Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 42 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. „Neue National-Zeitung" Nr. 42. dauern darüber aus, dass am 2. Neujahrstag die Betversammlung des Vereines „Linas Hazedek" durch eine vom Kultusvorstande direkt oder indirekt veranlasste Intervention der Polizei unterbrochen wurde. 2. Die Versammlung spricht dafür dem gesamten derzeitigen Kultusvorstande wegen der Ma sregelung von Minjanim und Belversammlungen, welche nicht gegen die Vorschriften und gegen den Ritus der jüdischen Religion Verstössen, ihr Misstrauen aus, und fordert denselben auf, seine Mandate niederzulegen. 3. Die Versammlung erachtet eine Reform des gegenwärtig in Geltung stehenden Kultusstatutes als notwendig in der Richtung, dass in Bezug auf das Beten alle in Wien bestehenden Richtungen berücksichtigt werden, dass das Wahlrecht ausgedehnt wird, und dass der Etnfluss der Gesamtheit der Mitglieder der Kultusgemeinde durch ad hoc zu wählende Vertrauensmänner, bei der Besetzung der Rabbinerstellen und Aendeiung des Statutes gesichert wird. Zu dieser Resolution sprachen die Herren Sessel, Markus und TrnLi. Unter grossem Beifill ergriff dann Dr. S. R. Landau das Wort. Redner stellte zuerst fest, dass das unglaubliche Vorgehen des Kultusvorstandes gegenüber dem Vereine „Linas Hazedek" fast an .Wariinsinn grenze. Aber in diesem Wahnsinn liegt ein System, das System der rücksichtslosen Verfolgung der polnischen Juden in Wien. (Stürmischer Beifall.) „Wir haben" — setzte Dr. Landau fort — ,,in den letzten Jahren das traurige Schauspiel erlebt, dass die höchsten Beamten der Kultusgemeinde" — hier wird Redner vom Vorsitzenden Dr. Z i p s e r mit den Worten unterbrochen „keine Namen nennen", worauf Dr. Landau erwidert: „Das ist schon meine Sache, ich bin Jurist genug, um die Konsequenzen meiner Handlungen, zu kennen" — „es waren dies Oberrabbiner Doktor Güdemann und Rabbiner Dr. David, bei mehrfachen Gelegenheiten, die polnischen J ti den in den Kot gezerrt haben, ohne dass der Kultusvorstand und der Präsident insbesondere diese aus dem Säckel aller Steuerträger bezahlten Beamten an ihre Seelsorgerpflicht der Gerechtigkeit und Unparteilichkeit erinnert hätte. In einer Stadt, wo ein Teil der jüdischen Bevölkerung von der Kanzel unter Billigung des Kultuspräsidenten beschimpft werden darf und als rechtlos gilt, kann es nicht Wunder nehmen, wenn ein jüdisches Gottes haus an hohen Festtagen während des Gebetes gesperrt wird, weil der Kultus vorstand die Bewilligung, zu — beten, nicht gegeben hat. Für den Zynismus eines Dr. Stern ist es aber charakteristisch, dass er in der öffentlichen Vorslandssitzung als Grund des Verbotes nichts anderes angegeben hat, als dass in diesem Bethause zu — g e r ä u s c h v o 11(!) gebetet wird. .... Das Staatsgrundgesetz gestattet es zwar jedem, nach seiner Fasson zu beten, aber für Wien gibt es noch eine Instanz über dem Staatsgrundgesetz und das ist der rosdi-ha-kul." (Zwischenruf: Rusche-ha-kul!) Aus dieser ganzen Sachlage deduzierte Red - ner die Pflicht der polnischen Juden in Wien, sich zu organisieren, um dann ihren Einfluss zur Geltung zu bringen. Dann werde es gewiss auch möglich sein, in Wien eine Erweiterung des Wahlrechtes herbeizuführen. Das gegenwärtige Wahlrecht ist eine wahre Schande für