Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 41 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. tet und schmerzlos. Kinos nachts, im Schlafe, hörte sein Herz langsam zu schlugen auf, und Rosenheim wurde zu seinen Vätern versammelt. Die Synagoge war mit Trauergästen gefüllt, geschäftigen, nervösen, trockenäugigen Trauergästen, \o;i denen beinahe jeder einen Brief in der Tasche trug, welchen er von einem Advokaten, von dem er nie vorher gehört, erhalten h alte, und worin er aufgefordert wurde, nach aem Gottesdienst in Kosenheims Druekerei-Ktablissernent zu erscheinen. Die festgesetzte Stunde war drei I hr. Kine Sekunde nach drei war der kleine Druckerei-Laden gedrängt voll. Ein ältlicher Mann mit scharfen Zügen, in dessen Gesieht sich kein Muskel bewegte, während die Augen ziemlich stark blinzelten, kam mit einem Dokument in der Hand hervor. „Meine Herren! Mein Xame ist John Stewart. Ich war durch lange Jahre der Rechtsfreund des verstorbenen Herrn Rosenheim, wenigstens insoweit es sich um seine finanziellen Angelegenheiten handelte. Kr schickte mir sein Testament, welches ich hier habe, erst drei Tage vor seinem Tode. Von Zeit zu Zeit sandteer mir d^ Namen seiner Freunde, die er bei Verlesung des Testamentes anwesend wünschte, was die Bitte au Sie, heute hier zu erscheinen,'motiviert. Tatsa che ist'* - Herrn Stewarts blinzelnde Augen guckten über die Ränder seiner Brille und glitten langsam über den ganzen Raum — „Tatsache ist, dass Herr Rosenheim die eigentümliche Gewohnheit hatte, mir alle zwei, drei oder vier Monate ein Testament zu senden, immer mit der Aufforderung, das letzte zu vernichten. Die Tcsuuiieme «tuen'ui^iviiw ....u- ^ir^.-K . r>5r. LmfMpn genau wie das. welches ich hier habe und nun vorlesen werde." Die Stille im Zimmer war tötlieh. „Das Haus in Rivington Street und mein Druckerei-Geschäft hinterlasse ich David Brandes mit einem Segen. Sagen Sie ihm, er soll das Geld nicht unvernünftig ausgeben. Mein ganzes übriges Vermögen hinterlasse ich dem jüdischen Wohltätigkeits-Verein zur Verwendung nach bestem Ermessen. Der Präsident der Gesellschaft, Mr. John Stewart und David Brandes sollen die Exekutoren sein, ohne Bezahlung." Nahezu eine volle Minute dauerte die Stille fort. Niemand rührte sich. IX>s Auditorium des Advokaten sass wie verzaubert, ins Teere starrend, grübelnd und grübelnd. Dann stiess Rosnofsky einen tiefen Seufzer aus und erhob sich. Das brach den Bann, und in ein paar Minuten war der Raum verödet. Die Männer gingen in so vielen Richtungen fort als sie finden konnten, schweigend, ungesellig, Sie hatten keinen klaren Begriff, wohin sie gingen. Jeder wollte allein sein. Jeder wollte nachdenken. Am nächsten Tage besprachen Rosnofsky und Fischlowitz die Angelegenheit. Sic hatten am längsten gewartet. Sie hatten auch nicht die leiseste Ahnung Von der Existenz anderer Legatare; sie konnten an nichts anderes denken als an ihre eigenen Gefühle. Sie besprachen die Sache in aller Stille. In aller Stille verdammten sie den verblichenen Rosenheim in alle Ewigkeit. Sie verfluchten sein verräterisches Herz und seine verräterische Lunge und seine verräterische Leber. Sie verfluchten jedes verräterische Haar auf seinem verräterischen Haupte. Sie verfluchten jeden verräterischen Finger an seinen verräterischen Lländen und jede verräterische Zehe an seinen verräterischen Füssen. „Ein solch, schrecklicher Fluch ward noch nie gehört!