Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 43 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 Die Versammlung wird gesprengt. Nun meldeten sieh diverse Herren mit ihren Berichtigungen. In erster Linie Dr. AVeisengrün, dessen schale Ausführungen ohnedies schon die Versammlung gelangweilt hatten. Da er nicht zur Sache sprach, rief ihn der Vorsitzende Trnka zur Ordnung. Dies hatte einen Tumult seitens der Zionistcn zur Folge, und da der Vorsitzende keine Ordnung schaffen konnte, sah er sieh gezwungen, die Versammlung zu schlössen. Die Kandidaten hatten also ihren ersten Erfolg errungen: Ks gelang ihnen, ein:* Versammlung ohnehin oppjsitioncll gemimter Wähler zu sprengen. ©cffcnflicfw \)orsfandssifzun£. Wien, den 25. Oktober. (Orig.-Korr.) Die heutige Vorstandssitzung war wieder öffentlich, weil es galt, dieselbe für die Wahlzwecke der herrschenden Partei auszuschroten. Herr Präsident Dr. Stern hielt eine längere Ansprache, in welcher er die Argumente der Opposition;:u widerlegen suchte. Ks handelte sich hieDci um die viel erklärte Frage der Minjanim. Im Laufe seiner Ausführungen verstieg sich Herr Dr. Stern sogar zu einer Verdächtigung der Opposition, die es unmöglich macht, künftighin den Präsidenten bloss sachlich und rücksichtsvoll zu behandeln. Ein Präsident, der nicht bloss die Wahlagitation selbst leitet, der nicht bloss die Oeffcntlichkeit der Vorstandssitzunge?i für Partei zwecke m i s s b raur h t, sondern soweit geht, zu behaupten, dass sich die antisemitische Presse der Mitarbeiterschaft der jüdischen Opposition — und zwar der ganzen Opposition — erfreut, hat einen solchen Alange! an Takt und Würde bewiesen , dass es ant der Zeit ist, sich mit Herrn Doktor Steril persönlich zu beschäftigen. Es wird daher demnächst die Frage zu behandeln sein, unter welchen Einständen seinerzeit Herr Dr. Stern selbst in den Kultusvorstand hineingekommen ist und was ihn bei seiner ersten Kandidatur veranlasst hat, dieselbe zurückzuziehen. Dr. Stern scheint es darauf abgesehen zu haben, die Opposition zu provozieren. Das ist ihm leider auch heute gelungen. Die Vorstandssitzung war der Schauplatz eines Zwischenfalles, der weder dem unmittelbaren Urheber, noch aber dem provozierenden Präsidenten und seinem Freunde Wilhelm Kuff ncr zur Ehre gereicht. Nach dem offiziellen Communique lautete der von uns oben behandelte Passus der Rede Doktor S t e r n : .y.ur Tagesordnung übergehend bemerkt der Präsident, dass er die Kinbcrufung öffentlicher 'Sitzungen insbesondere auch deshalb für notwendig erachte, 'weil über verschiedene, in der Ocffentliehkeit verbreitete Unwahrheiten 'öffentlich die Richtigstellungen erfolgen und unberechtigte Angriffe 'gegen die Kultusgemeinde, ohne sich in Zeitungspolemiken einzulassen, am besten in öffentlichen Sitzungen 'des Vorstandes zurückzuweisen seien. Die Angriffe erfolgen auch von solcher Seite, welche sich von der Unrichtigkeit ihrer Behauptung leicht die Ucbcrzeugung verschaffen konnten, vielleicht sogar (Von der Unrichtigkeit ihrer Anwürfe selbst überzeugt sind. Diese Anwürfe sind in jüdischen oppositionellen Blättern, nicht; selten auch in einem antisemitischen Blatte 'enthalten, welches in neuerer Zeit über alles, was gegen die Gemeinde vorgebracht wird, so rasch und so wohlinformiert berichtet, und man kann sagen, siel» der Miiarbeiiersehaft der j ü d i s c h e n <_> p ]) o s it i o n erfreut," ' Ein Zwischenfall. Auf diesen Schlussatz