Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 47 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 47. Das Regiet?uii<3sjubiläuni des Kaisers. Der 2. Dezember, der grosse Festtag für alle Volker unserer Monarchie, wird auch für das j ü d ische Volk ein historischer Gedenktag sein. Die Juden Oesterreichs werden nicht bloss Festgewänder anlegen und Festgottesdienste veranstalten, sie werden nicht bloss dekorieren, iMuminieren und alle sonstigen Acusserlichkeiten erfüllen, die ein Kaiser-Jubiläum mit sich bringt, sondern sie werden auch in gehobener Stimmung Und mit Gefühlen innigsten Dankbarkeit jener Regierungsakte gedenken, die Kaiser Franz Josef I. während seiner 60 jähriger Herrschaft im Interesse ihrer Rechtssicherheit und bürgerlichen Gleichberechtigung vollzogen hat. Diese Regierungszeit bildet für die österreichischen Juden einen Wendepunkt in ihrer Geschichte. Vor dem Regierungs-Antritt des jetzigen Kaisers waren sie recht- und schutzlos, jeder Beamten-Willkür preisgegeben und im Ghetto festgehalten. Die Staatsämter waren ihnen unzugänglich, sie waren vom Grundbesitz ausgeschlossen, selbst ihrer Vermehrung wurden durch den Khekonsens Schranken gesetzt. Unter der Herrschaft unseres Kaisers haben alle diese Beschränkungen aufgehört; die Juden haben die staatsbürgerliche Gleichstellung erlangt, sie sind von Staatswegen zu vollwertigen Bürgern erhoben worden. Es ist heute nicht die Zeit für Rekriminationen. Wenn die Staatsgrundgesetze, durch die sich der Kaiser im Herzen der ganzen jüdischen Bevölkerung ein unvergessliches Denkmal gesetzt hat, nicht nach jeder Richtung ins Fleisch und Blut der Staatsverwaltung übergegangen sind, wenn es die Juden hie und da zu spüren bekommen, dass sie seitens der regierenden Behörden als Staatsbürger zweiter Klasse angesehen werden, so sind dies Partei-Massregeln im Dienste politischer oder konfessioneller Koterien, über die der Herrscher selbst erhaben ist. Aber eines müssen wir heute mit Bedauern konstatieren : dass es dem Kaiser nicht möglich war, der jüdischen Bevölkerung näherzutreten, und persönlich die Ueberzeugung zu gewinnen, dass die Juden zu seinen loyalsten Untertanen, zu den treuesten Anhängern der herrschenden Dynastie und zu den politisch verlässlichsten Bürgern dieser Monarchie gehören. Das jüdische Volk fühlt seine eigene Zukunft unlöslich verknüpft mit diesem Staate und es hat weder Lust pioch Grund seine Blicke nach anderen Richtungen zu lenken, die Juden tragen daher alle ihre Staatsbürger Pflichten und -Lasten im gleichen Masse, aber auch mit dem gleichen Bewusstsein, wie alle anderen Staatsbürger, dass diese im Interesse der Erhaltung und der Sicherheit dieses Staates notwendig sind. Einer der höchsten Staatsfunktionäre dieses Reiches sagte mir im Jahre 1900, als ich von einer Reise nach Galizien zurückgekehrt, bei ihm in Audienz erschien: „Mochten doch Ihre Glaubensgenossen mit grösserem Eifer ihrer Militärpflicht nachkommen, sie würden sich dadurch das Wohlwollen Seiner Majestät Li hohem Masse erringen." Diese Eröffnung hat mich überrascht und ich erwiderte dem hohen Herrn, dass ich annehmen müsse, Seine Majestät werden schlecht informiert. Es sei absolut nicht richtig, und nicht zu erweisen, dass die luden in Bezug am die Erfüllung ihrer Militärpflicht den anderen Nationen gegenüber zurückstehen. Dass aber der Kaiser über unsere Staatstreue und unsere dynastischen Empfindungen, daneben aber gewiss auch über unsere Lage und unsere politischen Bestrebungen nicht genügend informiert ist, haben w i r allein verschuldet. Die Herren, die an der Spitze des Judentums stehen, oder eigentlich von der Regierung zu „Spitzen" geaicht werden, die jüdischen Herrenhaus-Mitglieder, Universitätsprofes - soren, Bankdirektoren und Grossfinanziers, haben zum grössten Teil mit den Massen der jüdischen Bevölkerung gar keine Berührungspunkte. Sie kennen ihr eigenes Volk gar nicht und kümmern sich auch nicht um dasselbe. Sie sind nicht seine Wortführer, sondern höchstens seine Ordenssammler. Wer soll also massgebenden Ortes für uns sprechen, wer soll den Vorurteilen entgegentreten, die dort über uns absichtlich verbreitet werden? Das 60 jährige Kaiser-Jubiläum fällt mit der nationalen Sammlung und wirtschaftlichen Selbsthilfe des jüdischen Volkes in, Oesterreich zusammen. Nicht als „Glaubensgenossenschaft", sondern als Volk und Nation mit einheitlichen politischen und wirtschaftlichen Zielen wollen wir unsere Rechte im Rahmen der österreichischen VöUerfamilie wahren. Dann werden auch Männer aus unserem Volke und unsere V o 1 k s f ü h r e r in die Lage kommen, dem Kaiser, der alle seine Nationen mit gleicher Liebe umgibt, nicht bloss die Huldigungen des jüdischen Volkes darzubringen, sondern auch in der durch die Konstitution gebotenen Form ihre Bitten und Beschwerden zu unterbreiten. Dr. S. R. Landau.