Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 45 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. ©cu^schna^ionalc^hIden^cnpolKi^ W i e n, den 11. November. Am letzten Montag und Dienstag war die Wiener Universität der Schauplatz wüster Schlägereien, die kaum ihres gleichen finden. Sie sind für die desolaten Verhältnisse, welche an den deutschen Hochschulen herrschen, ausserordentlich charakteristisch. Anlass zu diesen Tumulten zwischen Deutschnationalen und Jüdischnationalen gab die Satisfaktionsverweigerung eines Deutschnationalen von der Burschenschaft „Alemannia", der am vorletzten Samstag einen Jüdischnationalei\p r o v o ziert hatte. Dies hatte am letzten Samstag eine Schlägerei im kleineren Masstab vor der Universität zur Folge. Der ,.heldenmütige" Deutschnationale, der den Juden keine Satisfaktion gibt, wurde durchgeprügelt. Als Revanche dafür fasste die gesamte deutschnationalc Studentenschaft, unterstützt von den klerikalen Verbindungen, den Besclüuss, jeden jüdischen Studenten, der am Montag die Universität betreten würde, meuchlings zu überfallen. In den Tagesblättern sind, bereits die Ereignisse, die sich am Montag und Dienstag auf der Rampe abspielten, teils richtig, teils, wie dies bei der antisemitischen Presse selbstverständlich ist, in entstellter Form sehr detailliert wiedergegeben worden. So, dass die 'Deutschnationalen in feigster und empörendster Weise einzelne jüdische unbeteiligte Studenten, ja sogar jüdische Studentinnen — Heil dem teutschen Mannesmut! -— überfallen und brutal geschlagen haben. Ferner ist bekannt, dass die jüdischnationale Studentenschaft, voran die fünf inkorporierten Verbindungen, am Dienstag um 6 Uhr früh die Rampe besetzten und als sie auf Grund der Versicherungen des Rektors abziehen wollten, infolge des Ueberfalles der vierfachen Uebermacht der deutschen Studenten in ihren Reihen mehrere schwere sowie eine grosse Anzahl leichterer Verletzungen zu verzeichnen hatte. Worüber sich aber die Tagespresse gehörig ausgeschwiegen hat, und was hier deshalb ganz besonders hervorgehoben werden muss, das ist das geradezu skandalöse Vorgehen der Polizeiwache und das wirklich jeden billig denkenden Menschen empörende, parteiische Benehmen des Herrn Univcrsitäts-Kanzleidirektors Dr. B 1 u m a u c r. Die „energische" Polizei. Es ist höchst merkwürdig, dass die Polizeiwache am Mo in tag die jüdisch/nationalen Studenten vor der Universität sich nicht ansammeln Hess, vielmehr sie bei sonstiger Verhaftung zum Auseinandergehen" aufforderte, ja sogar die Säbel zog. Am Dienstag aber, als die Jüdischnationalen'auf der Rampe standen und die Deutschen die Strasse belagerten, da Hess die am Tage, vorher noch so grosse „Energie" der Polizei sehr viel, ja alles zu wünschen übrig. Die Wachmänner schauten ganz passiv zu. Wir erwarten von Herrn Polizei-Präsidenten B r z e z o w s k y, den wir als einen unparteiischen und korrekten Beamten kennen, dass er das Verhalten der Polizei, respektive der Polizeioffiziere, welche die Wachleute zu befehligen hatten, einer eingehenden Prüfung unterziehen werde, damit schon jetzt die jüdischnationale Studentenschaft weiss, was sie von der Polizei zu erwarten hat und welche Schritte von % jüdischnationaler Seite im Parlamente eventuell gegen die Polizei unternommen werden sollen. Der antisemitische Burschenschafter als Kanzlei- Direktor. Nun zum Kanzleidirektor der Wiener Universität, der so ganz nach dem Geschmacke des „Deutschen Volksblaües" geschaffen ist. Zum traurigen Kapitel der antisemitischen Herrschaft, in Oesterreich gehört eben die Erscheinung, dass der deutschnationale Student, sobald er zu Amt und Würden kommt, es auch dann nicht scheut, selbst in Ausübung seines Amtes seiner antisemitischen Anschauung Ausdruck zu geben und die Pflicht der Unparteilichkeit Juden gegenüber zu vergessen. Ein Musterbeispiel für dieses Axiom haben wir in der Person des jüngst ernannten Kanzleidirektors Dr. P 1 u m a u e r. Ihm muss der Vorwurf gemacht werden, dass er unter völliger Ausserachtlassung jeden Taktes und seiner Amtspflicht viel zu den hässlichen Szenen, die seine Konnationalen aufführten, beigetragen hat. Der Herr Kanzleidirekior, der als Alter Herr der ..Philadelphia" zu einer jener Korporationen gehört, die als erste den fuden Satisfaktion verweigerte, scheint sich, nach den Vorgängen dieser Woche zu urteile:), auch in seinem Amt als Bursch der „Philadelphia" zu fühlen. Oder welche Auffassung soll man sonst von dem durch keine Objektivität getrübten Benehmen dieses Kanzleidirektors haben, wenn er Dienstag früh den Jüdischnationalen mit der Feuerspritze drohte und in gänzlich überflüssiger Weise daran die ironische Bemerkung knüpfte : „Die Herren werden ihrer Gesundheit schaden." Ob dieses unqualifizierbaren Auftretens ergriff natürlicherweise die jüdischnationale Studentenschaft grosse Erregung. Die Dienstag nachmittags beim Rektor erschienene Deputation ,der jüdischnationalen Vereine und Verbindungen, unter diesen besonders der Vertreter der akademischen Verbindung „Libanonia", erklärte in scharfen Worten, mit Herrn Doktor B 1 u m a u e r nie mehr verhandeln zu wollen und nicht imstande zu sein, die über die aufreizende Haltung des Dr. B 1 u m a u e r aufs ausser st c erregten Jüdischnationalen von etwaigen Insulten gegen diesen zurückzuhalten. Es ist wohl der erste Fall an der Wiener Universität, dass ein Kanzleidirektor die Bedeutung und Tragweite seines Amtes in einer solchen Weise verkennt und statt versöhnend zu wirken, statt in taktvoller Weise die streitenden Parteien zu beschwichtigen, seiner antisemitischen Gesinnung" frei die Zügel schiessen lässt. Es werden sich aber hoffentlich bald Mittel und Wege finden, um dem antisemitischen Kanzlei-Direktor das Handwerk zu legen. Freunde und Gesinnungsgenossen! Verlanget in euren Gast- und Kaffeehäusern die ZZ..NEUE NATIONAL-ZEITUNG".=