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Neue Nationalzeitung · 1908-10-30 · Heft 43 (30.10.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 43 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite kJ. „Neue Na Die Wahl Dr. Laegers zum Laadtagsabgeordneten der Leopoldstadt, dieses jüdischen Zentrums, ist charakteristisch für die ganze Situation. In diesem jüdischen Ghetto konnten die [uden vereint mit den Fortschrittlichen und den Sozialdemokraten nicht die Schmach von sich abwälzen, dass die Lcopoldstadt durch zwei antisemitische Abgeordnete im Landtag repräsentiert wird. Die Juden erreichen also durch ihren Anschluss an die Fortschrittlichen und die Sozialdemokraten nichts anderes, als eine Selbsttäuschung und eine Provokation der Gegner. So mächtig auch der Sieg der antisemitischen Partei und so unerwartet die Misserfolge der Freisinnigen sind, sie kommen uns nicht erwartet und sie können uns nicht entmutigen. Die liberalen Parteien haben uns zu einer Zeit, da sie allmächtig waren, und jetzt, da sie im Niedergänge sind, gezeigt, dass sie ihre Verbindung mit den Juden, resp. ihre Herablassung gegenüber den Juden nur als Mittel zum Zwecke ansehen. Mögen sich die Herren, wie Plener. .^liberal", oder wie Doktor Gross, ,.deutsch-freiheitlich", oder wie Baron Hock, „deutsch-demokratisch" nennen, in ihren Augen ist die jüdische Bevölkerung nur die Stufenleiter, auf der sie und das Deutschtum zur dominierenden Herrschaft in Oesterreich gelangen sollen. Und daran haben wir gar kein Interesse. Es wäre nun ein Gebot der Klugheit, der Selbst - erhaUung und die praktische Verwertung politischer Alltagslehrea, wenn >ich die Juden vornehmlich in Wien zur selbständigen Organisation aufraffen würden. Sie haben nichts mehr zu verlieren, aber viel zu gewinnen : die Selbstachtung, das Bcwusstsein des eigenen Wertes und das Vertrauen in die eigene Kraft. Ein hervorragender christlicher Journalist, der einen genug scharfen Blick hat, um die politischen Ereignisse abzuurteilen, meinte unlängst: „Welchen Faktor würden in Wien die Juden mit ihrem Reichtum, ihrer Intelligenz, ihrer Fähigkeit und ihrer journalistischen Begabung bilden, wenn sie sich organisieren würden!" Der geistreiche Sprecher dachte wohl nicht an die Massentaufen, an die Judenpresse, die alles Jüdische unterdrückt, an die jüdischen Grossbankiers, die mit den Antisemiten Geschäfte machen und an die morosen Führer der jüdischen Gemeinde, die durch ihr Festhalten am Kadaver des Liberalismus der antisemitischen Partei zur offiziellen Marke verholfen haben. So müssen denn alle diese Menschen und Erscheinungen noch überwunden werden, bis die Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer jüdischen Selbsthilfe zum Gerneingut aller Juden wird. Wir hoffen, dass diese Zeit nicht mehr fern ist; Die Entwicklung der politischen Ereignisse in Oesterreich muss die Juden im Interesse der Selbsterhaltung endlich vor die Entscheidung stellen, ob sie in den anderen Nationen untergehen oder aber den Kampf aus eigener Kraft aufnehmen -»vollen-. L. Nr. 43. ©ie VOablreForm 111 On^a^n und die £Juden. Was einsichtsvolle jüdische Politiker bezüglich der ungarischen Juden seit fahren verkünden, das trifft jetzt ganz genau -;u: Die ungarischen Juden werden trotz ihres magyarischen Chauvinismus immer mehr politisch boykottiert und wirtschaftlich ruiniert. Die katholische Volkspartei, die sich sehr Ivoher Protektion erfreut, nimmt immer an Einfluss zu und unter ihrem Drucke trifft die Regierung eine Reihe von Massrcgeln, die wie die Sonntagsruhe, das neue B r a n n t w e i n g e s e t z usw. geeignet sind, den jüdischen Mittelstand ganz umzubringen. Die Juden schweigen und warten, bis man sie abschlachten wird. Es scheint aber, dass die ungarischen Regierungskreise im Interesse des Magyarentums der Juden nicht ganz entraten können. Sie werden daher auch bei der Wahlreform als magyarischer Kampffaktor gegen die Nationalitäten ins Kalkül gezogen und bevorzugt. Darüber wird der „Allg. Zeitung" geschrieben: In den letzten lagen haben einige Mitglieder der klerikalen Volkspartei, denen man nicht mit Unrecht antisemitische Neigungen nachsagt, einen Versuch unternommen, um die Andrassysche Wahlgcsetzvorlage in einer ganz eigenartigen Weise zu modifizieren. Die betreffenden Politiker haben nämlich herausgefunden (was allerdings kein besonderes Kunststück war), dass das vom Grafen Julius Andrassy geplante Pluralitätswahlrecht den Juden in Ungarn eine grosse politische Einflussnahme bei den Wahlen gewährt, die in einzelnen wichtigen Wahlbezirken sogar die Bedeutung einer Entscheidung erlangen kann. Das Pluralitätswahlrecht, wie es vom Grafen. Julius Andrassy geplant wird, gewährt zirka vier Millionen Stimmen im Verhältnis zu den gegenwärtigen 1,100.000 Stimmen der gesamten Wählerschaft. Je eine Stimme erhalten 1,500.000 Wähler, die lesen und schreiben können, was fast ausnahmslos bei der jüdischen Bevölkerung Ungarns der Fall ist. Jedoch nicht nur diese eine Stimme, sondern auch zwei und drei Stimmen werden die meisten der jüdischen Wähler aus dem Grunde haben, weil bei jenen 886.000 Wählern, die je zwei Stimmen erhalten, dieses Doppelstimmrechi an die folgende Qualifikation gebunden ist: entweder hat der betreffende Wähler die vier unteren Klassen einer Mittelschule absolvieit, oder hat er eine Person angestellt, fünf Jahre bei demselben Dienstgeber verbracht oder beim Militär gedient oder aber besitzt er drei Kinder. Diese Bestimmungen, ebenso wie jene, die 218.000 Wählern drei Stimmen verleihen (die eine Mittelschule absolvierten oder eine direkte Besteuerung von 100 Kronen jährlich bezahlten), weisen viele der jüdischen Wähler a u f. da Aerzte, Advokaten, Kaufleute, ja selbst viele Beamte in grösseren Etablissements und Unternehmungen, ja selbst Angestellte in Warenhäusern etd. etc. über die geforderten Qualitäten verfügen, so zwar, dass der Einfluss der Juden bei den Wahlen auf Cr rund der Andrassyschen W a h 1 r e f o r m ein sehr wesentlicher wäre. Allein dies gibt den antisemitischen Politikern in Ungarn viel zu denken, zumal sie auf Grund einer allerdings amtlich nicht bestätigten, jedoch den Ver-

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