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Neue Nationalzeitung · 1908-11-27 · Heft 47 (27.11.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 47 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47. „Neue National-Zeitung" Seite H. Oberrabbiner Dr. ROSENFELD (Czernowitz): 2£um Kaiser «Jubiläum. Was wir in den Psalmen, in den Sprüchen Salomes, in den Propheten und in der nachbiblischen jüdischen Literatur Schönes und Erhebendes in Bezug auf einen König lesen, findet alles Anwendung auf unseren erhabenen Kaiser. I nd wenn man ein Schriftwort 'oder eine Talmudstelle zur Charakteristik der Jubiläumsfeier der sechzigjährigen segensreichen Regierung des geliebten Kaisers wählen will, so scheint es. als würde sich das wiederholen, was die talmudische Sage von den Steinen erzählt, die alle an den Stammvater Jakob, als er auf der Wanderung nach Charan begriffen, auf offenem Felde übernachten musste, sich herandrängten und baten, dass er sie dessen würdige, sein Haupt auf einen von ihnen zur Nachtruhe zu legen. Ich' bin der Geeignete so sprechen zu uns die herrlichsten Schriftsteller um ,,Malkizedek", den gerechtesten, edelsten Herrscher zu verherrlichen. Das Psalmwort ,,Preiset den Ewigen alle Y ö 1ker, lobsinget ihm alle Nationen, denn mächtig war über uns seine Gnade und die Treue Gottes waltet immerdar, Hailelujah", gilt sicherlich für den kommenden grossen Festtag, denn alle Yölker Oesterreichs wissen sich eins in der Liebe und Verehrung für Kaiser Franz Josef 1. und alle zivilisierten Nationen des Erdballs bewundern den greisen und weisen Friedensfürsten. Aber wir Juden der österreichisch-ungarischen Monarchie, denen der Kaiser das Bürgerrecht verlieh, empfinden ganz besonders das Bedürfnis, dem geliebten Monarc hen jubelnd und huldigend zuzurufen: ,,l)u liebst Recht und hassest Frevel, darum hat Dich auch Gott, Dein Gott, gesalbt mit Wonneöl vor Deinesgleichen." Wir wissen es, dass wir — wenn auch sonst \ erkannt und in unseren Rechten verkürzt von unserem Kaiser stets Recht und Gerechtigkeit erwarten dürfen. Lind so viel jüdische Gotteshäuser es in nesterreich gibt und so viele jüdisch empfindende Herzen in Oesterreich schlagen, aus allen wird am 2. Dezember dieses Jahres das herzinnige Gebet zum Schicksalslenker emporsteigen: ,,() Gott, füge T a g e h i n z u z u d e n Tagen des H e r r s c h e r s, sein e J a h r e s e i e n w i e G e s c h 1 e c h t u n d G eschlech t" — e n d 1 o s a n Zahl, z a h 1 1 o s a n Glück. PROF Dr. M. GRUENFELD: 1848-1908. (Blick aaf die Geschichte der Jaden Oesterreichs in diesem Zeltraime.) In vornehmer stiller Umgebung erhebt sich auf dem Olmützer Bischofsplatze die Residenz de-, mächtigen Erzbischofs. Sie umgeben die Residenzen der Domherrn und in ihrer Nähe ragt der jetzt mit zwei Türmen gekrönte Dom empor. In diesem Schlosse spielte sich er welthistorische Akt am 2. Dezember des grossen Jahres 1848 ab. Plier übertrug der regierungsmüde Kaiser Ferdinand die Bürden und Würden der Herrschaft auf seinen Bruderssohn Franz.Josef. Von hier atis erging dessen erstes Manifest, welches die grossen Worte verkündet \on der Verjüngung der (iesamtmonarclije" von den „Grundlagen der wahren Freiheit", „den Grundlagen der Gleichberechtigung aller Yölker des Reiches und der Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze". Nun