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Neue Nationalzeitung · 1908-10-23 · Heft 42 (23.10.1908) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 42 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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tfr. 42. „Neue National-Zeitung" Seite 11. 8CE0LEM ALE1CHEM . ©ie Qud!c des GUicl<s. ) (Deutsch von Stefanie Goldenring.) Icli bin, wie Ihr wisst, kein Rothschild, bei weitem kein Rothschild, kaum dass es mir gelingt, ein Ende mit dem andern zu verknüpfen. Aber ich lebe, Gott sei Dank, glücklicher und besser, als irgend ein Rothschild. Wieso? Weil ich ein Jude bin und den Feiertag halte! Der Feiertag ist eine grosse Sache! Nicht dadurch unterscheidet sich der Feiertag vom Alltag, dass der .Mensch sich satt isst. Satt essen kann sich auch ein Pferd. Aber der Mensch ist kein Pferd. Um so weniger der Jude! Nehmen wir z. B. den Festtag der Esther, der uns daran erinnert, dass unsere Almen vor langen, langen Jahren ihren schlimmsten Feind, den berühmten Hainau, dessen Name für ewige Zeiten verschwinden möge, vernic htet und noch dazu wie vernichtet haben. Nun, es ist am Vorabend des ^Festtags der Esther". Es hilft nichts, man muss fasten. Man fastet 24 Stunden .... Was ist dabei? . . , Wie angenehm ist es dafür, wenn am Abend alle Söhne, Töchter, Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, unberufen etwa sechzehn Personen sich zu Tisch setzen, ohne die Enkelkinder mit zu rechnen, mit denen ich Gott sei Dank reichlich verschien bin, denn Gott hat mich in dieser Hinsicht nicht benachteiligt; alle meine Töchter und Schwiegertöchter sind pünktliche Lieferanten; es vergeht kein Jahr ohne Zuwachs. Nur bei der mittleren Schwiegertochter klappte es nicht, acht Jahre vergingen, ohne dass sie Kinder zur Welt brachte. Acht Jahre, Gott sei's geklagt! Nun ging die Sache los mit Aerzten, (Quacksalbern, Apotheken! Sie fuhren zum heiligen Wunderrabbi, zu dem einen oder dem anderen, aber es half nichts. Da beschlossen sie, sich scheiden zu lassen. Nun, also geschieden, wenn es sein muss. Als es aber so weit war, kam man nicht von der Stelle. Weshalb . . . Sie wollte nicht. Was hat sie zu wollen? Sie liebte ihn. Dort ihr? Sie liebte . . . „Was tuts. dass sie dich liebt? Sie ist ja kinderlos!" sagte ich zu ihm, das heisst zu meinem Sohn . . Ihr würdet nicht erraten, was er mir darauf antwortete: „Ich hab' sie ebenfalls lieb!" Wie gefällt Euch das? . . . ,,Sie ist doch kinderlos," wiederholte ich ihm, er aber erwiderte: ..Ich habe sie lieb." „Kinderlos" - sagte ich. — .,Ich habe sie lieb," meinte er. Ein Sonderling! Und sie Hessen sich wirklich nicht scheiden! Aber Gott ist nicht unerbittlich, sie bekamen Kinder, und was für welche noch! Wenn Sie sich überhaupt meine Enkelkinder ansehen .... eins hübscher als das andere! Und klug sind sie! Und wie sie lernen! Sie lesen und schreiben hebräisch, russisch, deutsch und fran - zösisch. Wenn ich einmal ein Telegramm zu lesen oder einen wichtigen Brief zu schreiben habe, so *) Diese Skizze bildet ein Stück Selbstbiographie des hervorragenden jüdischen Humoristen, der dieser Tage sein 25 jähriges Schriftsteller Jubiläum feiert. Bezüglich seiner eingehenden literarischen