Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 47 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. GgMEiNö5=^o V5RI5iNSNrHftRitBSW Wien. (I. Wiener Jüdischer Turnvcrci n.j Mit Rücksicht auf die rebeifüllung der bisherigen Turnzeit und um weiteren Kreisen die Teilnahme am Turnen zu ermöglichen, wird nunmehr in 2 Turnzeiten geturnt, und zwar Montag und Donnerstag vt>n halb 6 bis dreivierte! <S und von <S bis viertel 10 Uhr abends. Anmeldungen werden am Turnplatze des I. Wiener Jüdischen Turnvereines, IX., Liechtensteinstrasse 20, entgegen genommen. Susanen weiraiigN Zum Nachfolger Hirszenbergs am „B e z a 1 c 1" in Jerusalem wurde der Maler Arnold Lachowsky aus Odessa berufen. Die Witwe nach Hirszenberg erhielt eine Stelle als Lehrerin der französischen Sprache am hebräischen Gymnasium, in J a f f a. S. P. Rabinowicz, der bekannte hebräische Schriftsteller in Warschau (Pseudonym Scheffer) befindet sich schwerkrank in Frankfurt a. M., wo er sich einer Augenoperation unterziehen muss. Die Orthodoxen und Neoloyen in Ungarn liegen sic h noch immer in den Haaren. Das Organ der letzteren „Egyenlöseg, hat jüngst den Präsidenten der orthodoxen Landeskanzlei in einer geschmacklosen persönlichen Weise beleidigt, weil er zur Widerlegungantisemitischer Angriffe des Klerikalen „Alkotmany" im evangelischen „Magyar SzöM dem orthodoxen Judentum das Wort sprach. Das Assimilanten-Organ behauptet dabei, dass in Ungarn von den 700.000 Juden, kaum 340.875 zur Orthodoxie gehören. Diese „Statistik" wird in der „Allg. Jüd. Zeitung" widerlegt, mit der Behauptung, es leben in Ungarn 800 000 Juden, wovon S/B der Orthodoxie angehören. Etwas Halbasiatisches. Wenn wir von Halbasien sprechen, so weiss man ja, dass damit seit F r a n z o s — Galizien gemeint ist. Allein es scheint trotzdem, dass die Menschen, die in Galizien wohnen, viel weniger Halbasien repräsentieren, als diejenigen, die aus dem kulturgesättigten Westen hinkommen. Wir finden daher in G-alizien recht zahlreich „halbasiatische" Elemente, deren Wiege nicht in Galizien gestanden ist. Hieher gehören zum grossen Teile Offiziere, speziell die Herren von der Kavallerie, die mitunter in den kleinen galizischen Städtchen Orgien an Zerstörungswut und antisemitischer Rücksichtslosigkeit feiern. Eine solche nette Geschichte erzählt der „Monitor" in seiner letzten Nummer. Da ist in Czortkow ein Major und Bataillons-Kommandant Seitie von Seltei, ein echter Christlich-Sozialer, der es als seine Pflicht erachtet, die Juden auszuhungern. Sein Opfer heisst Mendel Rosenzweig. Dieser Pechvogel hat eine Greisslerei und Trafik neben der Kaserne, aber seine Nase hält vor den gestrengen Augen des Majors die Ahnenprobe nicht aus. Der Herr Major fasst gleich seine Entschlüsse. Seine Soldaten dürfen beim Juden nichts kaufen; er stellt eine Wache vor die Tür des Juden. Aber nicht als Ehrenposten, sondern als antisemitische Warnung. Dafür werden Soldaten verwendet. Es wäre gut, wenn der Kriegsminister diesem netten Herrn das Handwerk legen würde, er soll sich lieber in den Wiener Gemeinderat von den antisemitischen Greisslern wählen lassen. Israalitische Kultusgemeindtn zählte man 1905 in Oesterreich 555, gegen 556 im Jahre 1900. Davon entfielen auf Niederösterreich 14; Oberösterreich 2; Salzburg 1; Steiermark 1 (wobei zu bemerken ist, dass die in Kärnten und Krain wohnenden Juden zur Kultusgemeinde Graz gehören); Triest, Görz und Gradiska je 1 (die in Istrien wohnenden Juden gehören zur Kultusgemeinde iir Triest); Küstenland 2; Tirol keine; Vorarlberg 