Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 45 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Die Kultuswahlen in W^n- Der Wahltermin. Wie w ir zuerst mitzuteilen in der Lage waren, findet die W ahl der Kultusvorsteher aus der allgemeinen Kurie am 22. November I. J, statt. Für die engere Wahl ist der 29. November I. J. in Aussicht genommen. Die Hüherbesteuerien wählen überdies am 3., resp. am 7. Dezember 1. J. In der allgemeinen Kurie gelangen neun Mandate, hievon acht für eine sechsjährige und eines für eine zweijährige Dauer zur Besetzung; in der höheren Kurie sind vier Mandate frei. Der Rechenschaftsbericht. V Gleichzeitig mit den W ählerlisten und Wahllegitimationen ist auch der Reehenschafts-Bericht des Kultusvorstandes für die Jahre 1906 und 1907 zur Versendung gelangt. In demselben schildert der Kultusvorstand seine Gebahrung auf allen Gebieten und lässt es an Eigenlob durchaus nicht fehlen. Da werden haarklein alle Beträge ausgerechnet, die für Kultus-, Unterrichts-, Wohltätigkeits- und »Spitals /wecke ausgegeben wurden : der bureaukratische Anusschimmel leiert hier Tritmmhe. Einen grossen Zug, irgend eine neue Idee in der Verwaltung kann man leider nicht entdecken: es wird fortgewurstelt. So die Wiener Kultusgemeinde weiter zu führen, dazu braucht es wirklich keiner Genialität, das machen die Beamten von selbst. Dem Herrn Präsidenten bleibt noch genug Zeit, die Opposition zu beschimpfen, und die Wahlen selbst zu leiten. In einer Sitzung des offiziellen Wahlkomitees hat ein Kandidat erklärt, er wolle gerne selbst das oppositionelle Programm realisieren. . . . Aber, die Opposition möge ihm das Geld geben. Das ist ein Witz und beileibe kein guter. Der Kandidat muss sich schon selbst seinen Kopf zerbrechen, woher er das Geld nimmt; eine Opposition ist doch nicht dazu da, um ihren Gegnern die Kastanien aus dem Feuer zu ziehen. Es genügt im vorliegenden Falle, wenn die Opposition der offiziellen Partei'Ideen gibt, denn daran ist die offizielle Partei sehr, sehr arm. In den verflossenen zwei 'Jahren hat ein Mann im Kultusvorstande (Frank) eine gute Idee gehabt: G r ü n d u n g einer jüdische n G emeinde- Sparkassa. Sie wurde unter den Tisch geworfen. Dr. Stern und die anderen Millionäre im Kultusvorstande haben nur einen grenzenlosen Ehrgeiz, aber kein Herz für die schweren Sorgen und Kämpfe des jüdischen Handels- und Gewerbestandes. Das kleinliche Wesen und der beschränkte Gesichtskreis des Kultusvorstandes äussert sich in eklatanter Weise auch nach einer anderen Richtung. Die Wiener Kultusgemeinde hat noch immer kein würdiges Repräsentationshaus, sie ist d a s Gespött e aller Juden Europas. Wie soll diese Gemeinde der christlichen Welt in .Wien imponieren, wenn sie sich äusserlieh als Ghetto-Mauerwerk repräsentiert? Im "Rechenschaftsbericht ist diese Frage nicht einmal gestreift. In einer Tabelle (V) finden wir genau verzeichnet, dass im Jahre 1906 692 und im Jahre 1907 603 Personen aus dem Judentiirne ausgetreten sind. Was hat der Kultus vorstand In diesen Jahren versucht, um dieser seuchenartigen Bewegung entgegenzu - wirken? Darüber schweigt der Bericht. Die Tabelle II verdient unsere Aufmerksamkeit. Sie enthält das „Verzeichnis der neuerrichteten Stiftungen und Widmungen". Da sind sie alle der Reihe nach angeführt: Vermächtnisse edler Männer, zum Wohle der Nebenmenschen oder zum Heile ihrer Seelen. Einer davon hätte hier einen Platz nicht verdient: Taussig Donat mit seinen 6000 Kronen „für Jahrzeit und Graberhaltung". Unsere Schilderung des „Requiems unter Assistenz der Geistlichkeit und der Polizei" hat durch die ganze jüdische Presse die Runde gemacht und es haben sich sogar Blätter gefunden, die den Kultusvorstand um Aufklärung angingen, so unsäglich komisch klingt die ganze Geschichte. Allein den Leitern des Wiener Kultus\or.^tandes fehlt bereits jeder Instinkt für die Würde und das Ansehen, das sich die Wiener Gemeinde selbst schuldet. Sie haben dieser Gemeinde selbst die Narrenkappe angelegt und nun wundern sie sich, wie man sie überall auslacht. Keine jüdische Gemeinde der Welt würde für 240 Kronen jährliche Zinsen ihre erste Synagoge zum Schauplatze einer so ungeheuerlichen Szenerie hergeben, wie sie nur ein dem normalen Leben entrückter Sonderling in seiner krankhaften Phantasie erdenken könnte. Die Judengemeinde der österreichischen Reichshauptstadt muss es aber tun, denn sie müsste ohne die 240 Kronen zu Grunde gehen.... Die Wählerlisten. Aus dem Rechenschaftsberichte ergibt sich, dass die Wiener Gemeinde im Jahre 1906 21.100 und im Jahre ,1907 22.220 Steuerträger gezählt hat. Wie schaut es aber mit der Wählerzahl aus? Nach dem Gemeindestatut kommt allen Steuerträgern, mit Ausnahme derjenigen, die „nicht eigenberechtigte Söhne von wahlberechtigten, Angehörigen der Kultusgemeinde" sind und daher das Wahlrecht erst im dritten Steuerjahre erlangen, sofort das Wahlrecht zu. Heuer fehlen aber die Massen jener Wähler, die den I'kas des Präsidenten nicht befolgt und die Steuer bis 24. September 1. J. nicht erlegt haben. Sie sind durch einen Dreh — von einem Kniff kann man nicht mehr sprechen — um ihr Wahlrecht geprellt worden. Und so sehen wir heuer, dass von 22.220 Steuerzahlern kaum 11.138, also 50 Prozent in der Wählerliste figurieren. Im Jahre 1906 gab es 2f.ioo Steuerzahler in 20 Bezirken und doch hat die W ählerliste 144 Seiten umfasst; heuer zählen wir 22.220 Steuerzahler in 21 Bezirken, trotzdem zählt die Wählerliste ka im 122 Seiten. . . . Auf die einzelnen Bezirke verteilt sich heuer die Wählerzahl wie folgt: I. Wahlbezirk (Innere Stadt) .... 1941 Wähler 0 (Leopoldstadt und Brigittenau) .... . . ... 2740 „ -> Wahlbezirk (Landstrasse und Simmering)........ 689 „ 4. Wahlbezirk (Wieden, Margarethen und Favoriten) ....... 77^ ->. Wahlbezirk (Mariahilf u. Neubau» Uvvi r>. (fosefstadt und Aisergrund .......... >7<J° / Wahlbezirk (Meidling, Hietzing, Rudolfsheim und Fünf haus) . ÖOi 8. Wahlbezirk (Ottakring u. Hernais; 35» » 9. „ (Währung u. Döbling; Ö40 10. „ (Floridsdoif) .... 7.2