Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 42 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42. ,Neuc National-Zeitung' Seite 7. polnische Juden, die nach Wien kommen, unterstützt würden. Herr Brod verlangte, dass der Kultusvorstand seine Arbeiten im Wege einer öffentlichen Konklirrenz vergebe und nicht nach dem bisher praktizierten System der Protektion. Nachdem sich auf diese Weise jeder der Anwesenden sein Herz erleichtert hatte, legte Dr. Josef W i n t e r n i t z eine, wie er selbst erklärte, ihm vom Bureau des Vorstandes zugesteckte Wahl-Komitee-Liste vor und beantragte deren Annahme, was auch geschehen ist. Nun geht das Komitee an die Arbeit. Die (Deister jetner „Kirchenväter", deren Porträts im Sitzungssaale des Kultusvorstandes herumhängen, werden sie auf ihren Wegen begleiten. Jßin jüdisches Requiem. (Unter Assistenz von Geistlichen.) Wien, den 19. Oktober. Die Kadisch-Sager jm.Seitenstcttentempel waren beim Abendgottesdienste am letzten Sonntag nicht wenig verdutzt, als zur festgesetzten (iebetstunde der Reihe nach zwei ehrwürdige Patres des (>rdens der Barmherzigen Brüder in ihrem Ordenskleide, sechs Mitglieder der Wiener k. k. Polizeiwache in Uniform, einige Geheim-Detektives und noch einige Herren angerückt kamen, denen man es gleichfalls ansah, dass sie zu den Habitues der Seitenstettensyn igoge oder einer anderen Synagoge nicht gehören. Das Staunen der Anwesenden war umso grösser, als ja Sonntag abends kein jüdischer Feiert ig mehr war; es war im Gegenteile Sukkoth-Ausgang. Das in manchen Schichten der jüdischen Bevölkerung in recht feucht-fröhlicher Stimmung begangene Simchas- Thora-Fest war mit dem Erscheinen der drei Sterne am Himmelsgewölbe soeben zu Ende gegangen. Was hatte also diese für eine Synagoge jedenfalls seltsame Gesellschaft gerade an jenem Abend in die Synagoge gezogen? Nach Schluss des Ma'ariw-Gebetes kam J.i A klärung. Der diensthabende Vorbeter begann das wehmütig klagende Gebet ..Menucho-Nechaunoh." in weinerlichem Tone zu rezitieren, aus dem dann ein Name hervorklang, der vor einem Jahre überall, wo selbstbewusste Juden leben, Aergernis und Bitterkeit hervorgerufen hat.......B'ad nisrhmas Daniel — Donato Taussjg! ... ." ' Es war die Jahrzeit nach jenem Donato Taussig. der genau vor einem Jahre aus den Niederungen des Wiener Ghetto zu Grabe getragen wurde. Und man erinnert sich des peinlichen Aufsehens, das die letztwillige Verfügung dieses Donato Taussig vor einem Jahre gemacht, der. so lange er gelebt, von Niemandem geliebt wurde und der selbst angesic hts seines Lebensendes nicht imstande war. seinen Hass gegen die Aermsten seiner Glaubens- und Stammesbruder, gegen die kranken und unterstützungsbedürftigen polnischen Juden zu unterdrücken. Es ist noch in Aller Erinnerung, dass Donato Taussig sein, eine Million betragendes Vermögen dem Wiener Ordenshäuse der Barmherzigen Brüder hinterliess und dass er letztwillig verfügte, dass aus dem Genüsse sowohl dieser Stiftung, wie aller seiner anderen Legate die polnischen Juden ausgeschlossen werden, Dafür aber verfügte er. dass alle die christlichen und nicht polnisch-jüdischen Nutznicsser seiner Legate an seinen Jahrestagen im Seitenstettentempel erscheinen und am Gottesdienste teilnehmen müssen. Man sieht, Donato Taussig war ein Satyriker. der sich für ein;* Million den Spass leistete, christlic he Geistliche in die Synagoge zu kommandieren. Und wie teuflisch würde sich der morose Alte im Gau Eden soll er ruhen! -- erst gefreut haben, wenn er, aus seinem Grabe steigend, sich das Bild in der Synagoge hätte selbst anschauen können. Wie der Diener die hoffentlich durchaus arische Trauergesellschaft zu den Fmrenplätzcn in der ersten Bankreihe geleitete und wie diese Günstlinge in Kutte und Uniform sich automatisch von ihren Sitzen erhoben, wenn die betende Versammlung es getan und sich wieder niedersetzten, wenn die anderen es taten!... Aber vollständig ist der Witz doch nicht gelungen. Die Jahrzeit nach Donato Taussig fiel kalendermässig eigentlich auf den Abend vorher, auf den Simchas - Thorah - Abend. Das Requiem wurde jedoch mir Rücksicht auf das Thorah-Freudenfest auf eleu nächsten Abend verschoben. Wie schade! Das Erscheinen der Patres hätte doch auf die die Synagoge füllenden Frauen, Männer und Kinder sicherlieh erbauend gewirkt und ein eifriger Diener hätte es sich vielleicht auch nicht nehmen lassen, Ihre 1 lochwürden bei der Hakafah mit einem Scfer-Thorah zu beehren! Dann wäre die Satyre vollkommen gewesen und die arme Seele Donato Taussigs hätte wirklich Ruhe. Ein Kadisch-Sager. Illustration zu Morris Kolenfelds „Ghetto-Liedern". Von E. M. Lilien.