Alten wetteifern Doch hie und da vergisst er alles Mass, z. B. wenn er anderthalb hundert Epitheta ununterbrochen aufeinander folgen lässt. um die Wollust zu signalisieren. Noch begeisterter über die Grossartigkeit der literarischen Tätigkeit Philos drückt sich Haneberg an einer anderen Stelle aus. wo er sagt: „Niemand weiss unter den. Alten das Leben der Seele treffender zu zeichnen, als Philo. Das Leben der Patriarchen wird unter seiner Hand eine Musterpflanzung aller sittlichen Ausbildung der Menschheit, weshalb der hl. Ambrosius, freilich ohne Philo zu nennen, starken Gebrauch von dessen Homilien macht . . ." Im Grossen und Ganzen jedoch ist das Büchlein inhaltsreich und sehr belehrend. Der lebendige Stil, die glänzende

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