Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 46 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425768--1138-2427474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 46. „Neue National-Zeitung" Seite 9. noch naoh der jüdischen Einwanderung irgend eine Art von Antisemitismus existiert. Die jüdischen Militärärzte werden auch in der d e u t s < h e n A r m e e seit neuester Zeit boyk nticrl. Iv; hat dies, wie bei uns, eine Desorganisation des Militär-Sanitätsdienstes zur 1'oige. Zum Aerztemangel im Heere äusserte .sieh dieser läge die. ,.Deutsche Medizinische Wuchcnsi In äff, indem sie darauf hinwies, dass tiol/ gelegentlicher F: I i- > ■ an die Kommandostelleu, bei der Wahl zum Offizier keine Rücksicht auf die Konfession der Aspiranten Platz greifen zu lassen, nach wie vor ein n a h e z u prinzipielle r A u s s c h 1 u s s der jüdische n Aerzte aus der aktiven Armee besteht. In diesem Umstände aber liegt die hinreichende Erklärung für den Mangel an Aerzten im Heer wie in der Flotte. Herr Dr. Xitschke, der Chefredakteur der konservativen ,.Schlesis<"hen Morgenzeitung", sehrieb zu den Darlegungen des Eachblattes: ..Der ..Breslauer Morgen-Zeitung" seheint es unbekannt zu sein, dass es bis nach dem Jahre 1S70 in der preussischen Armee jüdische Militärärzte gegeben hat. Es kamen aber so viele Durchstechereien beim Ausheben der Rekruten vor, dass man sich genötigt sah, von der Mitwirkung jüdischer Militärärzte dabei abzugehen. End judische Offiziere in der Armee? Nein, l'nsere Armee ist uns zu teuer, um dem wenig zur Nachahmung reizenden Beispiel anderer Armeen zu folgen und das jüdische Element in grosserem Masstabe in unser (Mliziciskorps herbeizuwünschen Vereinzelte Ausnahmen mögen gelten, i cbrigcns sagt der erwähnte kaiserliche Erlass: ..keine Rücksicht auf die Konfession'' Konfession ist etwas anderes als Religion, und gar als Stammeseigenart ." Es dürfte Herrn Pastor a. D. Dr. .Xitschke schwer fallen, bemerkt hierzu die „Bresl. Morgen-Zeitung", den Nachweis zu erbringen, dass das von ihm genannte Delikt den jüdischen Militärärzten auch nur mit einem Scheine des Rechts zur Bast gelegt werden konnte, wie es ihm nicht minder schwer fallen dürfte, zu beweisen, da»s der Ausschluss der jüdischen Aerzte von der aktiven Miliuirkarriere mit jenem vermeintlichen Delikte in irgend welcher ursächlichen Verbindung siehe. Ein diesen Ausschluss ist lediglich der stille, aber sehr hartnäckige Antisemitismus verantwortlich zu machen, der ----- obschon es von massgebender" Stelle, so oft man v. ill. in Abrede gestellt wird — in fast allen preussischen Amtsgebieten grundsätzlich gepflegt w ird. Die Bestimmung der \ erfassung. dass alle Preussen gleiches Recht gemessen sollen, steht eben lediglich a u f d e m V a p i e r. und jeder Verwaltungschef darf sich erdreisten ihr zuwider zu handein. ohne dass ihm ein Haar gekrümmt wird. Im (.egenteil, er würde seiner Karriere einen schlechten Dienst ei w eisen, w enn er auch nur den Schein erweckte, als ob er jüdischem Talente und Meisse und jüdischer Ehrenhaftigkeit mit fördersamem Wohlwollen begegnete. Recht schade aber ist e>. dass Herrn Dr. \ithke nicht Gelegenheit geboten werden kann, sein Wort von den ..Durchstechereien" lüdischcr Aerzte an forensischer Stätte zu beweisen. Vielleicht erlebten wir dann wieder das Schauspiel eines klaglr heil Rückzuges. Die Ermordung eines jüdischen Greisenpaares. Jn Di - h lenitz; Bukowina 1 wurde ein schreckliches Verbrechen verübt. Am \orletzten Samstag Vorabends wurde das greise Ehe. paar Menasche und Etel Schnapp, beide im Alter von über 70 (ahren, von einem Bauernburschen meuchlings ermordet. Menasche Schnapp wohnte durch mehr als 50 Jahre in Dichtenitz, wo er das Schankgewerbe betrieb, als friedliebender Bürger bekannt war, d.