*'*) :'< Rosch Haschana kam und die heilige Woche, und Rosnofskys Gewissen wurde unruhig. Nahezu ein ganzes Jahr hatte er die totlichste Feindschaft gegen den abgeschiedenen Rosenheim genährt, und nun war der Versöhnungstag nahe, der Tag der Tage, an dem kein Mensch Vergebung für seine Sünden finden kann, so lange er gegen eine einzige Seele, ob lebend oder tot, Groll hegt. Rosnofsky brachte die Angelegenheit vor den Rabbi. „Die Sache ist sehr einfach", erklärte der Rabbi. „Einen Tag vor Jörn Kippur müssen Sie auf das Grab des Verstorbenen gehen und ihn um Verzeihung bitten." Rosnofsky ging erleichterten Herzens heim. Er war bereit, für die schrecklichen Flüche, die er gegen den toten Mann ausgestossen. Busse zu tun, und die Methode des Rabbi war ausserordentlich einfach. An dem festgesetzten Tage ging er auf den kleinen, Friedhof, wo sie Rosenheim begraben hatten. Am Wege begegnete er Fischlowitz. ..Wohin gehen Sie?" fragte er. „Auf den Friedhof", erwidertet Fischlowitz. „Ich hege keine Feindsc haft gegen Rosenheims Andenken. Ich bitte ihn heute um Verzeihung." Sie gingen miteinander. Als sie den Friedhof betraten, kam gerade Gordon, der Weinhändlerheraus. Er verbeugte sich kalt vor ihnen, und sie. gingen wortlos vorbei. Als eie. sich dem Grabe näherten, standen sie Gohen, dem Schneider, dem dicken Alten mit dem langen.' grauen Bart, Aug' m Auge gegenüber, und er grinste ihnen entgegen. Sie schauten einander an. Während sie an Gohen vorbeigingen, hörten sie ihn leise 1:ichern. Als sie zu dem Grabe kamen, fanden sie einen ganzen Haufen Leute hier versammelt. Alle, die eingeladen gewesen, die Verlesung des Testamentes anzuhören, waren da, aber sie sprachen nicht miteinander. Gelegentlich wurde verstohlen ein Auge erhoben, aber in dem Moment, als es einem anderen begegnete, wurden beide sofort wieder gesenkt. Plötzlich dämmerte Rosnofsky ein grosses Licht auf. „Fischlowitz!" flüsterte er. „Was gibt's?" wisperte Fischlowitz. „Rosenheim war ein gescheiter Mann!" Dann sahen sie einander an und grinsten. föüchminlaut. Graf Leo Tolstoi über die Juden. Vorwort vom Reichsduma- Abgcordnetcn O. Pergament. Deutsch von S. Brauner. Russischer Verlag von Ii. Murawkin. Berlin 190S. S. 48. Dr. Theod. Karl Mommert: S i loah. Brunnen, Teich, Kanal. Mit neun Abbildungen etc. Verlag vmd Druck von E. Haberland in Leipzig 1908. Jüdischer Volkskalender 5669. Herausgegeben von Gerschon Bade r. Vierzehnter Jahrgang. Lemberg 1908/9 (jiddisch). Dr. Leo Metmann: Zur Regenerationsarbeit in. Palästina. (Vortrag.) Berlin 1908. Samuel Lublinski: Shakespeares Problem in Hamlet. Im Xenien-Verlag. Leipzig 1908. Bernhard Münz: Ibsen als Erzieher. Derselbe Verlag. Hans Holger: Ina Holms Ehe. Derselbe Verlag. Friedrich Kurt Benndorf: In Frcmbdc land' dahin. Derselbe Verlag. * 1 Zitat aus The Jackdaw of Rheims: »Nevor was heard such a terrible enrse!" (Ingoldshy Legends,)