Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 44 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 „Neue Nationai-Zeitung" Seite 11. J^iterahir. Robert Hunter: Das Elend der 'neuen Welt. Autorisierte Uebersetzung von Dr. Albert Südekum, Mitglied des deutschen Reichstages. Concordia, Deutsche Verlagsanstalt. Berlin 1908. S. 255. Das vorliegende Buch, dessen Verfasser Robert H u n t e r zu den bekanntesten Gegnern der bedingungslosen Einwanderung gehört, unternimmt es, die wirtschaftliche Notlage zu schildern, in welcher sieh die breitesten Schichten der amerikanischen Bevölkerung befinden. In mehreren Kapiteln, die dem ,,Pauper". dem Landstreicher. - dem 'Kranken, dem Kinde und dem Einwanderer gewidmet sind, wird an der Hand eines erdrückenden statistischen Materials, Grau in Grau, eine echt Dante'sche Hölle der Not und Entbehrungen, des Siechtums und der hoffnungslosen Verzweiflung gemalt, denen im Lande der Milliardäre Millionen Menschen verfallen. Die jüdische Bevölkerung lebt unter gleichen Verhältnissen wie die Gesamtbevölkerung. Nach Angaben des Autors fristet in New-Vork ein Drittel der Bevölkerung das Dasein nur von Unterstützungen; auch die Juden, wenngleich „die Juden durch ihr Temperament und ihre Intelligenz vor dem äussersten Elend bewahrt werden." „Die Juden." sagt der Verfasser, scheinen z. B. in den ungesundesten .Mietshäusern, bei ärmlicher Nahrung und ungenügender Kleidung aufzublühen" . . . „die Juden, die ein sehr sparsames Leben führen, verstehen ohne Frage 'mit einem geringeren Einkommen ihr Leben besser auszugestalten als manche andere Rassen." Das Buch beruft sich bezüglich der Juden auf den Be- \ rieht der Vereinigten jüdischen l'nterstützungs Gesellschaften (United Hebrew Charities) vom Jahre iuoi, wonach ,,75.000 bis 100.000 Mitglieder der New-Yorker Judengemeinde nicht > imstande waren, sich den allernotwendigsten Lebensunterhalt zu verschaffen und daher öffentliche Hilfe in Anspruch nehmen mussten." Die Schilderung der Verhältnisse, unter denen die Einwanderer wohnen und vegetieren, grenzt schon an das L'nglaubliche. Besonders schlecht zu sprechen ist der Verfasser auf die jüdischen Kinder, die „lasterhafte Gewohnheiten" annehmen. Nachfolgende Schilderung leuchtet Iiinein, wie ein bengalisches Licht in das schreckliche Elend der jüdischen Einwanderer: „Der letzte Wunsch im Mietshause! ,Luft — Luft — gebt mir Luft!' Ein jiddischer Seufzer in einer Aprilnacht 1903 im Herzen des Ghettos von New-Vork. In Nr. 18 der Clintonstrasse, hinten in einem Hinterhause, liegt ein junger rumänischer Jude an der Schwindsucht auf den Tod darnieder. Ich war mit dem jüdischen Doktor gekommen. Mit jedem Atemzug fühlte ich den schweren fauligen Geruch von Armut, Unwissenheit, Schmutz und Krankheit. In diesem Zimmer, das nur 10 Fuss im Geviert mass. lagen 6 Menschen auf dem Fussboden »meinandergepresst, rieben sich den schweren Schlaf aus den müden Augen und starrten uns stumpf an. Zwei kleine Fenster gaben Luft von einem stinkenden Hof her — von einer 20 Fuss breiten und 5 Stockwerke tiefen Grube. Der andere Raum war ein Kabinett, 6 Fuss lang und 7 Fuss breit, mit einem vergitterten Oberlichtfenster nach einem 18 Zoll grossen Lichtschacht. Und in diesem Kabinett schliefen noch vier Personen, drei in einem Bett und ein Kind in der Wiege. „Luft — Luft — gebt mir Luft!" Die Krankheit des Mannes war ansteckend, und nun lag er schon zwei lange Wochen hier im Sterben. Von seinem schmutzigen Bett aus konnte er den einzigen Tisch erreichen, an dem zwei Familien assen; der Kochherd war nur <> Fuss von ihm entfernt, der Speiseschrank über seinem Kopfkissen: er konnte mit der Hand die eine von den W iegen berühren, in denen sein Kind lag. das erschreckt auf seine sonderbare Haltung starrte. Denn sein abgezehrter Körper war zu schwach, um sich aufzurichten, aber aus Mangel an Luft und mit seinen Schmerzen konnte er sich auch nicht niederlegen. Sein junges Weib stützte ihn, während die Schläfer schweigend 'ihn anglotzten; und der jiddische Seufzer kam immer und immer wieder, aber jetzt mit einem ■neuen und furchtbaren Ausdruck. ..Luft — Luft — Luft! oder tötet mich doch, ach, tötet mich!" Zwei Jahre vorher war der Mann nach Amerika gekommen, — einer von den 488.000 im Jahre 1901. Er kam jung, gesund und hoffnungsvoll mit seinem Weib und ihrem kleinen Jungen. Zwei Kinder waren inzwischen noch geboren worden. Für ihn war es ein neues Land, ein neues Heim, eine neue Arbeit, ein Land in dem er atmen konnte. „Luft — Luft — gebt mir Luft." Er hatte aber hier keine andere Luft atmen dürfen als die dicke schwere Luft in der Schwitzhöhle von 6 Uhr früh bis yio Uhr abends. Manchmal, so flüstert er, hatte er auch bis 11 Uhr gearbeitet, und er nicht allein. In New-York sind Tag und Nacht über 50.000 Menschen so an der Arbeit. Und spät in der Nacht, wenn er zu einer Stunde, Jädifcft« Emigranten im Smtiner „Rwstnatyl." (Freitag Abends.)