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Neue Nationalzeitung · 1908-10-30 · Heft 43 (30.10.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 43 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Stoffes, welcher in der Wählerschaft aufgehäuft ist, die Opposition falle7i sollte, auch feststeht, auf wen die Schuld fällt. Präsident Dr. Stern kann mit den Herren, die diese Opposition leiten, sehr zufrieden sein. ßine Wählertf ersattiitilung des „Israelitischen Wähleptfepeines". Am letzten Donnerstag veranstaltete der ,,I s r. W ä h 1 e rverein" für Ottakring und Hernals im Saal ,,Zum goldenen \V i d d e r" eine W ä h 1 e r v c r s a m m 1 u n g, bei welcher Herr Trnka den Vorsitz führte und Herr G o 1 d b 1 a 11 das Referat erstattete. Die Versammlung war gut besucht und waren in derselben die verschiedensten opjx>sitioncllen Richtungen vertreten. Sie nahm anfangs einen sehr ruhigen Verlauf. Es trat jedoch, eine grössere Erregung ein, 'als nach kurzen Ausführungen der Herren Dr. Weisen g r ü ii und Dr. Z i p s c r, Dr. Karl Lifczis das Wort ergriff. In der letzten Nummer der .jüdischen Zeitung" war die unwahre Nachricht enthalten, dass in ider vom Präsidenten Dr. Stern einberufenen Wählerversammlung Dr. Lifczis, ,,die jüngste Arquisition des Dr. Stern", ,,dic Angriffe der Zionisten in der Minjan-Fragc für ungerechtfertigt erklärte." Dr. Lifc2is wider die Zionisten. Schon während der Ausführungen der früheren Redner schrie Dr. Lifczis, zu den Zionisten gewendet: ,,Dic „Jüdische Zeitung" ist ein Lügenblatt! Ihr könnt nur lügen 1 Heute lügt's ihr und morgen bedauertes ihr!" (Eine Anspielung auf die Abbitte gegenüber Dr. Löwenstein.) In seiner Rede, die zum Teile auch sehr humorvoll war, konstatierte Dr. Lifczis zuerst, dass er in der Versammlung des Dr. Stern überhaupt nicht gesprochen habe. Er verwies auf seine langjährige politische Tätigkeit und insbesondere darauf, dass das heutige oppositionelle Programm vom früheren .Jüdischen Volksvercin" herstamme und habe er an demselben mitgearbeitet. „Ich war immer dabei," setzt der Redner fort ,.als es sich um jüdischnationale Fragen gehandelt hat. Nur die Zionisten haben sich als feig bewiesen. Als die polnischen Juden in Wien beleidigt wurden, hat mich die zionistische Partei im Stiche gelassen,*' (Zwischenruf des Dr. Weisengrün: „Wir werden schon wo anders mit Dr. Lifczis fertig werden.") Dr. Lifczis erzählt dann, dass er in erster Linie ein Interesse daran habe, einen Vertreter der polnischen Juden im Kultusvorstande zu sehen. Zu diesem Zwecke habe auch der polnisch-jüdische Bcthausvcrcin „Beth Israel" dem Wunsche des Dr. Stern entsprechend vier Herren aus der Mitte seines Vorstandes zur Auswahl eines Kandidaten vorgeschlagen. Schliesslich verlangt Redner vom „Isr. Wählerverein" eine bindende Erklärung, ob er sich der offiziellen Partei anschliessen wird, wenn ihm dieselbe ein Mandat für Ottakring überlässt. Man müsse sich genau darüber klar werden, ob da eine Mandatspolitik oder prinzipielle Politik getrieben wird. Dr. Lifczis schliesst mit folgendem Appell an die Zionisten : ,,Sie müssen ihre morschen Zweige abschneiden, revidieren Sie Ihre Liste. Die Herren Professor Ehrmann und Frank, die Sie aufgestellt haben, sind überhaupt offizielle Kandidaten! Könnte ich als Oppositioneller offizielle Kandidaten wählen? Einen Sieg werden Sie überhaupt nur dann erreichen, wenn Sie aus Ihrem Wahlkampfe die „Jüdische Zeitung" ausschliessen.'" (Grosser Beifall.) < Ein zionistischer Kandidat Hierauf ergriff das Wort der Obmann des zionistischen. Distriktskomitees, Herr Max M a r k u s, der für den Rultusvorstand kandidiert. (In der Versammlung kursierte folgende „oppositionelle" Liste: Adolf Böhm, Fabrikant; .Adolf Brecher, Börsenrat; Dr. Salomen Ehrmann, Universitätsprofessor; Max Frank, Fabrikant; Dr. Isidor M a r g u 1 i e s, Hof- und Gerichtsadvokat; Max M arku s, Disponent; Dr. Isidor Schal it, Arzt; Dr. Josef Zipser. Hof- und Gerichts advokat; Dr. Egon Zweig, Hof- und Gcrichtsadvokar.) Herr Markus erklärte, auf die persönlichen Angriffe des Dr. Lifczis hier nicht reagieren zu wollen. Er meinte damit die wiederholten Anspielungen dos Dr. Lifczis darauf, dass er ein Flcischhauergewerbc betreibe. Hier seien er und seine Partei nur Gäste des „Isr, Wählervereines". Was 'die Wahl betrifft, so handle es sich dabei ,nicht um Personen, sondern nur um das System. Es müsse in die systemlose Gemeinde ein System gebracht werden. „Wir brauchen," rief Redner aus, „Männer, die energisch dreingehen." (Zwischenruf: „Was ist denn mit Marmorek?"; „Ich will," antwortete Herr Markus auf diesen Zwischenruf, „Herrn Marmorek nicht in Schutz nehmen, obwohl er w e d e r m e i n F r e u n d, n o c Ii