-r sich auch in 'der Bauernbevblkerung grosser Beliebtheit erbeute. Samstag gegen 6 Ehr abends kam ein lojähriger BuimIic halbtrunken in die Gr;-i-!c,ci und verlangte von der Frau E'.el Schnapp, sie solle ihm Käse verkaufen. Als ihm die l'rau den entfallenden Betrag nicht kreditieren wollte, ergriff er ein am Tische liegendes 5 Kilo .schw eres Massgewicht und hieb damit auf den Kopf der l'rau solange ein. bis sie bew u>stlos zusammenstürzte. Ihr Mann, d r auf das Geschrei seiner zu Tode verletzten (lattin zu Hilfe eilte, wurde von dem rohen Gesellen mit ebensolchen bestialischen Schlägen traktiert und auch er stürzte nach wenigen Minuten leblos zusammen. Der Täter flüchtete. Die Gendarmerie hat sofort die umfassendsten Nachforschungen eingeleitet und meint nun dem Täter bereits auf der Spur zu sein. Es wurde festgestellt, dass der Meuchelmorder aus der 'Tischlade des Geschäftes mehrere hundert Kronen geraubt hat. — Vorigen Mittwoch rinde der Täter seitens der Gendarmerie in Putilla \ e r h a f- 1 e t und dem dortigen Bezirksgerichte eingeliefert. Von den Bergjuden in Kaukasien. Ein jüdischer Reisender erzählt interessante Einzelheiten von dem Beben und den Sitten der Bergjuden in D erbeut am Kaspischcii Meere: Die Juden wohnen in einem besonderen Vierte! der Stadt, einem alten Ghetto, in kleinen, niedrigen Häuschen, 'die zumeist mir ein einziges Zimmer enthalten, das natürlich als Schlaf-, Wohn , Speise- und Kinderzimmer für die ganze Eamilie dient. Irgendwelche Möbel sind meistenteils nicht vorhanden, und der Fte-» boden, und zwar ein sehr primitiver, ersetzt meistens auch gleichzeitig den TEch Die Gassen im Ghett:» sind ungepflastei t. eng und schmal und in der Regenzeit natürlich gänzlich unpassierbar. Die Kleidung der Juden ist dieselbe wie die der Perser, und nur an den schwar/en. brennenden Augen und den langen Bärten erkennt man den jüdischen Typus. Die meisten dieser Juden beschäftigen sich mit Gärtnerei, eine grosse Anzahl auch mit Teppichweberei. Vereinzelt gibt es auch Krämer und Händler unter ihnen, und auch beim T ischtransport werd 'ii vielfach Juden beschäftigt. In der letzten Zeit haben sie es auch mit anderen Gewerben versucht, aber sie können nur schwer mit den Persern konkurrieren, weil diese noch viel bedürfnisloser sind und deshalb immer noch billiger arbeiten können. In allen Berufen arbeiten übrigens fast ausschliesslich die Männer; nur in der Gärtnerei sind hier und da auch Brauen tätig. Die Lage -der brauen ist, äusserlich betrachtet, schrecklich. Die I ran lebt in einem wirklichen Sklavenzustand, wei bei vielen orientalisch n und bei allen niedrigstehenden Völkern. Schon gleich bei der Geburt wird das Mädchen \<>m Vater und von den 'Brüdern verachtet, während ein Knabe sehr geschätzt wird, weil er später dem Vater bei der Arbeit hellen kann, und weil er nach des Vaters Tode das ..K a dd i s c h" 'Totengebet' sagen wird Das Mädc hen wird denn auch ganz vernachlässigt. Alle Sorgfalt wird den Söhnen zugewendet. [•'.: st w enn das Mädchen zwölf Jahre alt geworden ist - die Trauen sind in diesem Alter dort schon völlig erwachsen - und