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Neue Nationalzeitung · 1908-10-30 · Heft 43 (30.10.1908) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 43 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. „Neue National-Zeitung" Nr. 43 Da er einsam lebte, gab er sich seinen Betrachtungen hin und seinen Träumen. Von der Geschichte seiner Ahnen wusste er nichts. Nur ein alter Rabbi, zweifellos ein Essäer, der einmal seine Einsamkeit geteilt hat, übergab ihm auf dem Sterbelager einige heilige Thorarollen. Sie wurden jetzt zu den sichersten Gefährten des Viehhirten. In den teuren Schriften las er von alten Ereignissen, die ihn entflammten. Und er beschloss, seine unterdrückten Brüder zu befreien, wie es einst Gideon und Jephta getan haben. Das grösste Unglück des Volkes Israel sei es, erzählte ihm der verstorbene Meister, dass es nicht mehr die Fluten des Jordans und die Mauern der heiligen Stadt wiedersehen könne. Da fühlte sich Moses verbannt und oft, wenn er seine Lämmchen in der Abend-Dämmerung heimwärts trieb, da weinte er über sein Schicksal und über das der Kinder Judas. Und nun wartete auch er auf den brennenden Busch, der sich einmal den Augen des Propheten geoffenbart hat. Einmal bei Nacht, als er mehr wie sonst nachgegrübelt hat, da hörte er plötzlich eine Stimme: „Moses! Ich habe dich auserwählt, auf dass du wieder deine Brüder ins gelobte Land führest, woher sie wegen ihrer Sünden vertrieben wurden und wohin sie durch Sühne zurückgelangen sollen." Moses zögerte nicht. Er dankte dem Herrn dafür, dass er ihn erwählt hatte und verliess am nächsten Morgen seine Herde, um die seines Gottes in ihre Heimat zurückzuführen. Die frohe Botschaft verkündete er auf dem Lande und in den Städten. Die jüdischen Volksmassen drängten sich um ihn, um jedes seiner Worte mit Andacht zu vernehmen. Als ihm noch einige Offenbarungen zu teil wurden trat er vor das Volk und sprach: „Der Gott unserer Väter ist mir erschienen. Er hat mir verheissen, dass wir noch vor Ablauf eines Jahres das Land unserer Väter wiedersehen, werden." So warb er sich eine grosse Schar von An - hängern: Die armen Hebräer folgten ihm und priesen seinen Namen. Bald kame^ auch die Reichen zu ihm. Sie verliessen ihre Häuser, verkauften ihre Villen und jhren Grundbesitz, vergassen ihre Kontors und das Gold, das sie zusammengeschart hatten. Sogar an ihre Schiffe dachten sie nicht mehr, die den Ozean durchkreuzten, auch ihre Festkleider verschmähten sie. Sie zogen es vor, die Lenden mit einem gewöhnlichen Strick zu gürten. Einen Wanderstab in der Hand, schickten sie sich zum Auszuge an. Eines Morgens vereinigte Moses sie alle. Gerade in jener Ebene, wo wir geschlafen haben und welche die weissem Berge krönen. Diese wundervolle Ebene, welche von dem Wohlgeruche des Lorbeers, der Rosen und Myrthen duftet. Und sie kamen alle. Dort offenbarte er ihnen, dass er der erwartete Messias sei. Der folgende Sabbat sei der für ihre Befreiung bestimmte Tag. Sie stiessen jauchzende Freudenrufe aus. Moses hielt hoch über die Menge die Gesetzestafeln und befahl dem Volke, ihm in den Ort zu folgen, welchen ihm Gott, der Allmächtige, bezeichnet hatte. „Wie die Sklaven Pharaos das rote Meer durchschritten haben, wie der Sohn Nuns den Jordan durchschritt, so werdet ihr durch das Meer gehen und das gelobte Land erreichen." Nach diesen Worten stellte sich Moses an die Spitze des Volkes und durchquerte die ganze Insel. Man machte nur Halt, um heisse Gebete zu Gott zu senden. So gelangten sie denn am Freitag abends an das Meeresufer. Dort kampierten sie auf dem Sande in der Nähe des Vorgebirges von Dion. Die ganze Nacht verbrachten sie unter heissen Bittgebeten, mit angelegten Tefillim. Die be - rauschenden Harmonien der Meereswellen drangen ihnen ins Ohr, die hin und wieder ein Teilchen jenes schneeigen Schaumes mit sich trugen, welcher der Göttin als Wiege dient. . . . Moses selbst hatte sich von seinem Volke entfernt und den Felsen erklommen, der das Meer beherrschte. Dort wartete er auf das erhoffte Wahrzeichen. Angestrengt sucht er die Finsternis zu durchdringen. . . . Endlich weicht die dunkle Nacht den ersten Strahlen des neuen, viel verheissenden Tages. . . . Das Volk sieht seinen Führer aufrechtstehend auf der Spitze des Kaps und streckt be - geistert nach ihm die Hände aus. . . . Und plötzlich erleuchtete sich das Haupt des Messias. „Seht", rief er und streckte seine Hand nach dem weiten Horizont aus, „dort liegt das Land, wo Milch und Honig flresst, und hier ist die Ebene, welche einst die Stadt der Palmen schaukelte. Die Obstgärten frösteln im Morgenwind. Die Weinstöcke biegen sich unter dem Gewichte der prangenden, saftstrotzenden Trauben. ..." Die Volksmassen ergossen sich zum Strande hin. Sie sahen schon die Verheissung Moses verwirklicht. Und vollends, als einer im Volke rief, er sähe die Hügel Zions, da eilten sie ekstasisch ohne jede Ordnung ans Meeresufer. Mit Gesang schritten sie in die Meeresflut und gingen immer weiter, weiter — bis die Meereswogen über ihren Häuptern zusammenschlugen, und die Salzflut ihnen den noch eben singenden Mund für ewig schloss... So stiegen sie zu den Abgründen des Meeres hinab, während sie wähnten, den Boden des heiligen Vaterlandes zu berühren. Moses schaute vom Gipfel des Vorgebirges in steigender Verzückung nach. Er sah sein Volk durch die Pfade des wiedergewonnenen Landes Kanaan wandern und als sich die Arme seiner Treuen aus dem Meere krampfhaft zum Himmel über den Schaumkamm des Meeres emporstreckten, da schien es ihm, als ob diese hilfesuchenden Hände wunderbare Früchte von reichbeladenen Zweigen brechen... Bald war der Ort ganz verlassen. Alles, Greise und Kinder, Männer und Weiber, hatten die Stätte ihrer Verbannung hinter sich gelassen. Und äls der Letzte im Strudel der Wellen verschwunden war, dankte Moses, der in der Ferne die schwimmenden Leichname unterschied, seinem Gotte mit lauter Stimme. Dann warf er sich ins Meer, welches aufschäumte und seinen Körper aufnahm. „So starben Moses und die Juden von Kreta", schloss Theudas. — „Sie starben glücklich. Denn sie glaubten^ Und Gott liebte sie, da er ihnen diese wirkliche Täuschung zu teil werden Hess", sagte Typhis. — ,,Ich beneide sie", fügte Cleomenes hinzu. „Ich möchte, so wie sie, eines schönen Sommertages den Olymp beschauen... und wer weiss, vielleicht werde ich einstmals die rückgekehrten Unsterblichen begrüssen." — „Und ich", seuf/te Theudas, „möchte das triumphierende Jerusalem wiedersehen und werde es auch ohne Zweifel noch vor meinem Tode erschauen. Denn uns hartnäckigen Juden wird trotz allem Tiichts die Hoffnung rauben können."

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