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Neue Nationalzeitung · 1908-11-06 · Heft 44 (6.11.1908) · p. Seite 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 44 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 44. Unigestaltung der Judenschaft in demokratischer und volkstümlicher Richtung. Schliesslich polemisierte Redner gegen Pater Stojalowski, dem er antisemitische Phraseologie zum Vorwurfe machte und schloss mit der Versicherung, dass die Juden das Glück und das Wohlergehen dieses Landes wünschen. Pater Stojalowski verteidigt den Antisemitismus. Auf die Rede Dr. Lahdaus reagierte diesmal Pater Stojalowski, diese jämmerliche Gestalt, die in den Tagen der politischen Verfolgungen und materieller Not mir bei den jüdischen Schriftstellern Zipser und S. R. Landau Zuflucht und Unterstützung gefunden hat, jetzt aber zum antisemitischen Kläffer des galizischen Landtages herabgesunken ist. Der einstige Volkstribun, den der polnische Bauer einst fast vergöttert hat, isst jetzt das Gnadenbrot der Schlachta. In ihren Diensten hat er das Bauern- \-olk gegen die Juden gehetzt und die blutigen Juden- Exzesse von Neusandez und Jaslo im Jahre 1898 waren sein Werk. Seitdem sank aber auch seine Popularität. Das Volk hat die Machenschaften im Interesse der Schlachta durchschaut und sich von ihm abgewendet. Er steht jetzt isoliert und selbst seine besten Freunde, die noch vor einem Jahre mit ihm das katholische Zentrum zu schaffen suchten, sind in den letzten Tagen zur Volkspartei übergegangen. Pater Stojalowski kennt kein Versteckenspiel wie die Volkspartei7 die seit ihrem Eintritt in den Polenklub durch den Mund ihres Führers S t a - pinski wiederholt in versteckter Weise die Juden anfiel: er verteidigt offen den brutalsten Antisemitisimib. ,.Dcr .Antisemitismus" — sagte dieser katholische Geistliche — „ist kein Schlagwort des Hasses. Er [verteidigt lediglich die Bevölkerung gegen die jüdische Ausbeutung. Doktor Landau hat geltend gemacht, dass im Landes-Ausschusse kein Jude angestellt sei. i'fls ich dies hörte, da habe ich dem Herrn Landmarschall (Graf Stanislaus Badeni) alles verziehen, was ich ihm je nachgetragen habe. (Gelächter.) Dr. Landau zitiert den Ausspruch, dass die Juden gefährliche Konkurrenten sind. Das ist ja wahr. Wie viel Schlachzizen sind durch sie zu Bettlern, wie viel Beamte zu 'Defraudanten, wie viel Bauern zu Knechten geworden! Und da soll < n wir uns nicht wehren? Wenn die Juden irgendwo die Macht 'nicht an sich reissen, so geschieht dies deshalb, weil sie glauben, ihre Zeit sei „noch nicht gekommen". Sie hätten so manchen Bürgermeister, vielleicht sogar den Präsidenten von Krakau aus ihrer Mitte gewählt, aber sie denken: „Noch ist 'es nicht an der Zeit." Wir müssen uns daher gegen sie wehren, denn sie sind intelligenter und schlauer." Abg. Maryewski (Podgorze): „Ist das eine Sünde?" Pater Sto ja lowski: ,.Es ist keine Sünde, aber meine Pflicht ist es, den Schwächeren zu verteidigen. In den Städten muss sich die Intelligenz, wenn sie 'etwas erreichen will, mit den Juden auf guten Fuss stellen. (Heiterkeit.) Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie die jüdischen Advokaten und Aerzte den Christen ihre Klientel wegnehmen. Ich gebe ja zu, dass die Diskussion abgelenkt wmde, allein die Schuld daran trägt Dr. Landau, der mich angegriffen und zu mir „gekräht" hut." (Heiterkeit.» Der Ordnungsruf des Landmarschalls. Graf Stanislaus Badeni hat sich während dieser Hetzrede Stojalowskis ebenso gut unterhalten, wie der ganze Landtag. Er fand daher keinen Anlass, den Redner zur Ordnung zu rufen, zumal er ja selbst wegen seines Boykotts der J uden in rühmender Weise von einem Stojalowski apostrophiert wurde. Die ganze antisemitische Rede Stojalowskis während der Debatte über das Schulbudget gehörte nach Ansicht des Landmarschalls zur Sache.... Der Landmarschall wurde aber ungeduldig und iiervös, als der Abgeordnete der Brodyer Handelskammer, Dr. Rittel, das Wort ergriff, um die antisemitische Richtung in der Landesverwaltung jzu kritisieren und Stojalowski abzufertigen. Da erinnerte sich Graf Badeni, dass „Bildung und Kunst" auf der Tagesordnung stehen. Er rief daher den Abgeordneten Dr. Rittel zur Ordnung, gerade als er dem Stojalowski etwas unsanft an den Leib rückte. . . . Die Schikanen in den Schulen. Dr. Rittel schildert den Dornenweg, der die studierende jüdische Jugend in den galizischen Bildungsanstalten erwartet. Die Lehrer-Bildungsanstal - ten sind den Juden überhaupt unzugänglich, in den Gymnasien werden sie schikaniert. In so mancher Schule wird offen erklärt: „Wir brauchen keine Juden!" Man geht sogar so weit, in den Schulen „jüdische Klassen" einzurichten; in einer Volksschule hat die Lehrerin diese Absonderung so gründlich durchgeführt, dass sie die jüdischen Schülerinnen in eigene Bänke versetzte und ihnen besondere Wasserkannen zuwies, damit die anderen Wasserkannen nicht „koscher" werden. Redner erhebt gegen den Landtag und gegen den Landesschulrat den Vorwurf, dass sie von der Gleichberechtigung sprechen, aber ganz anders handeln. Die lex Schmid in Galizien. „Der Polenklub hat in Wien" — setzte Redner unter allgemeiner Spannung fort — „gegen die berüchtigte lex Schmid gestimmt, aber in den galizischen Schulen wird diese Resolution praktisch durchgeführt. Ich wollte, dass Landtag und Landesschulrat von sich sagen könnten: „Ihr solltet uns nicht nach unseren Worten, sondern nach unseren Taten beurteilen." Stojalowski als „Wurstel". „Die allgemeine Budgetdebatte befand sich auf würdiger Höhe, aber die Spezialdebatte brachte uns den Misston in der Rede Stojalowskis. Auf die Symphonie folgte ein Gassenhauer und da zeigte es sich, dass auch ein ernstes Drama seinen — Wurstel haben muss. Pater Stojalowski hat behauptet, er sei immer gleich geblieben, aber wir denken noch, wer er einst gewesen. . . ." Das ist für den Landmarschall schon zu viel: „Wir sind bei der Budgetpost ,Bildung und Kunst'. Ich bitte daher den Herrn Abgeordneten, zur Sache zu sprechen und nicht von Dingen, die weder mit der Bildung noch mit der Krnst etwas gemein haben" — rief Graf Badeni sehr energisch. Denn er kann sehr energisch sein, wenn Stojalowski angegriffen wird. .... Dr. Rittel — kein Zionist. Abgeordneter Dr. Rittel hat sich schon zu sehr von seinem Temperament fortreissen lassen. Der ganze Groll, den er durch Jahre in seinem Inneren unterdrückt hat, ist nun in einem Moment der Leidenschaft ausgebrochen. Eigentlich ist das Alles ja nicht neu! Das sagen ja seit 20 Jahren — die Zionisten. Und nun könnte dje feine Gesellschaft des Landtags auch ihn für einen — Zionisten halten! Dem müsste vorgebeugt werden. Dr. Rittel „versichert" daher, dass kein zionistischer Separatist die Juden aus

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