ihr Betragen dem Rufe der Eamilie gefährlich werden konnte, was bei dem gänzlichen Mangel an Erziehung nur allzu begreiflich ist, erst dann fängt man an, sic h mit dem Mädchen zu beschäftigen, d. h. ihm einen Mann zu suchen. Natürlich wird der Mann ohne Wissen des Mädchens von den Ehern ausgesucht. Beide Schwiegereltern kommen zusammen, machen einen ,.K:ddus< h" , Segensspruch >, verzehren ciivge Niis.,f. und das zwölfjährige Mädchen wird Braut. Es darf nun mit Männern überhaupt nicht mehr .sprechen, ja, sie nicht einmal anseilen Auf der Strasse muss das Mädchen ihr Gesic ht mit einem Kopftuch verhüllen. Wenn hie zufällig ihrem zukünftigen Mann begegnet, .so verbirgt sie ihr Gesicht noch mehr und bleibt stehen, bis der Bräutigam verschwindet. - - In neuerer Zeit gibt es auch unter den dortigen Bergjudeiv, schon einige Familien, die sich etwas den modernen Anschauungen angepa-st haben. Aber das sind vorläufig noch Ausnahmen, deren Zahl nicht -..1 rasch steigen kann, da die grosse Mehrheit in überaus .nmhehen Verhältnissen lebt und wenig von der Aussemveit erfährt. Aron Vecht, Mitglied des zionistischen Aktions-Komitees, ist in Antwerpen gestorben. In ihm verliert die zionistische Idee einen der selbstlosesten und idealsten Repräsentanten. Seine mannigfachen Lebensschicksale wurden in dem rührenden Nachruf geschildert, den ihm Jean Fischer widmete. Er sagte . „Merkwürdig wie der Mann selbst, war seine Laufbahn; In Biburg neben Amsterdam geboren, ging er in jungen Jahren nach London. Vecht war nicht einer von denjenigen, die dem Judentum beinahe den Rücken gekehrt hatten und dann zurückkamen, als der neue Ruf des nationalen Lebens erscholl, er war auch keiner von denen, die dem Judentum treu bleiben und von einem jüdisch-nationalen Leben nichts wissen wollen. Vecht war immer schon, vor mehr denn zwanzig Jahren, ein ganzer Jude, und als solcher hat er in London den „Jewish Standard" ins Leben gerufen, in welchem Blatte einige Jahre hindurch ein Kampf für die Ghowewe-Zion-Idee geführt wurde. Wo er geweilt hatte, da hinterliess er bleibende Spuren. Utberall rüttelte er die jüdischen Einwohner zu religiösem und nationaljüdischem Leben auf. Ueberall trachtete er, den Juden die Möglichkeit religiöser Betätigung zu verschaffen, überall entfachte er den Funken natioaalen Aufstrebens und gründete zionistische Vereine. Von Australien sehen wir ihn, immer begleitet von seiner mit der Zeit zahlreich gewordenen Familie, nach Südafrika ziehen. Hier hat er dann längere Zeit gewirkt, und ob sein Wirken segens* reich war, das wissen wir Zionisten, denn die südafrikanische Zionistenföderation ist ein Stolz unserer Bewegung. Von Südafrika ging er nach Harlem, er sehnte sich nach Ruhe und wollte auch den Seinigen einen bleibenden Wohnsitz gehen. Aber nicht lange darauf verliess er mit seiner Familie Europa und ging nach Argentinien. Auch da arbeitete er mit Feuereifer, regte die indifferent lebenden Juden mit Wort und Beispiel an, führte sie wieder zum religiösem Leben, entzündete das Natonalgefühl und gründete zionistische Vereine. Von Argentinien begab er sich wieder nach London und trug sich ernstlich mit dem Plane, in Palästina, wo er nur einmal vorübergehend geweilt hatte, seine letzten Jahre zu verleben. Er kam vor ungefähr anderthalb Jahren mit seiner Familie nach Antwerpen. Leider war es ihm hier nicht gegönnt, tätig aufzutreten, denn kurz nach seinem Eintreffen verschlimmerte sich sein Leiden."