Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 42 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12. „Neue National-Zeitung" Nr. 42 Schatz I Man kann sagen, der erste Gelehrte im Lande! Er sitzt fortwährend über dem Talmud! Es ist schade, wirklich schade, einen solchen Menschen vom Buch fortzurcissen! Ich halte ihn bei mir seit dem Tage, da er meine Tochter geheiratet hat. Auch mein zweiter Schwiegersohn ist nicht von der gewöhnlichen Sorte, obgleich man ihn nicht einen Gelehrten nennen kann. Kein Vergleich mit dem Aeltesten! Er hat kein Glück im Leben, ebenso wie mein zweiter Sohn. Ein wahrer „durchlöcherter Sack"; er wird nie voll, so viel man auch hineinstopfen mag! Was soll ich tun! Ich muss auch ihn mit den Kindern bei mir halten, ----- auf die Strasse kann ich ihn nicht treiben. Mein dritter Schwiegersohn ist auch kein gewöhnlicher Mensch, aber cr ist so furchtbar zart, so mager, durchsichtig, fast ohne Fleisch, wie ein Geist! Man kann nicht sagen, dass er sehr leidend wäre, Gott behüte! Schlimm ist nur, dass er fortwährend schwitzt, ich, wie er auch schwitzt! —■ Und in der Nacht hustet. Dieser Husten gefällt mir nicht. Ich habe es nicht gern, wenn ein Mensch hustet und dabei pfeift. Es tut einem leid, und es hört sich auch unangenehm an! Wir waren mit ihm bei mehreren Aerzten; er soll ' iel Milch trinken und viel Fleisch essen, meinte der Arzt. Die Aerzte wissen nicht, dass er kein Fleisch vertragen kann. Auch rieten sie, mit ihm auf Sommerwohnung zu ziehen. Dort würde er sich sehr schnell erholen, meinte der Arzt. Nun warten wir auf den Sommer, wenn Gott ihn uns erleben lässt» ziehen wir mit ihm auf Sommerwohnung. Geier vielleicht fahren wir mit ihm zu einem Professor. Kntweder zum Professor oder auf Sommerwohnung, ich bin noch nicht entschlossen. Wahrscheinlich zum Professor. Vorläufig muss ich auch für seinen und seiner Familie Unterhalt sorgen . . . Was soll man mit einem kranken Menschen anfangen? ....... Mein vierter Schwiegersohn ist ein ganz einf.icher Mensch, nicht die Spur von einem Gelehrten. Er ist Fischhändler. Seine ganze Familie treibt Fischhandel. Sie verstehen nur eins: mit Fischen zu handeln, weiter nichts. Ihr wundert Euch, wieso unter allen gelehrten Schwiegersöhnen ein so einfacher geraten ist? ... . Alle wundern sich darüber, .... und ich auch. Aber wahrscheinlich war es meiner Tochter so bestimmt. Nicht alle Menschen können glücklich sein auf Erden. Aber glaubt nicht etwa, dass meine Tochter mit dem Fischer nicht glücklich lebt. Gott behüte! Im Gegenteil, sie leben sehr gut miteinander. Er schätzt und liebt sie sehr, weil er Aveiss, dass sie nicht eine erste beste ist, sondern meine Tochter 1 Ja, meine Tochter! Darum arbeitet er auch für sie vom Morgen bis zum Abend. Und nicht nur für sie allein arbeitet er; er muss meinen anderen Schwiegersöhnen oft genug helfen. Warum sollte er es auch nicht tun? Er muss doch fühlen, wer wir sind und wer er ist. Ein kleiner Unterschied, was meint Ihr? Besonders wird der Unterschied fühlbar, wenn wir uns über gelehrte Dinge, über den Talmud unterhalten. Wenn die andern sich versammeln, dann reden, streiten und disputieren sie und er sitzt stumm dabei: Schuster, bleib bei deinem Leisten. Er muss doch stolz darauf sein, dass Gott ihn in ein solches Haus geraten liess, wie denkt Ihr? ... Jetzt, nachdem Ihr meine Familie