1; Böhmen 205; Mähren 50; Schlesien 10; Galizien 252; Bukowina 15 und Dalmatien 2. g r Ein hebräischer Sprachkongress. In Berlin wird gegenwärtig ein Komitee gebildet für die Einberufung eines Kongresses für hebräisohe Sprache und Kultur. Dieser Kongreess soll ebenfalls Fragen der Propaganda, die Errichtung von Sprachkursen, Abhaltung von Vorlesungen über allgemeine Wissensgebiete in hebräifcoher Sprache behandeln, wie die Begründung von Fachkommisionen für die Erweiterung der neu-hebräischen Sprache, Begründung eines Verbandes hebräischer Schriftsteller, Kommissionen für Herausgabe einer Enzyklopädie, sowie für Herausgabe von Lehrbüchern, Wörterbüchern usw. Ferner soll eine ständige pädagogische Kommission, die sich mit allen Fragen der Erziehung zu befassen hat, gewählt werdeD. Die bestehenden hebräischen Veriagsanstalten sollen unterstützt, und neue event. begründet werden. Es sollen sodann Mittel gesucht werden, um das Hebräische als Umgangssprache in möglichst weiten jüdischen Kreisen einzuführen. Auf dem Kongress soll gleichzeitig der Grundstein gelegt werden für einen Kulturfonds, der die materielle Unterlage der Organisationsarbeiten bilden und die Mittel liefern wird für die Herausgabe von Zeitschriften etc. in hebräischer Sprache. Dr. Gustav Karpeles, Chefredakteur der „Allg. Zeitung des Judentums" feierte am 11. d. M. seinen 60. Geburtstag. Dr. Karpeles hat sich in den literarischen Kreisen durch seine Heine-Forschungen einen bekannten Namen erworben. Durch die Gründung der jüdischen Literatur-Vereine in Deutschland hat er sehr viel zur Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins beigetragen. Allerdings lässt die „Allg. Zeitung" den frischen Ton und die Schneidigkeit ihres Gründers Dr. Philippsohn vermissen. Jüdische Hoohschulen Im 18. und 19. Jahrhundert. Ueber dieses Thema sprach am 9. d. M. Herr Oberrabbiner Dr. Rosen« fe 1 d in der Czernowitzer „Emunah". In seinem mit grossem Beifall aufgenommenen Vortrage ging er zunächst von der grossen Bedeutung der jüdischen Schulen im Altertume aus. Die Schulen in Palästina (Judäa) und nach dem Untergange des jüdischen Staates in Babylon, waren Schulen für den Idealismus, sie sollten ihre Zöglinge zu Trägern des Judentums machen. Den Namen einer Hochschule verdienen diese Unterrichtsanstallten deswegen, weil sie sich mit dem Unterrichte des Talmuds befassen. Im Mittelalter und in der neueren Zeit, besonders im IB. und 19. Jahrhundert scharte ein einziger Mann hunderte von Jüngern um sich. Der Ruf seiner Gelehrsamkeit drang über die Grenzen seiner Heimat Sogar gereilte Männer, darunter auch solche, die schon eine Familie hatten, suchten den erleuchteten Lehrer auf, um zu seinen Füssen das Licht des Wissens zu empfangen. Derartige Schulen gab es ganz besonders in Deutschland, Polen, Mähren und Ungarn. Wir hörten davon, wie 13- bis 14j ahrige Jünglinge das Vaterhaus verlassen und in die weite Ferne ziehen, wenn sie der Ruf seines bedeutenden Lehrers anzeht. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, dasB diese Schulen nur ideale Kulturzentren waren und keineswegs die Ausbildung von Berufsrabbinern bezweckten. Die Jünger „Bashorüm" pilgerten vielmehr dahin, um am Lehrgebäude mitzuarbeiten und ihr Urteil zu schärfen. War doch der Stoff unübersehbar wie das Meer. Erst durch gemeinsame Arbeit entstand dasjenige, was zum Ausbaue des Religiösen notwendig ist. Aus diesem Unterrichte resultierten logische Schärfe, Schlagfertigkeit und eine überraschende Gewandtheit im Denken. Dabei ging aber den