Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 44 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. „Neue Nariotial-Zeitung" Nr. 44. wir aber hier in Wien eine Mensa Judaica, wo jüdische Hochschüler unentgeltlich Mittagskost bekommen können. Diese Anstalt steht aber unter der Verwaltung der isr. Kultusgemeinde; und unterscheidet sich daher kaum von anderen Einrichtungen für berufsmässige Bettler. Die Speisemarken werden vor dem ersten jedes Monats \ erteilt und die jüdischen Hochschüler müssen sich dieselbe^ aus der II a n d eines K a h a 1 d i e n e r s ausfolgen lassen. Wie beschämend, wie verletzend muss es auf ein junges, stolzes C.emüt wirken, sich so erniedrigen zu müssen. Auf gleiche. Weise werden ja am Freitag an „Orchim" die Speisekarten1 verteilt. Wie aber haben es die Verwalter der Mensa academica eingerichtet? Wie machen es Leute mit Ehrgefühl, wenn sie die" ärmere Jugend unterstützen wollen? Da braucht man keine Gesuche einzureichen: jeder Hochschüler kann gut und billig speisen, auch wenn er nicht arm ist. Die Verteilung der (Jratiskartcn an die ärmsten Studenten besorgen akademische l iiterstiitzungsvcrcinc. Der Petent bekommt die Gratismarken, die sich sonst von den gekauften gar 'nicht unterscheiden, aus der Hand eines Kollegen im 'Universitätsgebäude, was gar keinen erniedrigenden Charakter hat, da der Empfänger M'lbsl auch Mitglied des Vereines ist. Warum richtet man auch die Mensa Judaica nicht so ein? Wie viele Studenten möchten lieber koscher essen, wenn Juan es so billig und so gut wie in der Mensa academica haben konnte? In Leinberg besteht eine koschere Studentenküche, wo man billig und gut 'speisen kann; in Wien muss ein jüdischer ^Akademiker, der ■ stolz genug ist, um kein Bcttclbrot zu essen und doch nicht imstande ist, sich privat zu beköstigen, die Mensa academica aufsuchen. Eine billige Mensa Judaica für Ilochschüler ist eine Notwendigkeit in Wien, vielleicht noch mehr als eine unentgeltliche Speiseaiisialt. l'nseie Kuliusgeineinde ist leider gewohnt, Minoren zu verteilen; bei der Studentenküche könnte sie aber eine Ausnahme machen, da es sich 'doch um das Ehrgefühl der jüdischen Jugend handelt. A. J, B. stud. phil. •KQRReSPCNDeNZCN deutsches Reich. Die A. .1. K. 0 Berlin. I >icnstag, den 27. Oktober fand die konstituierende Versammlung" der ,,A 11 ge m e i u e 11 j ü d i s e Ii e n Kolonisations - O r g a n i s a t i o 11"- statt. Als Zwjc'ck der Organisation wurde festgesetzt: Die A. |. K. O. erstrebt die Förderung der dauernden, geschlossenen Ansiedlung, besonders im Orient, jener Juden, die durch die Verhältnisse in ihren 1 leimatsländern zur Auswanderung gezwungen sind. Die A. J. K. O verfolgt lediglich humanitäre Ziele. Nach Annahme provisorischer Satzungen, deren endgilt ige Redaktion einer Kommission anvertraut wurde, sehritt man zu den Wahlen. An der Spitze der A. J. K. O. wird ein Präsidium stehen, in dem die einzelnen Länder vertreten sein sollen. Zum geschäftsführenden Präsidenten der A. J. K. O. und zum Vorsitzenden fies Vorstandes wurde Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Aron gewählt. Ausserdem wurde ein ..Ausführendes Komitee" unter dem Vorsitz von Dr. Alfred Nossig gewählt. Die A. L K. O. hat ihre Tätigkeit bereits nach verschiedenen Richtungen begonnen. Die Juden in der deutschen Armee. Berlin. Anlässlich der letzten Generalversammlung des hiesigen „Vereines, zur Abwehr des Antisemitismus", erstattete der gewesene Oberst Gädke ein sehr interessantes Referat über „Die Zurücksetzung der Juden ,im Heere". In sehr treffender, mitunter sarkastischer Form wies Gädke nach, dass die kaiserliche Ordre aus der jüngsten Zeit nur ein papierenes Dokument geblieben sei, weil man „oben" nicht anders wolle. ,,In den letzten Jahren", erzählte er, „sind eine ganze Reihe jüdischer Mitbürger zu mir gekommen und wiesen nach, dass sie ihre militärische Pflicht und Schuldigkeit völlig getan hätten, sich nichts vorwerfen könnten, keine Strafe erlitten, sondern Lob geerntet hätten, aber zu Offizieren sind sie nicht befördert worden. Die Sache wird natürlich fein gedreht. Es heisst da, der Betreffende sei ein guter Mensch, aber zum