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Neue Nationalzeitung · 1908-11-27 · Heft 47 (27.11.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 47 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. „Neue National-Zeitung" Nr. 47. sollten das Warten lernen. 1859 wurde von den Vertretern der israelitischen Kultusgemeinde in Wien eine umfassende Denkschrift ausgearbeitet und diese sämtlichen Ministern überreicht. Die Denkschrift verlangt für die Glaubensgenossen ^vollständige E m a n z i p a t i o n". Ein Zeitgenosse macht zur Ueberrekhung dieser Denkschrift folgende Bemerkung: „Wenn der jetzige Minister des Innern, Graf G oluchows k i, wie behauptet wird, wirklich der Schule des Grafen Stadion angehört, so wird er nicht umhin können, trotz seines angeblichen Vorurteiles gegen die Juden, den durch den Wiener Kultusvorstand vertretenen Ansprüchen der jüdischen Bevölkerung gerecht zu werden. Denn Graf Stadion, welcher bekanntlich längere Zeit an der Spitze G a 1 i z i e n s in rühmlichster Weise stand, stellte die Ansicht auf, dass namentlich in den p o 1 n i s r h c n Provinzen, wo es an einem eigentlichen Bürgertum fehlt, bei der zahlreichen jüdischen Bevölkerung die Elemente eines zu schaffende n B ü r g e r t u m s zu suchen seien .... daher sei die vollständige Emanzipierung der Juden im Interesse des Staates eine unabweisliche Notwendigkeit." Von demselben Grafen Stadion rührt auch die bezeichnende Aeusserung her: „Der Kremsierer Reichstag wollte die Juden nicht emanzipieren, wir wollen der W'elt zeigen, dass wir liberaler sind als der Reichstag." Auf den Schlachtfeldern Italiens brach auch die Reaktion zusammen. Schon 1859 wurden der politische Ehekonsens, und 1860 die Beschränkungen in der Zulassung der Juden zvim Gewerbebetriebe, sowie die ihrer Wohnrcchte aufgehoben. Sie konnten sich nun auch auf dem flachen Lande aufhalten, unbewegliche Güter in ganz Oesterreich, ausser in Galizien und der Bukowina, erwerben. Und wieder kam ein furchtbares Kriegsjahr für Oester;eich. Auf den blutgetränkten Feldern Böhmens und Mährens brach das reaktionäre System des Verfassungssistierers B e 1 c r e d i zusammen, Oesterreich kehrte zum Dualismus Maria Theresias zurück und der Ausgleich mit Ungarn vom Jahre 1867 führte zur Begründung der" •österreichischen Verfassung, vom 21. Dezember dieses Jahres. Damals gingen auch den Juden Oesterreichs die Hoffnungen in Erfüllung, für die ihre Freiheitskämpfer von 1848 ihr Blut geopfert. Die einzelnen Religionsgenossenschaften, demnach auch die Juden, erhielten nun auch das Recht, ihre inneren Angelegenheiten selbständig zu ordnen und zu verwalten. Die durch die Staatsgrundgesetze verbürgte Glaubens- und Gewissensfreiheit konnte unter der Herrschaft des Konkordats nicht aufkommen. Die Maigesetze vom Jahre 1868 erklärte Pius IX. in seiner Allokution für nichtig und ungültig. Die Folge war, dass das seit 1855 bestehende Konkordat von der Regierung 1870 als nicht mehr zu Recht bestehend erklärt wurde. Es gehört nun nicht in diesen kurzen Ueberblick, alle die Wandlungen zu betrachten, welche das Verfassungsleben Oesterreichs seit diesem Jahre durchmachte. Und wie verschiedenartige Erscheinungen treten uns hier entgegen, infolge der zunehmenden nationalen Agitationen in Böhmen und Mähren und der wechselnden Wahlordnungen. Gesetzlich waren die Beschränkungen der Juden allerdings aufgehoben, aber die ihnen staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung wurde praktisch nicht durchgeführ. Gerade wahrend der als liberal bezeichneten Aera wurden die wenigsten jüdischen Beamten, die wenigsten jüdischen Lehrer angestellt. Wir sind heute im Reinen darüber, dass der Freisinn der ehemaligen Verfassungspartei nur ein Pseudoliberalismus war und ihr ganzes Wirken den Stempel der verhängnisvollen Halbheit trug. Die Berührung mit dem Volke hatte jene Partei ganz verloren. Mit dein 16. Februar 1879, da A uersperg und Unger ihre Entlassung erhielten, Taaffe das Ministerium des Innern und damit die Leitung der Neuwahlen übernahm, und die Tschechen in den Reichsrat eintraten, ging es mit der seligen „Vereinigten Linken" rapid bergabwärts und immer mehr baute sich das neue Verfassungsleben Oesterreichs auf nationaler Grundlage auf. Die nationale Bewegung in Oesterreich brachte uns Juden den seit 1880 in Deutschland gleichsam offiziell anerkannten Antisemitismus. Jm vorigen Jahre konnten wir das 25jährige Jubiläum der Einführung dieses Gewächses in Oesterreich begehen. Ein trauriges Datum! Was nützte es, dass das feudale Ministerium des Grafen Taaffe schon im Jahre 1880 den Entwurf eines Gesetzes dem Reichsrate vorlegte, das bestimmt war, die politischen und kulturellen Angelegenheiten der Judengemeinden von einander zu trennen und damit den Grund zu legen zu einem Gesetze, das erst 10 Jhre später in Kraft trat und die, definitive Regelung ,,d eräusscrliehen Rechtsverhältnisse der israelitischen R e 1 i g ions - G e no ss e ns c ha lt" bezweckte. Die Rechte der Judengemeindeu wurden hier gesetzlich statuiert und täglich wurde von gewissenlosen Agitatoren und derem Gefolge man kennt ihre Namen sehr wohl — das Recht des Judentums verletzt, das ihnen die Dezemberverfassung verbürgt hatte und das sie im Namen der Humanität zu fordern berechtigt waren. Ein jüdischer Journalist aus den 50er Jahren tröstete sich, dass das Mittelalter ja doch vorüber sei. Hätte doch der Mann der Gerichtsverhandlung von Nyiregyhäza beigewohnt, er wäre anderer Meinung geworden. Auch die Juden rafften sich auf, auch unter ihnen begann der nationale Gedanke aufzuleben. Genug des Lehrreichen enthält die Geschichte der Juden in Oesterreich in den verflossenen sechzig Jahren. 1848, 1859, 1867, 1890, 1897. 1907. diese Jahre sind wahre Merkzeichen, Zijunim, für die Juden Oesterreic hs in diesem, vom geschichtlichen Standpunkte gesprochen, kurzem Zci räume. Und am Schlüsse dieses kurzen Rückblickes angelangt, schauen wir zuversichtlich empor zu dem starken Felsen, auf dem der Thron unseres erhabenen Monarchen errichtet ist. Ihn umbranden die hochgehenden Wogen der Zeitereignisse. Möge unser Monarch, ^ein Sohn der Freiheit", noch durch viele Jahre ein verjüngtes, starkes Oesterreich erschauen und sein mächtiger Schutz auch unserem Judentum zuteil werden, das, so hoffen wirt aus allen seinen Kämpfen siegreich hervorgehen wird. Freunde und Gesinnungsgenossen! Verfanget in euren Gast- und Kaffeehäusern die =Z„NEUE NATIONAL-ZEITUNG".= ■»■»g+«»a »■♦■»■♦■■♦■»■<■»■»■•■♦■♦»♦■♦■♦■

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