sollte das Vaterland erstehen ,,in alter Grösse, aber mit \erjiingter Kraft." Lud in einem anderen Schlosse des Erzbischofs, in dessen Sonunerresidenz zu K r e m s i e r, tagte zu derselben Zeit der erste konstituierende Reichstag, der hier am 22. November eröffnet w orden war. ,\'ojiWien, w ar er nach dem. stillen Kremsier verlegt worden. Der Regierungsantritt des Kaisers wurde den Vertretern des Volkes vom Minister- Präsidenten, Fürsten S c h w a r z e n b e r g, mit dem \\ unsche angekündigt, „das Yerfassungswerk möge sobald als möglich zustande gebracht w erden", wobei er ,.auf den einsichtsvollen Beistand und patriotischen Fiter des Reichstags rechne." In der aus 383 Mitgliedern bestehenden Reichsversammlung süssen^ 5 j ü d i s c h e Abgeordnete. Hier ist vor allem Dr. Adolf F i s c h h o f, der Abgeordnete des o. Bezirkes (Wieden und Matzlcinsdorf) zu nennen, er, der später noch einmal in die Geschichte Oesterreichs eingreifen sollte, der Verfasser des berühmten \\ erkes Oesterreich und die. Bürgschaft seines Bestandes". Neben ihm ist hervorzuheben: Dr. Josei Guldmarck, der Bruder des berühmten Komponisten, der Abgeordnete für Breitenfeld und Schottenfeld (io. Bezirk'. Der Grosshändler Abraham II alpern war für Stanislau gewählt, der Wiener grosse Prediger Isaak N oa Mannheimer für Brody und Rabbiner Baer Meiseis für Krakau. Fs wurde ata .lic i iii Reichstage auch von der Judenemanzipation gesprochen, wie ein Sehnen nach Erlösung von alten, 111. >rs<hen Fesseln ging es durch die Futt. Her spatere Minister Freiherr von Z i e m i a 1 k o w s k i sprach mit Begeisterung von der Befreiung der Juden, ..dann: sie uns als Brüder heben lernen". Aber alle diese Biüu nträume zerstoben, als am 7. März i S49 der Reichstag für aufgelöst erklärt wurde, „um nicht den Fmsturzparieien neuen Mut zur revolutionären Tätigkeit zu geben." Zwar hatte das kaiserliche Patent vom 4. März 1849 die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze statuiert, die Beschränkungen der poetischen und bürgerlichen Rechte der Juden beseitig}, aber mit Wucht brach die Reaktion immer gewaltiger herein. Schon 1851 wurde dieses Verfassungspatent ausser Kraft gesetzt. Noch verblieb den Juden das Recht der Freizügigkeit, die Autonomie der Religionsgenossenschaften wurde beibehalten, aber mit der Verordnung vom 2. Oktober 1853 traten alle bis zum 1. Jänner 1848 bestandenen, die B e s i t z f ä h i g k e i t der Israeliten beschränkenden Vor.-chriften provisorisch wiedei in \\ irksamkeit. Wir hören, dass man rücksichtlich solcher seit dem Jahre 1848 in den Besitz von Israeliten gekommener Wohngebäude keine Ausnahme machte, selbst für den Fall nicht. wenn solche im Nachlass israelitischen Deszendenten zufallen sollten. Fnd immer mehr nach rückwärts ging es. \i< kam das Jahr des Konkordats 1855. Ein jüdischer Journalist der damaligen Zeit tröstet sich mit der IIoffnung, dass dieses nicht allzu furchtbar für die Juden ausfallen werde, da ..die Zeiten des Mittelalters denn doch schon vorüber sind." Er setzte seine Hoffnung auf den damaligen f inanzminister Freiherr!! von Bruck, der später so furchtbar endete. Dieser war nicht abgeneigt, den Juden das Recht der Besitzfähigkeit einzuräumen. Aber die Juden

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