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Neue Nationalzeitung · 1908-11-06 · Heft 44 (6.11.1908) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 44 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. fcjie gultus^ahleti in Wien. Vom offiziellen Wahlkomitee. Unter dem Vorsitze des Wiener Vertrauensmannes der rumänischen Regierung, Herrn kaiscrl. Rat Johann Lic Ilt ens t ad t, hat am letzten Montag im Hotel Zentral die Sitzung des Wahlkomitees stattgefunden. In derselben hatten sich die Kandidaten für den Ivultusvorstand vorzustellen. Ein grosses Wettrennen, Bei der grossen Apathie, die in den Kreisen des jüdischen Bürgerstandes in Wien leider noch immer gegenüber jüdischen Fragen besteht, würde man glauben können, dass das Khrenamt eines Mitgliedes des israelitischen Kultusvorstandcs kaum welche Bewerber finden würde. Ist es doch das Steckenpferd der Stern'schcjn Kolerie, zu behaupten, dass man in Wien keine Kandidaten aufbringen könne, weshalb diese Gesellschaft der Wiener Gemeinde die Gnade" erweist, die Last der Kultusarbeiten auf sich 7,u nehmen. In Wirklichkeit aber verhält sich die Sache ganz anders. Dem Wiener jüdischen Mittelstand fehlt zwar der weitere Gesichtskreis, das ganze Um und Auf, seiner Tätigkeit beschränkt sich auf die Wände seines Bethauses oder seines llumanitätsxdeines. Der jüdische Bürger hat gar kein Verständnis für die Bedeutung und die Tragweite jüdischer Selbsthilfe und der jüdischen Organisation. Aber es kitzelt seinen Ehrgeiz, Mi4glied des Kultusvorstandes zu werden. Und so sehen wir die traurige Erscheinung: dass der jüdische Bürge'-, der sich innerhalb seines engen Vereines gewisse Verdienste erworben hat, nicht das Streben hat, sich ein Mandat auf Grund eines Programmes zu erobern, s o n d e r n s i c h v o r Dr. Stern ernied r i g t, u m es zu erbet t e 1 n. So haben sich denn im Laufe der Jahrzehnte die Verhältnisse in der Wiener Kultusgemeinde trotz des allgemeinen politischen Fortschrittes und der zu erwartenden Reife der jüdischen Bürger keineswegs geändert. Dr. Stern ist seinerzeit infolge Intervention seines Bruders und der Protektion des damaligen Präsidenten W e r t h e i m in den Kultusvorstand hineingekommen; auch heute appellieren die Kandidaten nicht an die W ähler, sondern an die Gnade des Präsidenten. In der Komiteesitzu ig vom Montag war daher Dr. Stern selbst anwesend und hat damit auch neuerlich seine Parteistellung dokumentiert. Es stellten sich 16 Kandidaten für die 9 Mandate vor. Von den bisherigen Vorstehern erschienen die Herren Prof. Ehrmann, Frank, Dr. Löwi, Dr. S t e i n und kaiserl. Rat Sachs. Letzterer hielt eine bemerkenswerte Rede. Hut ab vor den Zionisten! Herr Sachs berichtete von den Eindrücken, die er anlässlich der Notablen-Konferenz in Berlin gesammelt hat. Er war voll Lobes über die deutschen und galizischetn Zionisten, die er dort kennen gelernt hat. „Hut ab", sagte er „vor diesen Männern. Es ist eine Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten." Allein von diesen Herren müsse man die Wiener Zionisten unterscheiden. Herr Sachs erzählt, dass die Zionisten in Berlin, mit denen er Gelegenheit gehabt hat, zu sprechen, das Treiben ihrer Wiener „Gesinnungsgenossen" in der schärfsten Weise getadelt haben. Die Herren in Berlin haben es abgc lehnt, hiefür irgendwelche Verantwortung zu übernehmen. Denn alles, was im zionistischen Lager „Besitz und Talent" repräsentiert, habe sich von diesen Herren zurückgezogen. Die Rede des Herrn Sachs, der wegen seines ruhigen und bescheidenen Auftretens sowie auch we gen seiner Stellung als Piokurist des Baron Sprin ger sich in den weitesten jüdischen Kreisen grosser Achtung erfreut, hat geradezu eine Sensation hervorgerufen. Von den sonstigen Kandidaten seien genannt: Dr. Samuel} (Union/, i!err S e 1 i g m a 11 n (\. Ue /irk), Herr Bei nard 11 o f b a u c r (Schiffschul) sowie schliesslich die Herren Deiches, J olles und Ko lieb, letztere drei als Bewerber um das für die l>oi nisch-jüdischc Synagoge bestimmte Mandat. Herr Herrn. Fit bogen (XX. Bezirk) hat seine Kandidatin- .schriltfich angemeldet. Mit der Vorstellung der Kandidaten war die Tagesordnung der Sitzung erschöpft und in einer am Donnerstag stattfindenden Sitzung des Wahlkoniitees werden die offiziellen Kandidaten nominiert werden. Vom oppositionellen Wahlkomitee. Die Erklärung, weiche Herr Frank in der letzten Vorstandssitzung im eigenen und im Namen des Herrn Prof. Ehrmann abgegeben hat, machte es selbstverständlich dem oppositionellen Wahlkomitec unmöglich, diese beiden Herren weiter zu kandidieren. Dieselben wurden daher aus der Kandidatenliste gestrichen. Es sind .nun zwei Kandidatensteilen frei und zu denselben dürfte bald die dritte hinzukommen. Der Kandidat ohne Wahlrecht. Das Organ des oppositionellen Wahlkontitees ist über die in der Wählervcrsammlung vom 22. Oktober 1. J. gefallene Bemerkung, dass sich in ihrer Kandidatenliste ein Kandidat ohne Wahlrecht beiludet, mit Stillschweigen hinweggegangen. Wir sind nun in der Lage, auch den Xatnen dieses Kandidaten bekanntzugeben : es ist dies Herr Dr. Isidor Schalit, der im Wählerverzeichnisse überhaupt nicht erscheint. Eine Richtigstellung. In der „Jüdischen Zeitung" wird ein Zwischen ruf des Dr. S. R. Landau registriert, welcher angeblich lautete: ,,Die schärfste Gegnerin des Judentums ist die B.-B.-Logc." Diese Darstellung ist unrichtig. Der Zwischenruf lautete vielmehr: „Hie Bnei-Brilh-Loge ist die schärfste Gegnerin des n at io n a 1 e n Judentums." §prechsaah Eine Demütigung der jüdischen Stadenten. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich bitte Sie, im Interesse der studierenden jüdischen Jugend in Wien folgende Zeilen in. Ihrem werten Blatte zu veröffentlichen. Es war in dem letzten Jahre in der Presse vielfach die Rede von der mangelhaften "Ernährung der studierenden Jugend. Ein Ausweis der Mensa academiea hat gezeigt, dass die Zahl der verabreichten F 1 e i s c h p o r t i o n c n im letzten Jahre zurückgegangen, die der Gemüse- und Mchlspeiseportionen bedeutend gestiegen ist. Wenn von der darbenden fügend gesprochen wird, dann können wir mit Gewissheit sagen, dass 90°o der jüdischen Hochschüler zu derselben gehören. Nun haben

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