mein (\ e s i n u u n g sgenösse ist, aber Feiner kann 'nichts ausrichten." Herr B u x b a u m mahnte zur Einigkeit und erklärte es auch für notwendig, die Kandidaten-Liste zu korrigieren. Nachdem noch Dr. Lifczis bezüglich des Vereines „Linas Ilazedek" eine Aufklärung erteilt hatte, und zwar in dem Sinne, dass er auf Grund einer l'ntei redung mit dem Folizci-Kommissär berechtigt war, anzunehmen, die Polizei werde die Betversammlung nicht auflösen, ergriff Dr. S. K. Landau das Wort. System oder Strebertum. Dr. Landau beginnt mit dem Hinweis, dass auf der Tagesordnung der heutigen Versammlung eigentlich die Nominicrung der Kandidaten stehe und daher zu erwarten war, dass sich die Kandidaten melden werden. Er sagt dann: „Das ist zwar nicht geschehen, aber es wäre wenigstens Sache der vorigen Redner gewesen, die Kandidatenfrage zu erörtern. Statt dessen wird die Opposition mit einer fertigen Liste überrascht, mit einer Liste, die allen P r i n z i p i e n der g e s u n d e n Vernunft w i d e r s p r i e h t. Es ist im politischen Leben die Pflicht einer Opposition, sich zu ralliieren und alle Kautelcn eines Sieges vorzubereiten. Die Partei, welche die Führung der Opposition an sich gerissen hat, kümmert sich aber um die anderen oppositionellen Gruppen gar nicht. Sie hat sich beeilt, eine Liste mit ihren s e c h s Kandidaten aufzustellen, um die übrige Opposition zu überrumpeln und einfach in die Zwangslage zu drängen, entweder für ihre oder die offizielle Liste zu stimmen. Ein solches Vorgehen ist nicht ehrlich und man kann sich nicht der Einsieht vcrschliessen, dass hier nicht das Syst e m, sondern d i e F r a g e d e r P erso n e n u n d P e rsö neben die wichtigste sei." Redner verweist darauf, dass man so verdiente Männer wie die Herren Hermann Fl 1 t b o g e n und Bernhard Ilofbauer. welche ganze Parteigruppen repräsentieren, ohne weiteres ü b e r g a n g e n h a t. . Rufe der Zionisten: „Das ist nicht wahr!"; Ein Kandidat ohne Wahlrecht. „Hingegen," setzt Dr. Landau f.>rt. ..wurden auf die „oppositionelle" Liste Namen von Personen gesetzt, hinter denen. Niemand steht, die niemanden repräsentieren. Wie leichtfertig bei der Aufstellung der Kandidatenliste vorgegangen wurde, beweist der Umstand, dass sich auf derselben ein Mann befindet, d e r g a r k e i n W a h 1 r e e Ii t besitzt. Dadurch wird die Opposition lächerlich gemacht." Diese Worte entfesseln einen Sturm. Es fallen Zwischenrufe: Namen nennen, Wahlrechtsraub usw. Einige junge Studenten und ein sattsam bekannter Beamter des Arbeitsvermittlungs-Vcreines beginnen zu toben. Endlich gelingt es dem Vorsitzenden Ruhe zu schaffen. Dr. Landau hält seine Behauptung bezüglich des wahlrechtslosen Kandidaten aufrecht, dessen Namen er derzeit nicht nennen darf, weil er seinem Gewährsmann Geheimhaltung versprochen hat. Die Kandidaten müssten ja selbst am besten wissen, wer von ihnen keine Kultussteuer gezahlt hat! Er schliesst mit der Aufforderung an die VeiSammlung, dass sich die wahrhaft oppositionell gesinnten Elemente, denen es um die Sache, aber nicht bloss um ein Mandat zu tun ist, zusammenschliessen und eine Liste aufstellen, in der Männer von Verdienst, Ansehen und Charakter figurieren. Herr Markus mogelt. Nun kam eine Jüwiderung des Herrn Markus, d»e darüber keinen Zweifel lässt, mit welchen Waffen der Unehrlichkeit und Verdrehung von dieser Seite gekämpft wird. Herr Markus ergriff das Wort und rief den anwesenden Herrn Bernhard Ilofbauer zum Zeugen dafür auf, dass man ihn haben wollte, nur habe er (Ilofbauer) nicht gewollt. Dr. Landau: ..Sie haben von Herrn Ilofbauer verlangt, dass er das ganze zionistische Programm unterschreibe, während Sie dies von den Herren Professor IChrmann und F'rank nicht verlangt haben." Herr Markus: „Das 'ist nicht richtig, die beiden Herren haben unser P r ogramm u n t c r s c h r i eb e n. Herr Frank selbst gehört seit mehreren Jahren der Partei an." Zur Charakteristik dieser Behauptung des Herrn Markus und der gleichen Darstellung in der „Jüdischen Zeitung" verweisen wir nur auf die unten folgende entgegengesetzte F"„rklärung des Herrn Frank in öffentlicher Vorstandssitzung, wonach er und Prof. E h r m a n n das oppositionelle Programm weder unterschrieben, noch akzeptiert haben. ' Flerr Hofbauer konnte in seiner Rede nur die Worte des Dr. Landau bestätigen, nämlich, dass man ihm zwar formell eine Kandidatur anbot, und dass er die Kandidatur anzunehmen a u c h b c r e i t w a r (die gegenteilige 'Behauptung des Herrn Markus ist also nicht wahn. Doch habe er erklärt, dass er das ganze Programm nicht unterschreiben könne. Mit Rücksicht auf diese F'.rklärung wurde er dann nicht aufgestellt.

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