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Neue Nationalzeitung · 1908-11-13 · Heft 45 (13.11.1908) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 45 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. „Neue National-Zeilung" Nr. 45. Vor zwei Jahren war die Wühlerzahl eine weit grössere und es haben an der Wahl kaum 4410 Personen teilgenommen. Wird es heuer nicht noch schlimmer sein? Liegen die Verhältnisse für den unparteiischen, unabhängig denkenden, dem Clkpie wesen fernstehenden Wähler nicht derart, dass ihm beide Teile einen Widerwillen einflössen? . . . Die offiziellen Kandidaten. Allmählich beginnen die Wolken von den Kulissen-Machenschaften zu weichen und die Häupter der Auserkorenen werden sichtbar. Da^ E\ekutivkomitee hat endlich in seiner Sitzung v;>m letzten Montag neun Männern das Plazet erteilt. Diese werden am Donnerstag dem grossen Wahlkomitee \ orgesehlagen und als Resultat seiner Beschlüsse wird die fertige Kandidatenliste den Wählern präsentiert werdeii. Dann wird der Wahlapparat in Bewegting gesetzt. Es wird rasch ein Wahlaufruf zusammengestellt, aus den im Archi\ staube modernden alten Programmen eine Essenz gebraut, alle Diener und Beamten werden losgelassen; die Wahl beginnt. Das Exekutivkomitee hat bei der Auswahl der neun Kandidaten sich wirklich Mühe gegeben; es hat nicht weit gesucht, sondern die Erstbesten genommen, die sich diesmal gemeldet haben. Selbst kaiserl. Rat Wilhelm Polia'k, den die offizielle Partei vor zwei Jahren fallen Hess, weil er sich als Kultusvorstcher durch die enge Freundschaft mit dem Antisemiten Silberer sehr biossgestellt hat. fand jetzt Aufnahme in die Piste. Der Mann hat 100 Freunde, er gibt einige 'Pausend Kronen zum Wahlfond und das wiegt alles jüdische Wissen, Fähigkeiten, Verdienste ander mauf. Ein charakteristisches Merkmal der neuen Piste ist der Bruch mit der Tradition, dass der polnischjüdischen Synagoge ein Mandat gebührt. Der Platz des Edlen von Mises und Salo Landaus wird anderweitig besetzt. Die Vertretung der Interessen der polnischen Juden wird jetzt Dr. Stern selbst in die Hand nehmen. . . . Einen Faustschlag ins Antlitz der Wähler bildet die Aufstellung der Kandidatur des Hofrates R a ppoport, des berüchtigteil ,,Kirchenvaters", der sich durch kleinliche, burcaukratischc Engherzigkeit in den weitesten Kreisen der 1 Unbeliebtheit erfreut. Hofrat R a p p o p o r t bildet im Vereine mit Wilhelm K u f f n e r und David von G u t m a n n das Kleeblatt der Besitzer christlicher Schwiegersöhne. Wie können nun Juden, die dieses Kleeblatt wählen, dem Vorstande ernstlich zumuten, dass er den Massentaufen und der Proselytenmacherei ernstlich entgegentrete? Allerdings ist das Wahlkomitee auch keine Repräsentanz der Wähler, sc ndern eine zusammengewürfelte Gesellschaft von persönlich interessierten Anhängern der offiziellen Partei. . Die offizielle Kandidatenliste enthält folgende Namen : Salo C o h n , Prof. 1 >r. E h r m ann , Max- Frank, kaiserl. Rat L. Sachs. S. Steiner, Carl S e l i g m a n n, Wilhelm Poll a k, Dr. J. S a m u e 1 y, Hofrat R a p p o p o r t. Die Wahlbeteiligung der Schiffschur. Von einem hervorragenden Mitgliede^ler Schiffschule werden wir um Konstatierung gebeten, dass Plerr Bernard Hof bau er nur im eigenen Namen kandidiert. lORReSPONDeNZCN ©cskrFcich-(Jn£arn. Die Demission des Ministeriums Beck Wien, den 12. November. Die Demission, des Freiherrn von Beck und dessen Ersetzung durch ein Kabinett B i e n e r t h sind nichts anderes als ein eklatanter Beweis der immer weiter um sich greifenden chrisilichsoziale;i Herrschaft in Oesterreich. Während Baron Beck nach seinem Leitmotiv der „mittleren Linie" noch unparteiische Allüren hatte, dürfte Baroa Bienerth nach seiner ganzen, wenn auch noch sehr jungen politischen Vergangenheit, nur (.las Werkzeug seiner christlicbsozialen Ministerkollegen sein. Als einer hievon ist Prinz Alois Liechtenstein in Atissicht genommen, dessen rüde antisemitische Toaart im Wirtshaus ,.Zum Luch sen" wahre ()rgien.gefeiert hat'.. Mit demselben Liechtenstein, den einst die fungtschechen und Fortschrittlichen als den Antrags'.'-lier der konfessionellen Schule heftig bekämpft h'iben, werden sie nun selbst in einem Kabinett zusammensitzen. Die österreichischen luden sind aber trotzdem aus ihrer Lethargie nicht zu erwecken. Die Antisemiten stürzen und machen Ministerien, die Polen, Tschechen und Fortschrittlichen nehmen in denselben Plätze ein. und die [uden schauen apathisch zu, als ob es sie nichts anginge. Wie weit muss die antisemitische Herrschaft in Oesterreich vorgedrungen sein, auf dass sich die Juden endlich einmal ermannen?! Jaden als „antisemitische" Wähler. Wien, den <S\ November. Wir finden in einigen jüdischen Blättern des Auslandes Wiener Korrespondenzen über die letzten Landtagswahlen, im welchen erzählt wird, dass im II. und XX. Bezirke jüdische Wähler für antisemitische Kandidaten gestimmt hätten. Ls werden aus dieser Behauptung dann weitere Schlüsse auf die politische Reife und den Charakter der Wiener Juden gezogen. Demgegenüber sei festgestellt, dass für obige ungeheuerliche Behauptung g a r k e i n e B e w e i s e vorliegen. Sie ist nichts anderes als eine Ente der Prager ,,Bohemia" und wurde auf den trüben Gewässern der Seitenstettengasse ausgebrütet. Wäre unser Kultusvorstand eine jüdische Repräsentanz und nicht eine grosse Tarock-Partie, so hätte er selbst zuerst gegen diese Herabsetzung der jüdischen Wähler Protest einlegen müssen. Allein diese Juden, denen am Zeug geflickt wird, sind politische Gegner des Kultusvorstandes und er schweigt daher. Aber das ,,cui prodest" beweist in diesem Falle den Urheber. Unseren auswärtigen Kollegen würden wir empfehlen, sich besser zu informieren und ihre Nachrichten aus - - anderen Duellen zu schöpfen. deutsches Reich. Die Orientkonferenz und die romanischen Juden. Berlin, den 3. November. Der Hilfsverein der deutschen luden teilt uns mit: Der Vorsitzende des Hilfsvereines der deutschen Juden, Herr James Simon, hat infolge von aus Rumänien an den Hilfsverein ergangenen Anregungen an die Reichs-

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