Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 44 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE (CiONAL-ZEiOJNG %5?m JÜDISCRPOUCiSCRB WOCRSNSCBRIFC RBRflüSGgBgR: DrS.R.LflNDGU:: X. JäHROäNG. WlEtf, 6. NOVEMBER 1908. fiP. ©ie ^Judendebatte im galizischei) kandhijS. 1. c m b e r g, den i. Novoniher. Seit Marx 1907, als Dr. Nathan L ö w <.• ii t e i n im Landtage plötzlich sein jüdisches Merz entdeckte und eine —■ Kandidatenrede zum Fenster hinaus hielt, hätte der Landesausschuss Zeit gehabt, im Sinne des vom Landtage gefassten Beschlusses das Material zur Prüfung des jüdischen Massenelends vorzubereiten und eine Enquete einzuberufen. Das ist während der verstrichenen anderthalb Jahre nicht geschehen. Dem Landtag, seiner Majorität und seiner Exekutive sind die Juden die quantite negligeable, über die man zur Tagesordnung übergeht. In den neuen Landtag wurden sechs ,,jüdische" Abgeordnete gewählt; drei von den Städten und drei von den Mandelskammern, aber alle sechs von jüdischen Majoritäten, zum Schutze der jüdische;! 'Rechte und als Wortführer der jüdischen Bevölkerung. Vier von ihnen, Dr. F r u c h t m a ji n , Dr. K o 1 i s c h e r, Dr. Low enstein und Sare, waren im Landtag nicht mehr fremd. Sie hatten hier die Bänke bereits gedrückt, und in banger Sorge um ihr durrh Servilismus erworbenes Mandat alle die Zurücksetzungen, Chicanen und Verfolgungen ihrer Brüder ruhig über sich ergehen lassen. Ihre Devise war Schweigen, auf Kosten des < "haraklers, der politischen Reputation, der Matmesw ürdc. aber um den Preis des Mandates. Aerger wurde w o hl k a 11 m j e e in V o i k p reis g e g e b e n. Nur einmal, unmittelbar vor dem Schluss der Landtags-Session hatte sich einer von ihnen, Doktor L ö w e n s t e i n, erhoben, um in einer grossen Rede" das ganze Leid der galizischen Juden schaft zusammenzufassen. Es war eine oratorisch bedeu - tende Leistung, in ihrem Rahmen widerspiegelte sich die ganze Judennot der letzten Jahrzehnte und sie hätte eine grosse Wirkung erzielt — wenn sie von innerer Ueberzeugung getragen, von einem ehrlichen Willen diktiert und von einem idealen Hauch durchweht wäre. Aber die Auguren lachten : es war bloss eine Wahlrede. Lud nun, da der Landtag wieder beisammen ist, da alle Nationen und Stände ihre Beschwerden und Wünsche vorbringen, hüllen sieh diese vier alten Sünder in Schweigen. Sie lj^ben den armen Juden die Mandate herausgeschwindelt und jetzt machen sie Landespolitik. Die Landesbank, Landesbahnen, Gendarmen, sind ihre Sorgenkinder; für ihre jüdischen Wähler und die jüdischen Volksmassen haben sie nicht einmal mehr die Pose übrig, mit der sie vor einem Jahre Allarm bliesen. Das Allarmblasen wurde jetzt den zwei neuen Abgeordneten überlassen. Sie sind noch jung, wenig bekannt und wenig verdient; siehaben am 2. Dezember ohnehin noch nichts zu erwarten. Die „Hausjuden" werden energisch. Zur grossen Ueberraschung des Landtager öffnete Abgeordneter Dr. Landau (Krakau) er am Donnerstag das erste Feuer. Er hatte den Mut zu erklären, dass der Landesausschuss die jüdische Bevölkerung stiefmütterlich behandle, l 'nter den Beamten der autonomen Behörden befinde sich kein einziger Jude, und so entstehe die Frage, ob denn die Juden in Galizien wirklich die Gleichberechtigung gemessen. Die Landesbehörde habe nach dieser Richtung keine Spur von Wohlwollen bewiesen. Die Handelskraft des Landes sei angewachsen und biete der jüdischen Bevölkerung eine scharfe Konkurrenz, wiewohl sie bisher ein Monopol im llandelsgewerbe besass. Zweifellos liege dies in der Notwendigkeit des Fortschrittes. Aber denken wir doch, dass dieses Rad des Fortschrittes Tausende von Existenzen vernichtet. Man betrachtet sie überall als gefährliche Konkurrenten. Dies rufe unter den Juden einen Separatismus hervor, es entstehen aber auch gesunde Strömungen. Es entstand die Aktion der gesunden