Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 44 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Kt 44. Natioälal-Zeituio|f'' Seite 9. dem Rahmen der polnischen Gesellschaft entführen werde. Die Juden seien — Polen. Damit hat der Abgeordnete jener Handelskammer, deren Präsident überhaupt nicht polnisch sprechen kann, das polnische Gefühl des Landtages wieder beschwichtigt. Die Hiebe jedoch, die er dem Landesschulrat versetzt hat, sassen fest. So hat sich von allen jüdischen Strebern, die bisher im Landtag gesessen sind, noch keiner zu sprechen unterstanden. Diese Angriffe durften daher nicht unerwidert bleiben.; \ , . . Der Vize-Präsident des Landesschulrates. Dr. v. Dembowski, der jüngst zu diesem Amte berufen wurde, meldete sich daher zum Wort. Seine Rede war ein schüchternes Geständnis. Die ungeheuerlich klingenden Behauptungen Dr. Ritteis hat er gar nicht bestritten; er hat sie bloss „erklärt". Da aber die antisemitische Schulwirtschaft nicht genügend „erklärt" werden konnte, so wurde der Zionismus bei den Haaren herbeigezogen. Weil einzelne Theologen im Auslande studieren, deswegen können jüdische Lehrer und Lehrerinnen in Galizien keine Anstellung finden. Das ist Logik. . . „Die Frage, welche der Herr Abg. Dr. Rittel berührt hat," begann Dr. von Dembowski, „ist sehr peinlicher Natur Die Schulverwaltung steht selbstverständlich" auf dem Standpunkte der Gleichberechtigung aller Konfessionen, und jcckr Antisemitismus ist ihr fremd. Was das 'IV. Gymnasium in Lemberg betrifft, so bestehen dort allerdings zwei Klassen, die zumeist von jüdischen Schülern frequentiert sind, allein es ist dies mit Rücksicht auf den Stundenplan geschehen, damit alle jüdischen Schüler gemeinsam an dem Religionsunterricht teilnehmen können. Es war dies vielleicht kein glückliches Mittel, aber man hat auch, zum Zeichen, dass hier kein Schul-Ghetto eingerichtet wird, ' römisch-katholische und griechisch-katholische Schüler dort untergebracht. Es .ist ja wahr, dass in den Lehrerinnen-Bildungs-Anstalten, speziell in Lemberg, wenig Jüdinnen zu finden sind, allein die Ursache liegt darin, dass sich wenig Jüdinnen melden und die jüdischen Lehrerinnen nach Absolvierung des Seminars sehr schwer Anstellungen finden, denn die kompetenten Be zirks-Schulbehörden sind der Ansicht, dass es unmöglich sei, eine jüdische Lehrerin am Lande unterzubringen. Der Landesschulrat wird bemüht sein, alle freien Stellen in den kleineren Städten in Evidenz zu halten und seinen Einfluss dahin geltend zu machen, dass die jüdischen Kandidatinnen 'entsprechende Anstellungen finden. Was den Religionsunterricht betrifft, so gibt es wenig stabile Stellen, jedoch erhalten die Lehrer denselben Gehalt wie andere Suplenten. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, dass die Lehrer in den ausländischen 'Ralnnner-Seminarien herangebildet werden, wo sie sehr leicht den Zionismus auf sich einwirken lassen. Eine Besserung dieser Verhältnisse wird erst durch die Errichtung eines jüdischtheologischen Institutes in Lemberg herbeigeführt werdet)." Damit hat die Judendebatte im galizischen Landtag vorläufig ihr Ende erreicht. Die Judenfrage wird aber aus der Mitte dieser Körperschaft nicht so bald weichen. Wie der Geist Biancas wird sich hier das grinsende Gespenst des jüdischen Massenelends Unaufhörlich in Erinnerung bringen. Gross ist die Gefahr und tief die Verbitterung, wenn selbst die „Hausjuden" endlich ihre Sprache wiedergewinnen . ßinc jüdische Enquete des feandes* ausschusses. (Telegramm der „Neuen Natlonal»Zeltang.") Lemberg, dein 3. November. Zu Beginn der heutigen Sitzung hat Landesausschuss-Beisitzer Doktor Ja Hl nachstehende Erklärung abgegeben: „In der Sitzung des höhen, Landtages vom 23, Oktober 1. J. hjaben dje Herren Dr. Low einst ein und Genossen den Landesausschuss betreffs der Durchführung des Beschlusses des hohen Landtages vom 19. März 1907, in welchem dem Landesausschusse aufgetragen wurde, die Gründe der Verarmung der im Lande befindlichen jüdischen Bevölkerun g zuprüfen, im Einvernehmen mit der Regierung eine entsprechende Rettungsaktion einzuleiten und darüber in der nächsten Landtags-Session zu berichten, interpelliert. Die Herren Interpellanten haben angefragt, ob und welche Schritte der i Landesausschuss behufs Durchführung dieses Landtags-Beschlusses eingeleitet hat. In der Beantwortung dieser Interpellation habe ich die Ehre, Namens des Landesausschusses zu erklären!: \ Der Landesausschuss hat die Prüfung der Gründe der Proletarisierung der Juden begonnen. Er hat, wie dies bereits im Berichte über die Tätigkeit des Departements II betont wurde, vorerst die Herbeischaffung des Materiales und der zur gehörigen Untersuchung dieser Frage unentbehrlichen Informationen veranlasst. Das Material ist bereits gesammelt, es ist jedoch derart umfangreich und das in dem Antrage des Abgeordneten Dr. Löwenstein aufgeworfene Thema ist nach Ansicht des Landesausschusses derart wichtig, ernst und schwierig, dass der Landesausschuss1 im Bewusstsein seiner Verantwortung es für notwendig erachtet hat, das Material noch einer gründlichen und rigorosen Prüfung zu unterziehen. Diese erfordert jedoch längere Zeit und konnte daher ,bis zur Eröffnungdes Landtages nicht beendet werden. Sobald sie jedoch erfolgt sein wird, was i 11 d e r allernächsten Zeit geschehen muss, wird der Landesausschuss an die Verfassung e i n e s Fragebogens für die einzuberufende Enquete s (* h r c i t en und dieselbe auch einberufen. Auf Grund der (Resultate der Enquete und nach entsprechender Bearbeitung ihrer Gutachten wird sich der Landesausschuss ohne Verzug mit der Regierung ins Ein vernehmen setzen und sohin dem hohen Landtage seine Vorschläge unterL reiten." ©er StrassenttKistet» und sein Taufschein. (Eine Konkursausschreibung.) Die autonomen Behörden in Galizien lehnen die Aufnahme jüdischer Beamten ab. Der Landesaussrhuss geht mit dem Beispiele voran. Das geschieht ganz offenkundig. In schamloser Weise werden die Staatsgrundgesetze verhöhnt. Ein klassisches Beispiel für diesen Rechtsbruch bietet nachstehende Konkursausschreibung des Bezirksausschusses Lancut („Nowa Refonnä" vom 2. November 1908.): „Der Bezirksausschüss von Lancut schreibt hiemit einen Konkurs für zwei Strassenmeister - stellen aus: Die Kandidaten haben ihre Gesuche bis zum 15. November 1. J. dem Bezirksausschüsse zu überreichen und nachstehende Beilagen anzuschliessen: 1. Den Taufschein zum Nachweise des beendeten 24. und nicht erreichten 42. Lebensjahres." Wer in Galizien Strassenmeister werden will, muss sich taufen lassen. Dieses wichtige Amt darf ein Jude nicht versehen. Er darf aber wuchern und erhält dafür den Adel. Die polnischen Schlachzizen sind doch nette Leute.