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Neue Nationalzeitung · 1908-11-06 · Heft 44 (6.11.1908) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 44 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 0. „Neue National-Zeitung' Nr. U. keine Gesohafte machte. Da stellte sich ein etwas schäbig aussehender Jude vor und verlangte, den Bankier zu sprechen. Man sagte ihm, dass die Geschäftsstunden bereits vorüber seien. Er wollte sich aber nicht abweisen lassen. Während des Disputes kam der Bankier, der ebsn im Begriffe war, nach Hause zu gehen, aus seinem Privat-Kontor. Als man sich an ihn wendete, bestätigte er das Ultimatum seiner Angestellten. Aber der schäbig aussehende Kunde wollte sich nicht abweisen lassen. „Ich komme wegen eines Geschäftes, bei welchem Sie einen Gewinn von 100.000 Kronen erzielen können." Er sah durchaus nicht darnach aus. „Mein Geschäft ist geschlossen," sagte der Bankier, „Sie müssen ein anderes ,Mal kommen." ,,Gut," sagte der vermeintliche Kunde, „wenn Sie sich absichtlich ein solches Angebot entgehen lassen, ist es Ihr Verlust, nicht meiner." Der Bankier überlegte, iog ooo Kro nen war ein grosser Betrag, und obwohl der Mann nicht so aussah, als wenn er den 100.000 sten Teil einer solchen Summe wert wäre, fiel ihm ein, dass ihm schon manchmal kleine Leute aus den Dörfern namhafte Geschäfte gebracht hatten. „Sellen Sie," sagte er, „ich mache am Sabbath niemals Geschäfte, aber wenn es Ihnen beliebt, mit mir nach Hause zu gehen, und den Sabbath mit mir zu verbringen, so bin ich bereit, mit Ihnen über Geschäfte zu sprechen, so bald der Sabbath vorüber ist." Gerade das hatte Jas schäbig aussehende Individuum erwartet, und es stimmte ohne den Anschein allzu grosser Freude zu. Der Bankier lebte gut, und der „Kunde" liess sich's wohl sein. Er bekam am Freitag abends ein glänzendes Mahl, prächtige Apartements, und während des ganzen Tages wurden die Bankette fortgesetzt. Indessen unterhielt er seinen Gastgeber so gut, dass der Bankier sich nicht einen Augenblick langweilte. Als der Abend kam, machte der Hausherr Habdallah, bot seinem Gaste eine erlesene Zigarre an und sagte: „Nun, lieber Freund, wollen wir über Ihr Geschäft sprechen. Was für eine Transaktion ist das, bei welcher ich. wie Sie sagen, 100.000 Kronen verdienen kann?" „Nun, Herr," sagte der Gast, einen letzten Blick auf seine behagliche Umgebung werfend, „ich habe gehört, dass Sie Ihrer Tochter eine Mitgift von 200.000 Kronen bieten. Mein Antrag ist, sie mir zu geben. Ich bin bereit, sie um die Hälfte zu nehmen!" .... Nietzsche £e£en den ^ntisemitismus. Im Novemberheft der ,,N e u e n K u n d - schau" finden wir mehrere Briefe, die dessen Stellung zum Antisemitismus in einer so entschiedenen Form charakterisieren, dass es den Antisemiten wohl jetzt schwer fallen dürfte, von „ihrem" Nietzsche zu sprechen. Die Briefe sind an die Schwester des Philosophen, die Gattin des Antisemitenführers Förster, gerichtet und enthalten folgende markante Stellen: „Eine der grössten Dummheiten hast Du, mein armes Lama, gemacht — für Dich und für mich! Deine Verbindung mit einem antisemitischen Chef drückt eine Fremdheit gegen meine ganze Art zu sein aus, die mich immer von neuem mit Groll oder .Melancholie erfüllt. Du sagst zwar, Du habest den Kolonisator Förster und nicht den Antisemiten geheiratet, - und das ist auch richtig; aber in den Augen der Welt wird Förster bis an sein Lebensende der Antisemitenchef bleiben. Also um des Himmels . Willen kein , Friedrichsland' Oder ,Friedrichshof'! Ich habe Dich doch ausdrücklich um den Namen ,Lamaland' gebeten. Weisst Du, mein gutes Lama, es ist eine Ehrensache für mich, nach Seifendes A n t i s e m i t i sni 11 s hin absolut r e i n 1 i c h u n d u n z we i d e 11t i g zu sein, nämlich a b 1 e h n e n d, wie ich es in meinen Schriften tue. M in hat mich in den letzten Zeiten mit Briefen und antisemitischen Korrespondenzblättcrn heimgesucht; mein Widerwille vor tili c sc r Partei (die gar zu gern ihren Vorteil von meinem Namen haben möchte!j ist so ausgesprochen, wie möglieh, aber die Verwandtschaft mit Förster, ebenso wie die Nachwirkung meines ehemaligen antisemitischen Verlegers Schmeitzner, bringen immer wieder die Anhänger dieser unangenehmen Partei auf die Vorstellung, ich müsse wohl zu ihnen gehören. Wie sehr mir das schadet und geschadet hat, kannst Du Dir kaum vorstellen. Die gesamte deutsche Presse schweigt meine Schriften tot — seitdem! sagt Overbeck! Es erweckt vor allem Misstrau.-n gegen meinen Charakter, wie als ob ich öffentlich etwas ablehne, was ich im geheimen begünstige, - und dass ich nichts dagegen zu tun vermag, dass in jedem antisemitischen Korres|x>ndenzblatt der Name ,Zarathustra' gebraucht wird, hat mich schon mehrere Male beinahe krank gemacht. - Verzeihung! es ist unrecht Dir zu sagen und unbillig das arme Lama für die Gesinnungen dieser Partei verantwortlich zu machen. Aber ich bin nicht immer ,billig' gesinnt. Malvida schrieb mir einmal, dass ich gegen Zwei ungerecht wäre: gegen Wagner und gegen Dich meine Schwester. Warum wohl? Vielleicht weil ich Euch Beide am meisten geliebt habe und den Groll nicht überwinden kann, dass Ihr mich verlassen habt? — Doshalb lies aus all meinen schlimmen Gedanken und scharfen Worten den Schmerz heraus, dass ich Dich verloren habe und dass Dein Name mit einer Partei in Verbindung gebracht wird, mit der Dich kein einziger gemeinschaftlicher (Icdan k e verbindet, mit welcher Du nichts zu tun hast." Sechs Monate später, im Mai 1888, schreibt Nietzsche wieder über dasselbe Thema: „Und hiermit berühre ich nochmals meine Stellung zu m A n t i s e m i t i s m u s oder zu de n A n t i s e m i t e n, für welche ich, da es unter ihnen so achtbare, tüchtige, Willensstärke Charaktere gibt, manches Günstige geltend machen kann. Das hindert aber nicht, nein, das bedingt vielmehr sogar, dass ich. dem Antisemitismus, d e r s o v i e 1 tüchtige Kraft vergeudet und v c r g i f t e t, den K r i e g m a c h e. -- Aber bemerke wohl: wo ich geringschätze, mache ich keinen Krieg!" «==SÄ««i^=SÄS^^ Freunde und Gesinnungsgenossen! Verlanget in euren Gast- und Kaffeehäusern die =!„NEUE NATIONAL-ZEITUNG".=

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