Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 41 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11. *Peui <BR UNO LESSING : He* $*össte ^chtnutzian. (Aus dem Englischen übersetzt von Ida P o 11 u k.) (Schlnss.) Rosnofsky's Brauen runzelten sich. „Ich esse heute kein Nachtmahl," sagte er. ..Nur Milch, sagt der Doktor. Ausserdem gehe ich dann gleich zu Bette." Rosenheim seufzte. ..Ilaben Sie gewusst. dass morgen mein (Geburtstag ist?" „Nein. ich wusste es nicht. Freut mich sehr. Hoffe, dass Sie noch viele haben." „Unmöglich. Ich trinke zu viel Portwein. Der Doktor sagt, jedes (das kann mich töten. Ich möchte wissen, ob es schon zu spät ist. einen neuen Hut zu kaufen. Ich trage Nummer sieben." „Oh. ich glaube, Sie werden nach irgend ein Geschäft offen finden, und wenn nicht, können Sie ja morgen auch einen bekommen." Rosenheim ging in das Komptoir seiner Druckerei und öffnete die Kasse. Von dort zog er den Satz des Blanko-Testamentes heraus und druckte ein halbes Dutzend Kopien. Dann kicherte er. ging aus und and kaufte sich ein Nachtmahl. Am folgendem Tage kain v ollen, uei cu iuiciuci, der dicke Alte mit dem laugen grauen Bart, der zu jener Zeit ein Dutzend Karren am I I estermarkt sein eigen nannte, seiner Gewohnheit gemäss, um die Mittagsstunde zum Essen. Cohen lebte gut. Das Tischtuch verschwand beinahe unter den appetitlichen Gerichten, welche die Luft mir lieblichen Düften erfüllten. Seine Lippen hatten kaum den ersten Bissen berührt, als ein sanftes Klopfen von der Türe her vernehmlich wurde. Rosenheim trat ein. ..Friede sei mit euch!" - rief er aus. ..Cnd mit euch Friede!" — erwiderte Cohen. ..Gehen Sie in das Besuchszimmer! Ich bin in ein paar Minuten mit meinem Essen fertig." Rosenheims Augen umfassten das appetitliche Arrangement mit einem Blick. ,„lch will Sie nicht stören", sagte er. „Ich kam nur, um Ihnen etwas zu zeigen. Ich habe gerade mein Testament gemacht, und es dürfte Sie interessieren, den Namen eines der Leute zu lesen, die etwas bekommen werden, wenn ich sterbe. Ich glaube nicht, dass ich lang leben werde." Cohen wischte sich den Mund am Aermel ab. setzte seine Brille auf und wurde dann rot. „Mir?" rief er aus. ,,Alles, mit Ausnahme eines Hauses, mir?" „Gewiss!" sagte Rosenheim. Warum nicht? Erinnern Sie sich, wie Sie mir einmal eine feine Zehn-Centzigarre umsonst gaben? Ich vergesse eine Freundlichkeit nie. Nur eines verlange ich, Sie müssen schwören, nie jemandem etwas zu sagen. Meine anderen Freunde wären so eifersüchtig!" „Oh, nie, nie würde ich meinen Mund auftun!" rief Cohen. „Aber verzeihen Sie diese schreckliche 1 nhöflichkeit. Ich habe Sie nicht gebeten, Platz zu nehmen und zu essen. Waren Sie schon beim Mittagsmahl?" „Nein. Idi war nicht einmal hungrig, ehe ich Sie essen sah: ab r Ihr glückliches (Gesicht hat mir guten Appetit gemacht." Lud Rosenheim fuhr fort, dem besten Mahle, das er seit Jahren gegessen. (Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ehe er fertig war, begann er zu bed uiern, dass er so viel Zeit an Rosnofsky und Fischlowitz verschwendet. Cohen war ein Legatar nach sei vm IIciv.cn. Solche Mahlzeiten waren im (Ghetto seiltn. „Ich sehe. Sie hinterlassen Gordon ein Haus", bemerkte Cohen. „Weh her Gordoa ist das?" „Der Weinhändler. Ich ging einmal um eine Pint Portwei \ zu ihm, und er hatte keine Pint Hasche, gab mir iber ein Viertel um denselben Preis. Solehe (Güte verge-se ich nie." „Der alte Geizhals!" dachte Cohen. Aber laut sagte er: ..Sie haben wirklich ein gutes Merz, Rosenheim, Haben Sie schon m-anc Tochter Klavier spielen gehört? Nein? Kommen Sie am Abend herüber, und Sie werden taue feine Musik hören. Wollen Sie kommen?" „(Gewiss. Cm welche Zeit essen Sie?" „Sieben Chr. Aber wenn Sie um sechs kommen, finden wir vielleicht noch vor dem Abendessen eine kleine Flasche vor, von der Mama nichts weiss. He. Mama?" i iau vonen, deren funkelnde Augen v:>n den Visionen des Reichtums, die ihre Phantasie umgaukelten, geblendet waren, lächelte liebenswürdig. Nachdem Rosenheim gegangen, war ihre erste Frage: „(Glaubst du, wird er lange leben?" „Kann man wissen? Plr ist viel älter als ich. kann uns aber alle überleben. Ich hörte ihn neulich sagen, dass er gutes Essen liebe, aber je meiner esse, desto schlechter fühle er sich. Cnd er liebt Portwein, aber sein Arzt sagte ihm, das würde ihn töten. So glaube ich, er verliert nicht viel, wenn er so geizig ist. Bereite heute Abend ein gutes Nachtmahl vor. Haben wir etwas Portwein im Haus?" „Oh, Mann!'" rief Frau Cohen entsetzt aus. Es war kein Portwein im Hause, aber sie schickte um welchen. Bei Cohen dauerte es nahezu sechs Monate, bis die wachsende Gesundheit Rosenheims ihn zur Verzweiflung brachte. (Gordon hielt ungefähr ein Jahr aus, aber dann schickte er Rosenheim nur mehr gelegentlich eine Flasche Wein. Im nächsten Testament waren Abrahams, der Krämer, und Markstein, der Realitäten-Agent, die Legatare. Sie freuten sich eine recht lange Zeit —ich habe vergessen, wie lange. Nach ihnen kamen andere — nahezu durch fünf Jahre. Jeder hatte Verschwiegenheit geschworen. Jeder zeigte seine Erkenntlichkeit für die Generosität Rosenheims, indem ev ihn mit Mahlzeiten, (Geschenken und Gefälligkeiten überhäufte. Jeder wählte irgend einen Verwandten oder nahen Freund zum Testamentsvollstrecker. Cnd alle, der Reihe nach, verzweifelten am Ende, dass Rosenheim jemals sterben werde. Aber, ach! Wir alle müssen sterben, und Rosenheims irdische Laufbahn endete plötzlich, unerwar-