rief der im Saale an - wesende Dr. Egon Zweig von der zionistischen Opposition: ..Das ist eine gemeine Lüge!" Dafür wurde er vom Präsidenten zur Ordnung gewiesen. Dr. Stern forderte ihn auf, sich der Zwischenrufe zu enthalten, sonst müsste er ihn aus dem Saale weisen lassen. Mehrere Mitglieder des Kultusvorstandes sprangen jedoch auf und schrieen: „Sofort muss er hinaus!" Besonders zeichnete s»ch dabei der Brauerei Besitzer IWilhelm Kuffner aus, indem er rief: ,,D er Lausbub muss sofort h i n a u s." Dr. Zweig verlicss auch selbst den Saal. Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, erbat sich Vorsteher Max F r a n k das Wort, um nachstehende Erklärung abzugeben. Der oppositionelle Kandidat gegen das „oppositionelle Wahlkomitee". Die Erklärung des Herrn Frank lautete: ..Im Laufe des gestrigen Tages'wurde ich von zahlreichen Bekannten und heute vor der 'Sitzung von einigen der Herren Kollegen interpelliert, ob es richtig 'sei. dass Kollege Prof. Ehrmann und ich das Programm 'des oppositionellen Wahlkomitees bedingungslos akzeptiert hätten. Ich habe zwar von Prof. Ehrmann, der derzeit von Wien abwesend ist. kein Mandat, in seinem Namen zu sprechen, aber ich sehe mich trotzdem veranlasst, zu erklären: Professor Ehrmann und ich haben das Programm des oppositionellen Wahlkomitees nicht unterschrieben, auch n i c h t bedingungslos akzeptier t. Als die Herren uns mit ihrem liesuche beehrten, haben wir ihnen die Bedenken, welche wir gegen einzelne Punkte des Programmes haben, auseinandergesetzt "und das Exekutivkomitee hat, da es diese Bedenken als diskutabel anerkannte, keinen Anstand genommen, uns, wie ich bemerken will, einstimmig als Kandidaten zu nominieren." Angesichts dieser Erklärung muss man wohl über den Mut, mit welchem das „oppositionelle Wahlkomitee" die öffentliche Meinung inj Wort und Schrift irreführt, staunen. Das offizielle Y0ahH<*tt>ifoe. (Der Vertrauensmann Rumäniens — als Obmann des Wahlkomitees.) Die Vertrauensmänner des Herrn Dr. Stern haben sich am letzten Montag als Wahlkomitee konstituiert. Eine besondere Aufmerksamkeit verdient die Person des Obmannes, den sich! 'das Exekutiv-Komitee, also die Elite des ganzen Wahlkomitees beigelegt hat. Die.-e Funktion hatte in den früheren Jahren Hof- und Gerichts-Advokat Doktor H. Fialla innc, dem dieselbe diesmal nicht mehr behagte. Nun hat Herr Dr. Stern als seinen Vertrauensmann den kais. Rat Johann Lic'htenstadt vorgeschoben, einen Mann, der seines Zeichens hochoffiziöser Journalist (früher Redakteur der ehemaligen „Presse", Organ des, Ministerium des Innern, jetzt Redakteur der „Politischen Korrespondenz, Organ des Ministeriums des Aeussern), den jüdischen Angelegenheiten bisher vollständig fremd gegenül>er gestanden ist. Dagegen hat Herr L i c h t e n s t a d t grosse Verdienste um die uns befreundeten Regierungen, und zwar um Russland und Rumänien. Der Obmann des engeren Wahlkomitees, der Herz und Nieren aller Kandidaten auf ihr jüdisches Gefühl, judisches W issen und jüdisc he Opferwilligkeit zu prüfen hat, besitzt nachstehende Orden: Kommandeur des russischen Anna-Ordens, Ritter des russischen Stanislaus-Ordens, Besitzer der russischen Krönungs-Medaille und sonstiger russischer Orden, Offizier des r u m änisc h e n Kronen-Ordens, Offizier des Sterns von Rumänien, Besitzer des r u m änischen eisernen Kreuzes usw. 1 Sind das nicht genügende Empfehlungen für die Obmannsstelle eines Kultus-Wahlkomitees!