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Neue Nationalzeitung · 1908-10-23 · Heft 42 (23.10.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 42 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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geite 10. i,fteue R Kultur" in den ersten Tagen des Monates New mber einen grossen „Scholem-Aleichem-Abend-. Das Programm wird demnächst bekannt gegeben. Das Vereinsloka' beiludet sich IL, Flossgasse 9/1. Wien. (Kinderturnen). Der I. Wiener Jüdische Turn verein Lat ab 1. Oktober in seiner der modernsten Hygiene entsprechenden neu adaptierten Turnhalle IX., Liechtenstrasse 20, eine Kinderriege aktiviert. Die A(iuie:dungen werden Dienstag und Freilag von — Va? Uhr entgegengenommen. tyUS ALLEN WEIttClLEN * Das Erbe des Hausierers. In Cambridge starb vor einiger Zeit im Alter von 82 Jahren em Hausierer, Harris Norm:in, einsam und verlassen. Kr hatte sehr armlich gelebt, aber nun stellte sich heraus, class er ein Vermögen von nicht weniger als einer V i e r t elm i 11 io n Mark hinterlassen hatte." Um das Erbe des Hausierers entspann sich bald ein Prozess, der mit einer grossen Ueberraschung endete. \\ ährend der .Verhandlung, in der ein Stietbruder des Verstorbenen Anspruch auf das Erbe erhob, erschien ein langjähriger Freund des Verstorbenen und legte einen alten Zylinder mit den Worten: „Hier ist das Testament meines Freundes!" auf den Geriehtstisch. Es stellte sich heraus, dass der greise Hausierer seinem Freunde den Zylinder für eine Beerdigung geliehen hatte. Als dieser den Hut zurückbringen wollte, war Harris Norman gestorben. Durch einen Zufall entdeckte Mr. Wall, in dessen Händen der Seidenhut des Hausierers zurückblieb, dass unter .dem Futter des Zylinders auf einem halben abgerissenen Bogen zerfetzten Notenpapiers der letzte \\ ilie des Sonderlings verborgen war. Harris Norman vermachte darin seine ganze Habe, die in sicheren Wertpapieren angelegt war, zwei u o h 11 ä t i g e n Stiftungen zur Unterstützung verarmter und bedürftiger Juden, und trotz des Protestes, den der StietDruder dos Verstorbenen gegen dieses sonderbare Testament einlegte, erklärte es der Richter für gültig. Ebenso romantisch wie diese Testaments - affäre war auch das Leben des Mannes. Er stammte aus Polen, hiess ursprünglich Paul Hirsch und landete in den vierziger Jahren in England. Sein ganzes Barvermögen betrug 18 Schilling. In London, wo er zunächst mit Schwämmen handelte, nahm er den Namen Harris Norman an. Seine Kunden suchte der geschäftseifrige junge Mann unter Kutschern und Stallknechten. Aber schon nach vier Jahren hatte er ein kleines Kapital angesammelt, gross genug, um in Cambridge ein Hausiergeschäft m billigen und imitierten Juwelen zu etablieren. Er war weit und breit im Lande bekannt, suchte und. fand überall Geschäfte und vermehrte still und stetig sein Kapital, als er schon ein wohlhabender Mann genannt werden konnte, lebte er noch immer wie ein Bettler. Jahrelang bestand seine Nahrung aus harten Brotrinden und W asser, und wenn er das Missgeschick hatte, den letzten Zug zu verpassen, so wanderte er nachts meilenweit nach Hause, nur um die Miete für ein Hotelzimmer zu sparen. Nachdem ihm sein Geschäft genug eingebraciit hatte, begann er an der Börse zu spekulieren. Zu diesem /.weck lernte er noch auf seine alten Lage schreiben. Seme Lehrmeister waren Schulkinder, die