Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 42 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. ,Neue National-Zcitung" Nr. 42. ßXorris Koscnfdd*^beiid. 22. Oktober, lekündiu'.c Vorül \V i o ii , den Der von uns vorige Wochr im: tragsabend von Morris Kolenfeld hat stattgefunden. Der kleine Mn-ikverein-saal war diclit gefüllt von einem sehr zahlreichen, zumindest S Iii- 900 Personen zählenden Publikum aus ahm KreLen der jüdischen Bevölkerung. Mini bemerkt«- u. a. Herrenhausmitglied Ilorrat G o m p c r/. Iloiral Prof. Politzer, das Präsidium und mehrere Mitglieder des Kultusvorstandes, ("lu.-fredakh'iir Ju'ius Bauer, mehrere Vertreter der Tages- und der jüdischen Presse etc. etc. Von den jüdischen Studenten fielen besonders die Mitglied der der jüdisch-nationalen Verbindung ..Libanonia" auf, die korporativ erschienen sind. F,in grosses Kontingent des Publi - kums bildeten die Damen. Der Abend wurde mit einem Vortrage des Schriftstellers Heinrich Glücks man 11 über ., Morris Rosen fei d und seine Dichtung" eröffnet. Wir können diese Ausführungen füglich übergehen, da ja den Lesern unseres Ulaltes die Bedeutung R o s e n f e 1 d s aus den mehrfachen Darstellungen unseres Blattes genau bekannt ist. Hierauf kam der Dichter selbst zu Worte. Morris Rosenfeld versteht es, seine Dichtungen packend vorzutragen. Und das Publikum lauscht gespannt, selbst wenn es, was gestern gewiss der Fall war, nicht alle jüdischen Ausdrücke genau versteht. Merkwürdigerweise bemühte -ich R o - s e n f e 1 d, seine Gedichte, um sie dem Verständnis des Publikums näher zu bringen, teilweise zu ..verdeutschen". Wenn dies auch vom ethymologischen Standpunkte nicht ganz am Platze ist, so verlieren die Gedichte dadurch keineswegs an Wirkung. Denn diese liegt bei Rosenfeld nicht im Wortspiel, sondern in dem proletarischen Geiste und in dem spezifisch jüdischen Weh, von denen seine Gedichte durchdrungen sind. Die Gedichte ,,'Der historische Wanderer", ,,Der jüdische Soldat"' und ,,Dic W erkstatt" haben auch stürmischen Beifall gefunden; der Dichter wurde wiederholt vom. Publikum gerufen. Als glänzender Inte;pret der Rosenfeld'schen Lieder hat sich Altmeister S o n n e n t h a 1 bewährt. Der grosse Beifall, mit dtrn Adolf von Sonnenthal begrüsst wurde, galt doch diesmal mein blos unserem hervorragendsten dramatischen Kün-ülcr. sondern auch dem jüdischen Künstler, der trotz seines hohen Alters noch über eine bewundernswerte Rüstigkeit verfügt und der trotz seiner hervorragenden sozialen Stellung sich bereitwillig der Aufgabe unterzogen hat, die Lieder des Ghetiodichters im Rahmen einer jüdischen Veranstaltung vorzutragen. Was vielleicht unter anderen Verhältnissen selbstmachte ,,Sturm" russisch« Adolf Ritter von Sotttunfbal, Obene«;i.<setir des k. u. k. Hof-Knrg-tbeaters Vize|irä.-ident dev „Gesellschaft zur Kon.servierun jüdischer Penkiniiler" etc. etc. verständlich wäre, muss heute angesichts der Fahnenflucht kleiner Geister dankbar anerkannt werden. W i r J u d e n sind stolz auf unseren Sonnenthal! Laut festgesetztem Programm hatte sich Sonnen! hal drei Dichtungen in hochdeutscher Uebersetztmg und zwar: ,,Stuim", ..Landstreicher" und ,AVohi:i", zum Vortrage ausgewählt. Kr begann jedoch mit dem Gedichte ,,Die Frschaffung der Welt". Linen packenden, geradezu fortreissenden Kindruck der meisterhafte Vortrag des Gedichtes In demselben wird geschildert, wie zwei Juden, im amerikanischen Hafen zurückgewiesen, nach Russland zurückkehren müssen. Auf hoher See bricht der Sturm los und droht, jeden Augenblick das Schiff zu vernichten. Alle Leute am Schiff sind voll Angst und Pein und zittern um ihr Leben. Bios die zwei Juden sitzen apathisch. Denn sie haben kein Heim, kein Haus, keinen Freund, kein Weib, kein Kind. Sie müssen nach Kussland zurück . . . Die ganze Tragik des jüdischen Volkes spricht aus diesem Gedicht. Der meisterhafte Vortrag Sonnenthals war ein Beweis, dass er im Stande ist, sich in den Geist des Dichters hineinzuleben. Dies wusste das Publikum auch dankbar anzuerkennen, indem es in immer neue Beifallsstürme ausbrach. Den Abschluss des Abends bildeten die von R o s e n f e 1 d vorgetragenen Gedichte ,,Die Lichtverkäuferin" und ,,Mein Kind". Als Draufgabe las der Dichter eine köstliche Satire ,,Der Kalwaryer Datsch oder der assimilierte Schuster" vor, mit der er sich dem Publikum auch von der humoristischen Seite zeigte. Iis war ein schöner, genussreicher Abend, der allen Anwesenden gewiss noch recht lange in Krinncrung bleiben wird. Die Freunde und Verehrer Roscnfelds versammelten sich dann zu einem gemütlichen Abend-! essen. Baurat S t i a s s n y toastete» in humorvollen Worten auf den Dichter, während Herr Sekretär Jakob K r a u s z die Verdienste des, Herrn Baurat S t i a s s n y um die Veranstaltung des Vortragsabends hervorhob. Morris R o e n f e 1 d begibt sich morgen nach Mün«-hen, wo er am Simstag vorlesen wird. Der Dichter gedenkt dann n 1'h Wien zurückzukehren, wo er jedenfalls bis Dezember verbleiben und in mehreren Vereinen am Vorlesetische erscheinen wird. Der Vorstand der Toy 11 hec-H alle in der Brigittenati hat den Bcs-diluss gefasst, Morris Rosenfeld einzuladen, jedes Kntree, jedo stattfinden. Diese Veranstaltung wird ohne di vor dem wohnten Publikum