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Neue Nationalzeitung · 1908-11-06 · Heft 44 (6.11.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 44 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. *!tfette Üaß^kZeföairig'i Nr. 44 ©ie jüdischen (Jn^epsifätsffrofessoftn in Deutschland. Berlin, Ende September. Wiewohl es die Juden im Deutschland bisher an deutschjnationalem Chauvinismus keineswegs fehlen liessein, so dass man bis in die letzte Zeit ohne Uebertreibuing von einem jüdischen Hurrah- Patriotismus sprechen konnte, hatte der stille, aber dafür an den tiefsten Wurzeln der jüdischen Existenzmöglichkeit nagende Antisemitismus immer tieferen Boden gefasst. Aus allen Kreisen und Berufen, mit denen eine gewisse soziale Stellung, Repräsentanz und Versorgung verbunden ist, werden sie sukzessive verdrängt. Zuerst war es das Offiziers- Korps, dann der Richterstand, das Notariat, und jetzt kommt die akademische Karriere an die Reihe. Der tragische Tod des ausserordentlichen Professors Dr. Adler in Kiel, der aus Gram über die wiederholte Präterierung freiwilig im den Tod ging, hat die ganze Heuchelei des deutschen ^Rechtsstaates" enthüllt. Seitdem hat sich die öffentliche Diskussion der Frage bemächtigt, und es werden Stimmen laut, welche die Schuld an der Präterierung der Juden ausschliesslich der antisemitischen Haltung der Professoren-Kollegien zuschreiben, die einen Juden zum Ordinarius nicht vorschlagen wollen. In sehr erschöpfender Weise hat jüngst das ,,Berl. Tagbl." in einem Artikel .,Das Berufungsrecht der Fakultäten" diese Frage besprochen. Es hat sich bei dieser Gelegenheit gezeigt, dass unsere liberale Presse im Gegensatze zur Wiener .Judenpresse", den Mut hat, für die Rechte der Juden einzutreten. Dieser Artikel ist gleichzeitig eine rühmliche Anerkennung des jüdischen Anteiles an der Entwicklung der medizinischen Wissenschaft in Deutschland. „Wir wollen", heisst es da, },ü b e r die Berufung von Juden zu ordentlichen Professoren in den medizinischen Fakultäten Deutschlands sprechen.. Zur Zeit gibt es in Deutschland vier j ü d ische ordentliche medizinische Professoren: die Physiologen Bernstein -Halle und Rosenthal- Erlangen, beide 1872 berufen; der Pharmakologe J a f f e - Königsberg, ermannt 1873; der Physiologe H e r r m a n n - Königsberg, ernannt 1884. Ausser diesen jetzt noch im Amt befindlichen Herren hat es an deutschen, medizinischen Fakultäten bisher folgende jüdische Ordinarien gegeben: Herz, innerer Kliniker in Erlangen ernannt 1869, Traube, innerer Kliniker in Berlin 1872 bis 1876, Ebstein, innerer Kliniker in Göttingen 1874 bis 1907, Freund, Gynaekologe in Strassburg 1878 bis 1901, Laqueur, Ophthalmologe in Strassburg 1876 bis 1906. Niemand wird es wagen, zu bestreiten, dass alle diese Männer als Forscher, als Lehrer und als Beamte ihren Platz mit höchster Würde atisgefüllt haben oder noch ausfüllen. JAus diesen Angaben geht nun hervor, dass es heute nur noch vier im Amt befindliche jüdische Ordinarien gibt; diese ausschliesslich in theoretischen Fächern. Diese geringe Zahl ist bei der sehr grossen Menge von jüdischen Medizinern und solchen unter ihnen, die wissenschaftlich tätig sind, höchst erstaunlich, und man nmss njachf einer Erklärung für diesen auffallenden Widersprach' suchen. •Natürlich hat man zu allererst (an - die Möglichkeit zu denken, dass unter der, wenn auch noch so grossen Zahl jüdischer Mediziner keine geeigneten Persönlichkeiten vorhanden waren oder sind. Da gibt aber zunächst die auffallende Tatsache zu denken, dass, wie obige Zahlen lehren, in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sieben Männer der Auszeichnung für würdig befunden wurden; dann noch ein Herr 1884; seitdem ist keine einzige Ernennung mehr erfolgt. Sind die jüdischen Mediziner in ihrer Entwicklung, die vor 30 Jahren mit der der christlichen Kollegen noch einigermassen Schritt hielt, seitdem zurückgeblieben? Oder sind sie einem merkwürdigen Degenerationsprozess verfallen, dass seit 25 Jahren kein einziger mehr für fähig gehalten werden konnte, eines der zirka 230 Ordinariate zu bekleiden? An der Hand von einigen bestimmten und besonders auffallenden Beispielen müssen wir liier zunächst einmal diese Frage besprechen, obgleich sie wohl von jedermann als eine rein rhetorische empfunden werden wird. Wir wollen uns natürlich hier auf Namen solcher Männer beschränken, deren Karriere abgeschlossen ist, und die viel zu hoch dastehen, als dass ihnen ein journalistischer Hinweis auf ihre Person auch nur im mindesten nützlich sein könnte. |Vor drei Jahren erregte es in weiten Kreisen Aufsehen, dass der Titularprofessor, Privat dozent an der Berliner Universität, Dr. Albert Fränkel freiwillig auf die Venia legendi für das Fach der inneren Medizin verzichtete. Während heute die grosse Mehrzahl der inneren Kliniker sich auf die Bearbeitung eines mehr oder weniger engen Spezialgebietes beschränkt, war Fränkel gerade durch die Bearbeitung der verschiedensten Gebiete der klinischen Medizin ausgezeichnet. Seine Lehrbefähigung war eine allgemein anerkannte, und noch heute gelten in den wissenschaftlichen Vereinen seine Auseinandersetzungen als hervorragend klar. Als Arzt und Leiter eines grossen Krankenhauses hat er sich auch den Ruf eines ausgezeichneten Praktikers erworben. Dieser Mann legte verstimmt und verärgert seine Stellung als Privatdozent nieder, weil man in 28 (!) Jahren ihn nicht über diese Anfangsstufe hinaus hatte gelangen liassen. SNun könnte jemand einwenden, dass wir einen solchen Ueberfluss an hervorragenden Klinikern hatten, dass selbst ein so qualifizierter Mann bei Berufungen immer noch durch einen Ueberlegeneren, Tüchtigeren in die zweite Reihe gedrängt wurde. Nun, jeder Eingeweihte weiss, mit welchen Schwierigkeiten seit langem gerade die Besetzung' der Lehrstelle für innere Medizin mangels geeigneter Kräfte zu kämpfen hatte; wie schliesslich so manche Besetzung unter allgemeinem Kopfschütteln der urteilsfähigen Kreise erfolgt ist. Schon etwa zwei Jahre vorher hatte auch Professor Hermann Oppenheim auf seine Stellung als Privatdozent an der Berliner Universität verzichtet, weil die Beförderung, auf die er Anspruch zu haben glaubte, nach s i e b z e hin j ä h r iger Lehrtätigkeit ausgeblieben -war. Kein Sachverständiger wird etwas einzuwenden haben, wenn wir ihn als den bedeutendsten deutschen Neurologen neben Erb bezeichnen und hinzufügen, dass seine wissenschaftlichen, diagnostischen und thera-

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