Würdigung verweisen wir auf das in der Nr. 16/17 veröffentlichte Feuilleton von Raben Brainin. Die Red. schreien sie um die Wette: ..gib mir." ,,Grosspapa, mir!" Sie wollen mich schier in Stücke reissen. Solche begabte Kinder habe ich unberufen! Aber ich weiss, ich sehe es Ihnen an der Nase an, welche Frage Sie an mich richten wollen. Und die Geschäfte? .... Ach die Geschäfte. Dem Allerhöchsten im Himmel sei es gedankt, wir drehen und wenden uns in unserem gottverlassenen Hungerdorfe so gut es geht;! manchmal geht es so, manchmal anders, und ehe man es sich versieht, ist ein Jahr vergangen. Wir brauchen uns also ein fahr weniger in dieser Welt herumzuquälen. Geschäftlich geht es meinen Söhnen nämlich nicht gut. Der Aelteste z. B. hatte sich ganz gut eingerichtet. Als er heiratete, liess er sieh in Spitzbubendorf nieder, vertrug sich ausgezeichnet mit den Bauern, befreundete sich sogar mit ihnen . . ., da kam das berühmte Gesetz vom 3. Mai, und der Sklave Gottes wurde aus dem Dorfe gewiesen. Er wehrte sich, reichte Gesuche ein. schrieb, Bitten. Klagen, ging zum Senat es half nichts. Der Mensch verlor alles und sitzt mir seitdem mit Erau und Kindern auf dem Halse. Das ist der Aelteste. Der Zweite ist ein Pechvogel. Was er auch anfangen mag, kommt verkehrt heraus. Kauft er etwas, so fallen die Preise; verkauft er. so steigen die preise. Versucht er mit Vieh zu handeln, so fällt das Vieh. Will er Waldgeschäfte machen, hört der Frost auf. Ein wahrer Pechvogel. Sieht er das Wasser an, so krepieren die Fische. Wollte er mit Särgen handeln, dann würden die Leute sicherlich aufhören zu sterben. Meinem dritten Sohne ist diiekt ein Unglück widerfahren: er ist ganz und gar abgebrannt, mit Haut und Haar, wie man zu sagen pflegt, und jetzt lebt er mit seinem ganzen Schatz bei mir auf meine Kosten. Was soll ich tun? Nur dem jüngsten Sohn ist es geglückt. Das heisst, wie ist das zu verstehen? . . . . Reichtümer hat er nicht, Vermögen auch nicht . . . Aber sein Schwiegervater ist ein reicher Mann. Nicht so reich an Geld, wie an Geschäften. Er hat eine Menge Geschäfte, obgleich meistens recht verwickelte. Er betrügt nicht zu knapp! Einen solchen Spitzbuben habt Ihr noch nicht gesehen. Behüt Euch Gott, in seine Hände zu geraten! Vor kurzem sprach ich mit ihm über unsere Kinder, warum er ihnen nicht irgend ein Geschäft einrichtet. „Es ist Zeit. Bruder^ sich um die Kinder zu bekümmern," sagte ich zu ihm. ..Sie sind doch ebenso gut meine Kinder wie Eure." meinte er. ..Das ist richtig, Bruder, aber es ist immerhin Zeit, sie irgendwie selbständig zu machen." Darauf erwiderte er mir: „Ihr solltet darüber nicht sprechen, Bruder." ..Warum denn nicht?" fragte ich. „Na. weil Ihr, Bruder . . . weil . . ." „Was denn? Warum denn nicht?" fragte ich. Aber es war mir unangenehm, jedes Wort aus ihm herauszuziehen. Das betrifft meine Söhne. Mit den Schwiegersöhnen hat Gott mir kein Glück geschenkt. Das heisst, gegen sie selbst habe ich. Gott behüte, nichts einzuwenden. So vortreffliche. Schwiegersöhne, wie ich habe, findet Ihr nicht bei dem reichsten Manne der Welt. Nehmt zum Beispiel meinen ältesten Schwiegersohn. Das ist ja Gold, eine Zierde, ein

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