ein wenig kennen gelernt habt, werdet Ihr mein Glück begreifen, wenn Gott einen Feiertag gibt, zum Beispiel den Festtag der Esther, wie ich Euch sagte, und sich alle bei mir versammeln, Töchter und Schwiegertöchter, Söhne und Schwiegersöhne, mit allen Enkelkindern unberufen, und wir uns alle an den Tisch setzen. Zuerst werden Fische aufgetragen, echte, gefüllte, gut gepfefferte Fische, nach dem Fisch alle anderen Feiertagsgerichte, bei denen wir echten kostbaren Wein trinken; dann stimmen war in feierlichem Festtagston das bekannte Gebctlied an, in das die Jugend unisono einzufallen pflegt. Wir fassen uns an den Händen und bilden einen Kreis. Was kümmern uns dann alle irdischen Angelegenheiten, Rechnungen, das verachtete Metall? Kinder! . . . darin besteht das Glück! Heiliger Feiertag . . . das bringt Glückseligkeit! Ja, mein lieber Jude, ich bin nicht Rothschild, bei weitem nicht Rothschild. Aber ich lebe, Gott sei gedankt, viel glücklicher und besser als irgend ein Rothschild. Aufruf. Der „Jüdische Schulverein im X. Wiener Gemeindebezirke" versendet anlässlich seines zehnjährigen Bestandes einen Aufruf, dem wir nachstehendes entnehmen: „Der ,Jüdische Schulverein im X. Bezirke', der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die jüdische Schuljugend in der hebräischen Sprache zu unterrichten und ihr eine umfassendere Kenntnis der Geschichte und Literatur unseres Volkes zu geben, tritt mit dem Schuljahr 1908-1909 in das 10. Schuljahr seines Bestandes. Wer wollte sich heute der Erkenntnis verschliessen, dass wir mit der Gründung unserer Schule einem Bedürfnisse unserer Zeit Rechnung getragen haben, wer es in Abrede stellen, dass, bei dem fast völligen Mangel an religiöser Erziehung im Elternhause, die 2 obligaten Keligionsstunden an der öffentlichen Schule unzulänglich sind, wer könnte es sich wohl verhehlen, dass in diesen Tagen der religiösen Bedrängnis und des Abfalles alles aufgeboten werden muss, um unsere Kinder mit dem Inhalte und dem Geiste unserer heiligen Religion vertraut zu machen, das jüdische Selbstbewustsein in ihnen zu wecken und so die Zukunft unseres Volkes zu sichern? Denn nur wer die Jugend gewonnen hat, dem gehört die Zukunft I Der Bestand und der Sieg unserer heiligen Sache kann nach des Psalmisten Wort nur aus dem Lallen des Kindermundes erblühn! Wir wenden uns daher an Euer Wohlgeboren, wie an alle, die es treu und ehrlich mit dem Judentume meinen, unserer wahrhaft jüdischen Bestrebungen durch Ihren Beitritt in unseren Verein und Werbung von Mitgliedern, als auch durch die rege Anteilnahme Ihrer Kinder an unserem Unterrichte, zu unterstützen, damit wir das begonnene Werk fortsetzen und seinem hohen Ziele zuführen können. Für den Vorstand: Obmann J. S. Strassberg. Obmann-Stellvertreter M. Faltitaohek. Rabbiner Dr. A. L. Mandel, Direktor. Kassier Carl Seligmann. Schriftführer S. Intel. föüchereinlauf. Im Kampfe um die Weltanschauung. Kundgebung des Forscherbundes vom 3. Mai 1908. Ansprachen von Wilhelm Bölsche, Otto Ernst usw. — »Concordia , Deutsche Verlagsanstalt. Berlin 1908. Th. Zell: „Unterscheidet das Tier Mann und Frau?" Derselbe Verlag. Karl Rosner: „Der Ruf des Lebens". Derselbe Verlag. Miohael Wagebald: „Europa in Flammen«. Der deutsche Zukunftskrieg von 1909. Derselbe Verlag. Mit Schiller durch das Jahr, herausgegeben von Karl Retsie m. Derselbe Verlag.