Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 43 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11. Feuilleton. BERNARD LA.ZARE ®i> Illusion. Cleomenes und Typhis unterhielten sich eines Tages im Gespräch mit dem Jünger Piatos, dem Juden Theudas zu Syrakus, als ihnen die Nachricht zukam, dass der Barbare v kloaker an der Spitze seiner Horden heranrücke, um den Purpurmantel v;>n den schwachen Schultern des Romulus Augustus zu reissen. Diese Nachricht drückte sie nieder. Nicht als ob sie Rom und dieses Phantom eines verschwindenden Imperators liebten, aber weil sie verstanden, dass mit dem letzten 'Erben Caesars, auch die ganze Welt, die ihnen so lieb war, zusammenbreche. Typhis und Cleomenes verhüllten schweigend ihr Antlitz und Tränen entquollen ihren Augen : Theudas dachte an den Sturz Jerusalems und auch sein Gemüt wurde erregt. So sassen sie lange beisammen. Inzwischen umfing die Nacht den Himmel mit ihren Armen und sie sahen alle darin das herannahende Ende des Reiches und der Götter. Und die beiden Griechen entschlossen sich zu einer Pilgerfahrt. Cleomenes sagte zu Theudas: ,,Morgen reisen wir nach Kreta, um zum letzten Mal den Boden zu sehen, wo die Wiege der Götter standen." „Ich will euch begleiten", widerte Theudas, und so gingen auseinander. Am anderen Morgen bestiegen sie das Schiff und nach einigen Tagen betraten sie den heiligen Boden. Einen ganzen Monat durchkreuzten sie Sfeer sie die Insel nach allen Richtungen: bald suchten sie jene Gegenden auf, iif Bernard *") In seiner Heimatsstadt Nimcs haben jüngst treue und dankbare Freunde dem unserer jüdischen Volksen he im schönsten Mannesalter so jäh entrissenen Bern a r d I. a z a r e ein Denkmal gesetzt. In Frankreich und in der europäischen Presse ist Lazare lediglich als Führer der Dreyfus Kampagne bekannt. Er war aber ein wahrer Nationaljude und ein Anhänger des Zionismus, freilich nicht des diplomatischen und offiziell geaichten, dor das Volk bevormundet und von einer Person beherrscht wird, soneiern des demokratischen und proletarischen Zionismus. Als Dr. S. R. Landau im Jahre 1898 •den Jüdischen Arbeiter" gründete, schrieb 'Lazare an den Herausgeber folgenden Brief: ' ,.Paris, den 18. August 1898. Lieber Herr Doktor! Ich übersende Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche für den ,,Jüdischen Arbeiter". Sie haben Recht, das jüdische Proletariat ist es. es sind die Massen des leidenden und verfolgten Volkes, von denen man sprechen und die man erkennen muss. Die Aufgabe Ihres Blattes wird es sein, die Ideale, Bestrebungen und Bedürfnisse dieser Massen darzustellen und nach den Mitteln für deren Befriedigung zu suchen. Ich wünsche Ihnen den besten Erfolg und zeichne etc." Zehn Tage später fand -der 2. Basler Kongress statt. Lazare war anwesend, . er wurde zuin. 'Vize-Präsidenten gewählt, doch vermied er es, am Präsidententisch Platz zu nehmen. Er sprach nur einmal, indem er sich gegen die überstürzte Behandlung der Kolonialbank wendete. Das vorgeschlagene Organisationsstatut bezeichnete er als undemokratisch und legte selbst einen Entwurf vor, über den jedoch Dr. Herzl zur Tagesordnung überging. Obige Novelle ist einer kleinen Sammlung entnommen, die Lazare unter dem Titel '.La Porte d'ivoire" (Die Elfenbein- Pforte') im Jahre 1897 herausgegeben hat. A n m. der Red. denen Aphrodite geweilt, bald lustwandelten ^ie an den l fern des Terenos, wo Zeus und Hera ihre Hochzeit gefeiert hatten. Da hatten die Titanen gewohnt, dort in den Fluten der Letha hat Harmonia an Kadmos vergessen, diese Berge haben die Artemis in ihrer Mitte als Jägerin gesehen. Eines Abends, übermannt von einer mystischen Erregung zeigten Typhis und Cleomenes dem Theudas eine Ebene: Dort auf diesem dreifach durchfurchten Acker hat sich Demeter mit Bacchus zusammengefunden. Theudas schwieg. Da fragte ihn Typhis: ,,Weshalb hast du uns denn eigentlich begleitet, Theudas? Deine ungläubige Seele kann gar nicht bewegt werden durch die Erinnerung an so viel Ruhm und Missgeschick, sie vermag nicht zu erschauern unter dem Hauche der Göttlichkeit, die hier überall verstreut ist, in den Hainen und Wäldern, über den Hügeln und Ebenen." — ..Ja", fügte Cleomenes hinzu, ..was hat denn dich nach Kreta hergeführt?" -- ,,Ach! meine Freunde, ich bin hergekommen, um meinen Glauben und. meine Hoffnungen neu zu erwecken." -- ,,Dein Gott wohnt doch nicht hier", meinte Typhis. — - „Ich kennte euch antuorten, dass er überall wohnt", erwiderte Theudas. ,,Aber diese metaphysische Antwort würde euch nicht genügen. \\ isset indes, dass es seit der Zerstörung der unsterblichen Stadt nur wenige Länder gibt, wo derjenige, den Ihr meinen Gott nennt und den ich selbst lieber den Gott nenne, so stark seine mysteriöse Macht gezeigt hätte. Catare. Man kann sagen, dass er hier, auf dieser Insel, diejenigen, die an ihn glaubten, beherrschte und führte. Ein Geist durchzittert hier Berg und Tal und für einen Augenblick glaubte ich ihn selbst wahrzunehmen." „Erkläre uns das näher, Theudas", — bat Cleomenes. „Sehr gerne, meine Freunde. Höret und Ihr werdet erfahren, welche Kraft eine Illusion hat, die der Glaube erzeugt, und wie sie die Menschen zu beherrschen vermag." Sie setzten sich alle drei nieder im Schatten eines Hains. Theudas hatte zuvor einige gelbe Chrysantemen gepflückt und er begann seine Erzählung, indem er die goldigen Blumen entblätterte. * v * Es war vor fünfzig Jahren. Da wohnte in einer der Grotten jenes Berges Ida, dessen kahler Gipfel uns entgegenleuchtet, ein junger jüdischer Hirte, namens Moses. Er lebte einfach und bescheiden, wie seine Ahnen in den Ebenen Judaeas, indem er sich von Mispeln und Erdbeeren, von Oliven und von Honig, und im Winter von Milch und von Kastanien nährte. Alltäglich trieb er seine Herde auf die Berge und abends legte er sich inmitten seiner Schafe, in den Cypressen- und Ahorn - Wäldern zur Ruhe. '