Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 46 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46. „Xeue Xational-Zeitung" Seite 11 S CHOL EM ALEICHEM: imches Ohl9. Die Wanduhr schlägt dreizehn . . . Das ist kein Scherz. Ich erzähle euch eine wahre Geschichte, wie sie sich in Masepewke in unserem Hause zugetragen hat. Ich selbst habe sie miterlebt. Wir hatten eine alte Wanduhr, ein uraltes .Erbstück noch vom Grossvater her. Er hatte sie wieder vom Urgross\ ater. So war sie durch mehrere Generationen seit Chmelnickis Zeiten ein Erbstück der Familie, In der ganzen Stadt kannte man diese Uhr und man imnntc sie kurzweg „Simches Uhr". Viele Ueute kamen in unser Haus, um ihre Taschenuhren nach, ihr zu richten, ja selbst Leibisch, der Philo soph, ein Mann, der in dem Sonnensystem Bescheid wusste und den Kalender auswendig kannte, erklärte einst (ich selbst habe es aus seinem Munde vernommen), dass unsere Uhr — streng genommen eigentlich in die Rumpelkammer gehöre, jedoch, wenn man in Betracht ziehe, was für Uhren es heute gäbe, sei unsere Uhr immerhin eine Uhr. Man muss nämlich wissen, dass Leibisch, der Philosoph, sehr streng auf Genauigkeit hielt und oft den Hügel ausserhalb der Stadt zu erklettern pflegte, um, den Kalender in der einen, die Taschenuhr in der anderen Hand, den Augenblick zu erhaschen, in dem die Sonne hinter dem Horizont verschwand. Dann kam er schnurstracks in unser Haus gelaufen, um meinen Vater zu höhnen, dass unsere Uhr mit drei Minuten vor oder rückwärts war, worauf mein Vater, dem der gute Ruf unserer Uhr über alles ging, erregt zu antworten pflegte, so dass sich regelmässig ein Streit zwischen den Besitzern der zwei Uhren entspann. Reb Leibisch war, wie gesagt, ein Philosoph, und wenn er ab und zu unserer Uhr einige Anerkennung zollte, so war dies die grösste Auszeichnung, die sich eine Uhr erwerben kann. Ihr Schlag war in der ganzen Stadt berühmt. Sie war sozusagen eine öffentliche Uhr, nach der sich die halbe Stadt richtete, wenn man Freitag früh rechtzeitig erwachen musste, um für den Sabbat zu rüsten, wenn man die Sabbatkerzen anzünden, am Ausgang des Sabbats Feuer machen wollte — und in ähnlichen Angelegenheiten, welche das Judentum auszeichnen. Sie diente treu und redlich uns und der ganzen Stadt. Nie empfand sie das Bedürfnis, auszuruhen, und Zeit ihres Lebens wusste sie nicht, wie ein Uhrmacher aussah. Mein Vater war nämlich selbst ihr Meister. (Er besass einige „Ideen" von der Uhrmacherkunst.) Alljährlich vor dem Pessachfeste nahm er sie vorsichtig und zärtlich von der Wand, entfernte von ihr das Spinngewebe, reinigte ihre Gedärme mit einer Gänsefeder und brachte einige Dutzend Fliegen, einige Motten und ab und zu eine Mauerassel zum Vorschein, welche alle, von den Spinnen dorthin verlockt, eines jämmerlichen Todes gestorben waren. Dann hing er sie wieder an die Wand und beide strahlten. Die Uhr strahlte, weil sie frisch gewaschen und gekämmt war, und der Vater strahlte, weil die Uhr so glänzte. Nun gesehah folgendes. Es war an einem schönen, durchaus nicht bewölkten Tag. Wir sassen alle bei Tisch und assen >.u Mittag, während ich, wie es meine Gewohnheit war, die Schläge der Uhr laut nachzuzählen begann: ..Eins zwei, drei, sieben, elf, zwölf, dreizehn . . ." ,,Dreizehn?" rief ich erstaunt, ,,dreizehn gar?" Mein Vater lachte. ,.Du bist ein sauberer Rechner," sagte er, ,,hast du je gehört, dass eine Uhr dreizehn schlägt?" „Es scheint mir aber doch, dass sie dreizehn geschlagen hat", sagte ich kleinlaut. „Schweig", rief der Vater erzürnt. „Eine Einschlägt niemals dreizehn, merk' dir das!" „Mir scheint, dass er nicht unrecht hat", mischte sich jetzt die Mutter drein, „auch ich glaube, dreizehn gezählt zu haben ..." „Jetzt redet sie auch noch drein", rief der Vater erbittert, und die Sache stimmte ihn nachdenklich. .Nach dem Essen trat er an die Uhr, rüttelte sie, worauf sie zu schlagen begann. Wir alle zählten aufmerksam mit, indem wir mit den Füssen den Takt schlugen: „Eins, zwei, drei, sieben, neun, zwölf, dreizehn . . ." „Dreizehn?" stöhnte der Vater und sah so erstaunt um sich, als hätte ei plötzlieh vernommen, dass die Wand zu reden begann. Nochmals rüttelte er die Uhr, worauf sie wieder dreizehn schlug . . . Jetzt stieg er ganz niedergeschlagen vom Stuhl herab, eine tötliche Blässe bedeckte sein Gesicht, er fuhr sich nervös mit der Hand durch den Bart und ging, laut zu sich selbst sprechend, auf und ab:,,Dreizehn geschlagen . . . Was heisst das? Was kann das bedeuten? Wäre etwas nicht in Ordnung, müsste sie ja stehen bleiben. Nun geht sie aber, folglich, folglich die Feder . . ." s( bloss er sein Selbstgespräch. „Gewiss wird es die Feder sein", tröstete ihn die Mutter. „Waruni nimmst du sie nicht lieber herunter und siehst nach, statt dich zu ärgern und hin- und herzuraten." „Du hast recht", sagte der Vater und machte sich ans Werk. Er nahm die Uhr auseinander, sah alle Teile genau durch, arbeitete unausgesetzt den ganzen Nachmittag, so dass ihm die Schweisstropfen von der Stirne rannen, und als er sie abends wieder aufhängte, versammelten wir uns neuerdings um sie. Diesmal schlug sie bloss zwölf. Der Vater rieb sich die Flände. „Nicht mehr dreizehn", rief er triumphierend. Die Mutter lächelte. „Nun, man weiss ja, dass du ein Meister bist", sagte sie. „Aber hast du aufgepasst, wie sie den Ton verändert hat, wie sie jetzt immer ächzt, wenn sie schlagen soll? Wahrscheinlich fällt ihr das jetzt so schwer . . ." „Das scheint dir nur so", sagte der Vater. Er horchte aber seitdem aufmerksam, wenn sie zu schlagen begann. In der Tat vernahm man jetzt ein eigentümliches Geräusch. Und der Klang selbst, der dann folgte, war auch nicht mehr der frühere. Früher war es ein energisches, kräftiges Klingen, jetzt aber lag Müdigkeit und Trauer darin, so wie die Stimme eines alten Vorbeters am Aogang des Vcrsöhnttngs-