Militärdienst eigne er sich nicht, der liege ihm nicht. Man gibt ,ihm wohl auch noch die Tressen, oft allerdings etwas später als den anderen. Man lässt ihn wohl auch noch die erste Uebung machen. Dann aber scheitert er. Nur manchmal kommt es auch vor, dass einer noch die zweite Uebung mitmacht. Dann scheitert er schliesslich an der Wahl des Offizierskorps. Dann müssen die Reserveoffiziere es machen, wenn alle Stränge reissen. Gewöhnlich erspart man ihm das. Man untersucht den Betreffenden, was für ein Geisteskind er ist, nicht mir er selbst, nein, was 'sein iVater, seine Mutter, sein Grossvater waren, ob er eine gute Gesinnung hat, ob er sich schon einmal geschlagen hat usw. Mit welcher Leichtigkeit man dabei gelegentlich vorgeht, davon las ich erst heute ein Beispiel, wie man einem jungen tüchtigen Einjährigen die Offi zierskarrierc abschnitt. Sein Hauptmann beantragte seine Ausschliessung vom Einjährigen-Unterricht mit folgenden Worten: „Ich bitte, den Einjährigen X. aus dem Einjährigen-Unterricht zu entfernen, da derselbe wegen seines jüdischen Aus sehens nicht diejenigen körperlichen Eigenschaften besitzt, die an einen Offizier gestellt werden sollen." (Grosse Heiterkeit. ) Der Mann ist wenigstens ehrlich und von einer erfrischenden Offenheit. Nirgends lässt man einen jüdischen Mitbürger zum Reserveoffizier zu. Leute von tadelloser Familie und tadel loser Bildung weist man zurück. Wir 'können uns da an den Süddeutschen ein gutes Vorbild nehmen. Sie sind uns in der Kultur voran. Leider Gottes verpreussen sie aber auch immer mehr. (Zurufe: Leider!) \ In Bayern ist es schon fast genau so wie in Preussen. Seit vier bis fünf Jahren sollen auch in Bayern keine Judeii mehr zu Reserveoffizieren gemacht worden sein. Man ist miss trauisch gegen die jüdischen Einjährigen geworden, die von Norddeutschland hinüberkamen, weil ihnen dort die Beförderung verschlossen war. Freilich, auch der Jude kann Reserveoffizier werden unter der Bedingung: wenn e r übertritt! Ein tüchtiger junger Mann war in einem Berliner Truppenteil zum Unteroffizier befördert worden und machte auch die erste Uebung mit. Weiter kam er iaJs Jude aber nicht. Da wurde er Christ und ging nun wieder an seinen Regimentskommandeur mit der Frage heran: Kann ich jetzt Offizier werden? — Gewiss, hiess es, jetzt ist der 'Hinderungsgrund weggefallen,. (Hört, hört!) Aber, erklärte der Kommandeur weiter, die erste Uebung, die Sie als Jude gemacht haben, gilt nicht. (Grosse Heiterkeit.) Und der junge Mann musste als Christ noch einmal eine erste Reinigungsübung mitmachen." 'Erneute grosse Heiterkeit.) Gädke schloss seinen Vortrag mit einer reelu traurigen Prognose für die Juden. „Darum bin ich der Ansicht, dass vorläufig die Stunde noch nicht geschlagen hat, wo wir im Heere die volle Gleichberechtigung unserer israelitischen Mitbürger durch setzen weiden. Darum muss in dieser Richtung immer weiter gekämpft werden, um so mehr, da dieser Ausschluss einer " Disqualifikation der Juden gleichkommt. Es ist eine Tatsache, dass ihr geschäftliches Ansehen darunter leidet. Es steht heute so, dass man, um zur ersten Gesellschaftsklasse zu gehören, Korpsstudent oder Reserveoffizier, am besten beides, sein muss. Wer beides nicht ist, gehört kaum 'zur 'zweiten, eigentlic h höchstens zur dritten Klasse der Gesellschaft. Es haftet ihm nach der Ansicht vieler — es sind wohl Narren, aber sie sind in grosser Zahl — eine Art Make! an. Erst verhindert man also die Juden, Offiziere zu werden. Und dann kommt man mit dem 'Vorwurf, dass sie gesellschaftlich (nicht auf der Höhe stehen, weil sie nicht Offiziere sind. Lassen Sie uns, die wir Söhne eines Volkes sein wollen, lind die wir glauben, t dass in einem Staate alle ehrlichen Männer gleichberechtigt sind, lassen Sie uns weiter kämpfen, bis die Devise der I lohenzollern, die Inschrift des Schwarzen Adlcrordens in diesem Lande wirklich zur Wahrheit wird: „Jedem das Seine!'" (.Stürmischer anhaltender Beifall.) (Ausstand. Das Wohnrecht der Jaden. Petersburg. Das Zirkular des Petersburger Stadthauptmannes, demzufolge die jüdischen Apothekergehilfen, Feldscher, Dentisten und Hebammen, welche ihr Fach nicht ausüben,