Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 43 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NGUC NttiONflL-ZEiDUNG RSRISÜSÖ5BER! DP S.R. LANDAU II X. JÄHHGANG. WlHfl, 30. OKTOBER 1908. fif. 43 Juden, organisiert Euch! Ein Nachwort zu den Ixandtaj|s\Vahlen in Wien. Das allgemeine .Wahlrecht in Verbindungmit der Wahlpflicht und dem Listenskrutinium hat den Antisemiten zu neuen Erfolgen verholfen. Von den 48 Wiener Mandaten haben die Antisemiten 43, die Sozialdemokraten bloss 5 erobert. Den fortschrittlichen Parteien sind die Tore des Landtages verschlossen geblieben. Nach wie vor werden die 200.000 Juden Niederösterreichs in dessen Landtag keinen Repräsentanten besitzen. Alle Anstrengungen der fortschrittlichen Parteien und der mit ihnen liierten Pseudojuden waren vergeblich. Es half nicht der Appell Ku ran das, dass man den Kampf gegen den Antisemitismus zurückstelle, es nützten nicht die Versuche der freisinnigen Kandidaten, die Judenfrage zu, umgehen und selbst der Heroismus, mit dem die „Union" die Demütigung ertrug, dass die fortschrittlichen Kandidaten Hock und Schwarz-Hiller ihre Wählerversammlung nicht besuchen wollten, war vergeblich. Die fortschrittlichen Parteien haben in Wien jeden Anhang und jede politische Bedeutung verloren. Sie sind höchstens eine kleine Tischgesellschaft, die über 2 Reichsratsmandate und einige Gemeinderatsstellen zu verfügen hat. Und diese paar Leute sollten die Hoffnung und ,der Rettungsanker von 200.000 Juden sein, die von der immer mehr wachsenden antisemitischen Hochflut politisch und wirtschaftlich niedergedrückt werden? Es gibt gewiss eine grosse tAnzahl einsichtsvoller Juden in Wien, die mit uns einverstanden sind. Allein, sie haben nicht den moralischen Mut, die Konsequenzen daraus zu ziehen und verfallen in das entgegengesetzte E:;trem : Sie liefern sich den Sozialdemokraten aus. In dem organisierten Proletariat, in dem Programm des Klassenkampfes, in seinem Streben nach sozialer Gleichberechtigung sehen sie das Heil des Judentums. Sie übersehen aber, dass die Juden frage von den Sozialdemokraten in derselben Weise aufgefasst wird, wie einst von den Liberalen: Man möchte sich nicht exponieren; die jüdischen Grosskapitalisten werden beschimpft, aber der kleine jüdische Mann wird ignoriert. Jüdische Genossen werden zurückgesetzt, während auf die Tauf- und Konfessionslosigkeit Mandate als Prämien gesetzt werden. Denn man möchte sich nicht „verjuden", man mag nicht „Judenschutztruppe" genannt werden. Und trotz alledem auch nur Misserfolge. Mandate, die für sicher gehalten wurden, und zwar Margareten, Simmeiing, Rudolfsheim, Meidling und Brigittenau sind verloren. Die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen in Wien hat gegenüber den letzten Gemeinderatswahlen, deren allgemeine Kurie mit der Landtagswahlkurie identisch ist, perzentuell bedeutend abgenommen. Die Zahl der Antisemiten ist seit dieser Zeit kolossal gestiegen. Den P.T. jüdischen Wählern, die daher im Anschluss an die Sozialdemokratie und in deren Unterstützung eine gewisse Versicherungsprämie den Antisemiten gegenüber suchen, kommen also nicht auf ihre Redhnung. Die Sozialdemokratie selbst ist noch schutz- und hilfsbedürftig.