die Stadt Wien. Sie ist in der ganzen Welt die einzige Stadt, in der ein Mitglied, welches eine höhere Steuer zahlt, zwei Stimmen besitzt, während Tausende von Mitgliedern, wiewohl sie indirekt Kultus-Steuern in der Form von Schechitats, Mikwah, Bethaussitz u, dgl. leisten, gar kein Stimmrecht besitzen. Nach dieser Richtung müsse Wandel geschaffen werden, und die ihrer Majorität nach orthodoxen polnischen Juden haben das grösste Interesse. ' Von besonderer Wichtigkeit sei die Regulierung der Kultussteuer durch Erhöhung des Maximums > welches jetzt nur 12.000 K beträgt. Dadurch würde der Kultusvorstand grosse Ueberschüsse erzielen, und nicht bloss das Defizit beseitigen, sondern auch verschiedene grosse Investitionen vomehmep können^ zu denen ihm jetzt das Geld fehlt. Wenn dies der Kultusvorstand aber trotzdem nicht tut, so geschieht dies, weil das Präsidium des Kultusvorstandes die Millionäre für seine persönliche Zwecke braucht — für die Beistellung der Wahlgelder. (Lebhafter Beifall.) So bleibe denn nichts anderes, als den Kultusvorstand rücksichtslos zu bekämpfen, bis die Paschawirtschaft endlich aufhört. Dies müsse in der heutigen Versammlung zum Ausdrucke kommen, durch die scharfe Tonart der Resolution. Es müsse daher im ersten Absätze statt „tiefstes Bedauern" „die tiefste Entrüstung" heissen. In dieser Fassung wurde auch die Resolution über Unterstützung des Herrn Markus angenommen. Während der ganzen Rede Dr. Landaus sassen die anwesenden Herren vom „oppositionellen Komitee" alias „Zionistisches Distrikts-Komitee" wie auf Nadeln. Sie fürchte :en eine Abrechnung. Präsident Dr. Stern alg WahIagit*tor. Wien, den 21. Oktober. Präsident Dr. S t e r n ist nun auf seine alten Tage unter die Wahlagitatoren gegangen. In der am letzten Dienstag im Sitzungssaal des Kultusvorstandes abgehaltenen Wähler Versammlung, zu der zirka 100 Wähler, die das Vertrauen des Herrn Dr. Stern gemessen, erschienen sind, führte er auch aus, dass er jetzt kein Wahlkomitee mehr brauche und auch die Einpeitscherdienste der „Union" nunmehr entbehren wolle. Er werde die Wahlen selbst leiten. Wir gratulieren dem 78 jährigen Manne zu dieser Courage, wenn wir auch glauben, dass er seine Popularität sehr stark überschätzt. Die erschienenen Wähler brachten verschiedene Wünsche und B esc Ii werden vor: Herr Wilhelm P a p p e n h e i ni. Vorstandsmitglied der Allianz, also ein Intimus des Dr. Stern, fand auszustellen, dass der Sekretär Dr. Lieben und Vorstandsmitglied Dr. K o Ii n miteinander verschwägert sind, sowie dass Baurat M a r m o r e k. der früher in der Opposition war, nunmehr alle Bauten des Kultusvorstandes aufführe. Herr P a p p e n h e i 111 warf den Zionisten Feigheit vor und erklärte, dass sie „nationalen Schwindel" treiben. Dr. Stern sei gegenüber dieser Opposition zu schwach. Von den folgenden Rednern verlangten die Herren Trnka und Goldblatt für den Ottakringer Bezirk ein Mandat. Dr. Schrei- 1) e r, der wiederholt bei den Kultuswahlen durchgefallen ist, wollte sich beim Dr. Stern einen Stein ins Brett legen und sprach sich für das Sperren alle,r Minjanim{!) aus. Herr Wolf Papp e n h e i m beschäftigte sich mit dem Schmerzenskind der Schiffschur, mit der Mikwah; kaiserl. Rat Anninger, der bekannte „Kirchenvater", bekämpfte die „unvernünftige" Armenbeteilung, weil