Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 43 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seit« 8. hältnisscn wahrscheinlich entsprechenden Statistik folgende -Bedenken, beziehungsweise Beschwerden dem Grafen Andrassy vorbrachten: Da die Juden in Ungarn vermöge ihrer Intelligenz sich die magyarische Sprache in einer solchen Weise aneigneten, dass im Jahre 1880 von 640.000 Juden 55 Prozent ungarisch sprachen, im Jahre 1890 von 700.000 Juden 63 Prozent, und jetzt zirka 75 Prozent bereits die Staatssprache beherrschen, dabei auch höhere Steuern zahlen, könnten sich die Verhältnisse bei den Wahlen in Ungarn in der Weise gestalten, dass die Juden in den Städten, besonders in der Hauptstadt selbst in vielen Bezirken, die absolute Majorität auf Grind des Pluralitätswahlrechtes erlangen. In dieser Beziehung wollte man nun den Grafen Andrassy zu einer Modifikation des Pluralitätswahlrechtes bewegen. Diese Bestrebungen scheiterten aber an der schroffsten Ablehnung des ungarischen Ministers des Innern, der betonte, dass os nicht nur eine Pflicht des Liberalismus sei, allen Konfessionen gegenüber gleiche Rechte walten zu lassen, sondern dass auch die Intelligenz, der Patriotismus der Juden, sowie die höhere Steuerleistung derselben jene Vorzugsstellung durchaus berechtigt erscheinen lassen, die sie wie alle anderen Wähler, denen die Pluralität eine Bevorzugung gewährt, unbedingt verdienen und an der das ungarische Kabinett nicht das geringste zu ändern gewillt sei. Ks ist anzunehmen, dass während der Verhandlungen der Wahlvorlage im Abgeordnetenhaus auf indirektem Wege der Versuch gemacht werden wird, die grosse Stimmenanzahl, welche die ungarischen Juden auf Grund der neuen Wahlreform erhalten, zu reduzieren. Doch das Kabinett Wekerle, insbesondere Graf Julius An - drassy, dessen Freisinn sich bei jeder Gelegenheit betätigt und der nach wie vor jenen Tendenzen huldigt, die er im Kampf um die obligatorische Zivilehe zum Ausdruck brachte, wird alle antisemitischen A n s c h u 1 d i g u n gen öffentlich ebenso schroff zurückweisen, wie er dies bisher schon gegenüber den Missionären der Volkspartei getan hat. (Bezüglich des ganzen Kabinetts Wekerle nicht ganz richtig! Anm, d. Red.) Vielleicht ist C12V Umstand, dass den Juden in Ungarn durch das neue Wahlrecht ein grosser politischer Einfluss verliehen wird, der Hauptgrund dafür, dass die antisemitischen Parteien in aller Herren Länder sich durchaus für das allgemeine, gleiche Wahlrecht in Ungarn begeistern und gegen die vorn Grafen Andrassy geplante Pluralität mit einem sonst fast unbegreiflichen Feuereifer zetern. £)ie Kultus&ahlen in W'«n- Dfe grössta Gefahr für die Opposition. Man wird uns wohl die Zustimmung nicht versagen, wenn wir daran erinnern, dass sich dieses Blatt unter seiner derzeitigen Leitung bemüht hat, ein Organ der jüdisch-nationalen Idee in Wien und in Oesterreich zu sein und mit den anderen Vertretern der gleichen Richtung, insbesondere der offiziellen zionistischen Partei sich auf guten Fuss zu stellen, ujm mit gemeinsamen Kräften das Assimilantentüm und die Kahalwirtschaft niederzuringen. Wir waren eine Zeit lang, bestrebt, schon aus Rücksicht auf die gemeinsamen Gegner gegenüber majichen Auswüchsen der zionistischen Partei die Augen zu schliessen. Wir haben dies getan, trotz der Warnungen mancher Freunde, die wir uns durch diese Taktik verscherzt haben. Wir haben uns objektiv verhalten und erst als die Wiener zionistische Partei daran geschritten ist, sich für einige Tausend Kronen, die ihrem Pressfonde gewidmet wurden, für Zwecke einer Person, die bis zu ihrem ziemlich vor^ geschrittenen ALer ganz abseits vom Judentum gestanden ist, missbrauchen zu lassen, haben wir mit einer objektiven Kritik eingesetzt. Es ist bekannt, dass darauf seitens der zionistischen Partei mit den allerniedrigsten persönlichen Verleumdungen und mit den schmutzigsten persönlichen Angriffen erwidert wurde. Die Herren haben dadurch bewiesen, dass sie zu einer objektiven Kritik unfähig und in ihrem verbohrten Fanatismus Freunde von Feinden nicht zu unterscheiden vermögen. Allein dieser Fanatismus hätte noch immer seine gute Seite. Man könnte aus demselben auf 'Prinzipientreue, Selbstlosigkeit und Idealismus schliessen. Die Entwicklung der Dinge beweist jedoch, dass diese ethischen Grundsätze den Führern der zionistischen Partei in Wien fremd sind. Ihr Fanatismus ist nur die P^olge ihres masslosen Strebertums, welches die Form wütender Leidenschaft annimmt, wenn von irgend einer Seite ihre taktisch unklugen Mittel einer Kritik unterzogen werden. Das zeigt sich am besten während der jetzigen Kultuswahlen. Wiewohl die zionistische Partei in Wien eine M i n i a t u r p a r t e i ist und in ihren Reihen im besten Falle kaum 100 Wähler sich konzentrieren, hat sie die Führerschaft der Opposition an sich gerissen, trotz des Schlagwortes der Sammlung der Opposition hat sie das Distriktskomitee allein zu einem Wahlkomitee umgeändert und nun hat sie sich beeilt, die oppositionelle Kandidatenliste zu veröffentlichen, in der unter neun Kandidaten sechs Zionisten figurieren. Und für diese Liste soll die Majorität der Wiener Wähler stimmen, mit den zahlreichen Bethausvereinen, den rituellen Differenzierungen, landsmannschaftlichen Eigenarten usw., wiewohl ihnen für ihre Richtungen gar keine Kandidaten als Repräsentanten im Kultusvorstand zugebilligt werden. Denn das Wichtigste ist eben nicht, dass die Opposition siegt, sondern, dass sechs zionistische Kandidaten nominiert werden. Statt sich auf den taktisch allein richtigen Standpunkt zu stellen, dass die Zionisten in Wien als eine der kleinsten Gruppen angesichts einer Wählerschaft von über 10.000 Personen mit 2 bis 3 Mandaten zufrieden sein und die restlichen sechs Mandate den Vertretern der anderen Gruppen und Richtungen überlassen sollten, damit der Kreis der Opposition so weit als möglich gezogen und in der Wählerschaft das weiteste und tiefste Interesse erregt werde, glaubt das ,,oppositionelle Wahlkomitee" alias Distriktskomitee, dass es in Wien möglich ist, die Majorität der Wähler für eine Kandidatenliste zu gewinnen, auf der 6 Zionisten, 1 Vertreter der Minjanim und 2 Anhänger des im Kultusvorstande herrschenden Systems aufgestellt werden. Das ist nicht mehr Taktik, das ist nicht mehr Prinzipientreue, sondern ausschliesslich persönliches Strebertum und an dieser Klippe muss selbst die bestorganisierte Opposition scheitern. Das muss einmal klar und offen gesagt werden, damit, wenn, trotz der grossen Misstimmung, die in der Wählerschaft herrscht, trotz des Massen Zünd-