er mit Süssigkeiten beschenkte, um das Honorar für einen Lehrer zu sparen. Nach fünfzig Jahren unerional-Zeitung,, Nr. 42. müdlichen Handelns zog sich Harris Norman von den Geschäften zurück. Auch jetzt noch behielt er eine kärgliche Lebensweise bei, nur einen Luxus leistete er sich nunmehr, ein Vergnügen, das ihn zu einem Original der Stadt machte: er wurde ein leidenschaftlicher Freund vom Fussball und Kricket. Jeder, der den trotz seiner Jahre noch immer rüstigen, hageren Mann sah, hielt ihn für einen armen Schlucker, und selbst ein paar Sportfreunde, denen der ehemaliger Hausierer sein Herz aufgeschlossen hatte, ahnten nichts von dem heimlichen Vermögen des Sonderlings, bis ein altmodischer Zylinderhut das Geheimnis seiner Erbschaft preisgab. Fatner Ignatius. Der jüngst in London verstorbene englische (Geistliche war ein grosser Freund der Juden und der jüdischen Renaissance-Bewegung. „Daiiy Telegraph" meint, er war ein besserer Jude, als viele geborene Juden. Tausend Pfund für einen Renegaten. »Die Londoner (ieseilschatt zur Verbreitung di s Christentums unter den Juden", die jetzt auf eine 100jährige Tätigkeit zurückblickt, verausgabte in dieser Zeit 60 Millionen Mark für ihre Zwecke. Es wurde berechnet, dass ein Renegat die Gesellschaft tausend Pfund Sterling (24.UU0 Kronen) kostet. Die englischen Blätter werten die Fragen auf, ob es nicht besser wäre, dieses Geld für wohltätige Zwecke auszugeben. Eine jüdische Technik. Nach langem Studium aller in Betracht kommenden Städte hat man sich nun doch für Haifa als den geeignetsten Ort für die Errichtung des jüdischen Technikums entschieden. Ein Terrain in herrlicher Lage ist bereits augekamt. Man wird von dem neuen Technikum aus eine wunderbare Aussicht auf die Stadt und den leider noch immer nicht ausgebauten Hafen, a. n. die bucht von Haifa, haben. Ganz nahe an diesem Platz hat kürzlich die Häusergesellschaft „Agudath Achim" ein grösseres Terrain erworben, auf dem sie eine Reihe von Häusern erbauen will. Em Brunnen wird bereits gegraoen und im nächsten Frühjahr soll mit dem Bau der Häuser begonnen werden. Wahrscheinlich wird dann auch das Teohnikum bereits im üau sein. Mit der Wahl Haifas für das Technikum hat man zweifellos eine glückliche Hand bewiesen. Denn es kann kaum einem Zweifel unterliegen, dass Haifa eine geradezu glänzende Zukunft vor sich hat. Es hat eine von der .Natur so bevorzugte Lage, wie wenige Küstenorte Palästinas und Syriens, und sein Verkehr wächst denn auch von Tag zu Tag. So verkehren die Züge aut der Eisenbahn Haifa—Damaskus, die bisher wöchentlich nur dreimal in jeder Richtung fuhren, ab 1. September täglich. Auch sonst ist Haifa, das bekanntlich auch eine blühende deutsche Kolonie hat, in einem unaufhaltsamen Aufschwung begriffen, an dem die Juden vorläutig noch wenig teilnehmen. Das wird sich mit der Errichtung des Technikums nun aber hoffentlich ändern. ignaz Poznanski, der bekannte Millionär und Tuchtabrikant in Lodz, der Chef des Hauses Poznanski, ist vorigen Uonncrstag, kaum 56 Jahre alt, in Fans gestoroen. Unfreiwillig, denn intolge der revolutionären Haltung semer Arbeiter und. des Autruhrs, hat er Lodz verlassen und nun kehrt seine irdische Hülle allein zurück, um in der Stadt, wo er ein herrliches l'alais und kolossale Fabriken besitzt, am Friedhof bestattet zu werden.

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