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Neue Nationalzeitung · 1908-11-20 · Heft 46 (20.11.1908) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 46 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. »Neue National-Zeitung"- tages. Das Aechzen wurde immer grösser, immer trauriger, und alle sahen wir, wie es dem Vater zu Herzen ging. Es tat ihm so weh. dass er ihr nicht helfen konnte. Es schien, dass ihr letztes Stündlein herannahte. Immer seltener wurden die Gebärden des Pendels. Er schüttelte sich, nahm nach der einen Seite einen starken Anlauf, um desto kläglicher nach der anderen Seite zu humpeln. Wie ein greiser, müder Mensch, der seine Füsse nachschleppt, so war jetzt die l'hr. Bald sollte sie für immer still bleiben : ach! für immer. Ein Glück, dass mein Vater rec htzeitig die Gefahr erkannte und auf Mittel sann, sie abzuwehren. „Zu wenig Gewicht*', murmelte er und eilte in die Küche, suchte den Kolben des Mörsers hervor (er wog drei Pfund) und befestigte ihn an der l'hr. letzt schien sie wie neu belebt und fröhlich wiegte sich der Pendel. Doch nicht lange dauerte dies. Bald begann die Uhr wieder zu kränkeln und der Pendel schien neuerdings zu ermatten. Bald bewegte er sich langsam, bald allzuschnell, dazwischen hörte man ein seltsames „kchi"; es war entsetzlich, es ging auf die Nerven. Das war Schwäche! Wir zweifelten nicht länger und es war schrecklich, die Leiden des Vaters mit anzusehen. Wie ein Leibarzt alle Mittel anwendet und selbst sein eigenes Leben in die Schanze schlägt, um seinen geliebten König zu retten, so sann mein Vater unaufhörlich auf Mittel, um seine teuere l'hr zu erhalten, um sie nicht sterben zu lassen. „Zu wenig Gewicht"', murmelte er und er eilte in die Küche und brachte eine kupferne Pfanne . später ein Bügeleisen, dann ein Säckchen Sand und endlich zwei Ziegel. Alle diese Dinge befestigte er an ihr und sie erholte sich jedesmal, zog neue Lebenskraft aus ihnen und ging, schwer und stöhnend zwar, aber sie ging. Eines Abends geschah das grosse Unglück. Es war an einem Sabbatabend. Wir sassen alle um den Tisch und assen jüdisch gekochte Fische, die Sabbatsuppe und alle Vor- und Nachspeisen, wie es die Vorschrift verlangt. Die Sabbatkerzen waren niedergebrannt . . . das Mädchen brachte aus der Küche frisch gedörrte, wundervolle Kürbiskörner. Tante Jente erschien und nahm teil daran, bedauerte jedoch lebhaft, dass sie keine Zähne habe. Dann erzählte sie eine höchst verwickelte Geschichte, die sich gestern beim Fischstand zugetragen habe. Die Weiber hätten sich aneinander gedrängt und eine der wohlhabendsten hätte geschimpft, Pöbel denke an nichts als an das Essen, worauf sie, Tante Jente, selbstverständlich nicht ermangelt habe, die ge - hörige Antwort zu erteilen. Die Kerzen gingen zu Ende, die Schatten auf den Wänden kletterten;nimer höher und höher. Die Kürbiskörner knisterten. Man erzählte sich Geschichten so ins Blaue hinein, ohne Zusammenhang. Mehr als wir alle erzählte Tante Jente. „Still!" sagte sie. „Wisst ihr von der Geschichte, die neulich geschehen ist? Da haben Mörder ein jüdisches Wirtshaus überfallen, alle ermordet, selbst das kleine Kind in der Wiege haben sie abgeschlachtet und alles mit sich genommen. Nur das Dienstmädchen rettete sich und lief in die Stadt und schrie: „Mörder! Räuber! Zu Hilfe!" In diesem Augenblicke hörten wir einen furchtbaren Schlag, und überzeugt, dass die Mörder auch in unser Haus gedrungen waren, begannen wir alle Nr. 46. aus Leibeskräften zu schreien: „Zu Hilfe! Mörder! Räuber! Rettet uns!" „Was ist geschehen?" rief die Mutter. „Um Himmels willen! . . ." ,,Rettet uns!" schrie ich. Jetzt eilte das Mädchen aus der Küche herbei, „Es brennt!" rief sie. „Zu Hilfe! Feuer! Es brennt!" ,,Kettet uns!" schrien wir alle durcheinander. ..Zum Teufel! Was schreit ihr denn so?" schrie jetzt die Tante lauter als alle. „Nichts ist geschehen! Nichts! Nur die Uhr ist herunter gefallen. Kein Wunder auch! Würde denn ein Mensch das erlragen, wenn man so viel an ihn hängen würde?" fetzt beruhigten wir uns erst. Alle erhoben wir uns und traten an sie he Am. Da lag sie nun, kein, lebendes Wesen mehr, sondern ein Leichnam und um sie herum lagen all die treuen Begleiter, die. sie in den letzten Tagen ihres Lebens gepflegt und mit neuer Kraft gestärkt hatten: das Säckchen Sand, das Bügeleisen, die kupferne Pfanne . . Meinem Vater liefen die Tränen über die Wangen. „Weine nicht! Beruhige dich!" sagte die Mutter. „Ihre Zeit ist offenbar abgelaufen. Es ist ihr nicht beschieden, länger zu leben. Jeder muss sich in sein Schicksal fügen. Sie aber sei eine Erlöserin, für uns und für alle unsere Sünden. Amen!" JEHlDA STEINBERG: Bin (gedieht. A u s (1 e m H ebrii i > c b e n v o u M. Hellerbach.) Mir kam dir Nacht mit meiner Trauer, Als ich das Mädchen gekoset zart: Es raunet mir zu der nächtliche Geist: Küss' das Mädchen und spute dich fort! Meine Lippen berührten ihr Lippenpaar, Meine Hand ihren Leib umschlang: Mir schien's, als ob ein Fittich schattenhaft. Hoch über meinem Haupt drohend hang. Xoch zittert des Kusses Klang auf meiner Lippe nach, Eine liebende Stimme in; Ohr mir dringt: ,,Mein du bist, mit deinen Klängen, ach! Euch beide bald der Tod umschlingt!" Xoch nicht verklungen ist der Liebessang, Und Trauer schon mein Herz erfüllt, Den Lebensbecher noch hält meine Hand, Und schon Todesschatten mich umhüllt! _ . . Eingesendet. Danktagung. Ich spreche hiemit der Lebensversicherungsgesellschaft .,A nker" in Wien für ihre besondere Loyalität und ihr humanes Entgegenkommen, mit denen sie mir einen Versicherungsbetrag, trotzdem ich die Anmeldungsfrist bereits versäumt hatte, ohne jeden Abzug ausbezahlt hat. meinen herzlichsten Dank aus. Helene Färber

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