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Neue Nationalzeitung · 1908-10-16 · Heft 41 (16.10.1908) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 41 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 41. „Neue National-Zeitung" Seite 9. WeiTOiieN Scholem Aleichem hat sich zum Zwecke der Erholung nach Italien begeben. In allen grösseren Städten werden Vorbereitungen zur Feier seines 25jährigen Schriftsteller-Jubiläums getroffen. Die älteste Synagoge der Welt. Der Grossi abbin er von Mossoul (Türkei) ist zurzeit damit beschäftigt, unter den Israeliten der ganzen Welt Gelder zu sammeln, um die alte Synagoge von Mossoul, wohl die älteste der Welt, für 3500 Personen zu erweitern. Der Grossrabbiner versichert, dass die Judengemeinde von Mossoul sich gleich nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem gebildet habe, und darum die älteste Judengemeinde der Welt wäre. Die Gemeinde hat drei Synagogen, von denen die älteste vor 1265 Jahren gebaut wurde. Vor 760 Jahren wurde der Bau das erstemal erweitert und repariert und ist auch heute noch keineswegs schadhaft. Nur reicht er für die Bedürfnisse der Gemeinde nicht mehr aus. Eine Reise der Ito-Kommission. An Bord des Schnelldampfers „Kaiser Wilhelm der Grosse" des Norddeutschen Lloyd begab sich am Oktober eine Kommission des russischen Zentrallkomites der Jewish Territorial Organization nach Amerika zum Studium der dortigen Einwanderungsverhältnisse der russischen Juden. Der Präsident der Jewish Territorial-Organization, Mr. Israel Zangwill aus London, befindet sich bereits seit einigen Tagen in New- York. Die Kommission beabsichtigt auch, eine längere Studienreise nach den südwestlichen Staaten zu unternehmen, um dort die AnsiedJungs- und Einwauderungsbedingungen für die über den südlichen Hafen Galveston kommenden jüdischen Einwanderer kennen zu lernen und geeignete Vorbereitungen für deren Niederlassung zu treffen. Ein weisser Rabe. Auf dem zweiten Deutschen Hochschullehrer tag, der am 28. und 29. v. M. in Jena versammelt war, nahm der Heidelberger National-Oekonom Prof. Alfred Weber Gelegenheit, die systematische Uebergehung der Juden bei der Besetzung von Universitäts-Lehrstühlen zu kennzeichnen. Er sagte: „Eine Menge von Lehrkräften wird aus bestimmten sozialen und, wie ich mit aller Schärfe unterstreichen muss, aus gewissen Rassenvorurteilen nicht in die Stellen befördert, die ihnen eigentlich gebühren würden. (Zustimmung.) Bei einer umfangreichen Neubesetzung der Lehrfächer in einer Fakultät ist kein einziger Jude berücksichtigt worden, obgleich diese die qualifieziertesten Bewerber waren. Sollen diese Akademiker der Guillotine verfallen und herausgeworfen werden? So sehr ich mit den sachlichen Gesichtspunkten des Prof. Kra epli n übereinstimme und so sehr diese geeignet sind, der Entartung der medizinischen Fakultät entgegenzutreten, so sehr muss ich den heutigen Zustand bekämpfen." Bekanntlich nennt sich Deutschland ein — Rechtsstaat! Wer hätte den Mut, dies zu bezweifeln. Trotz Assimilation wurden die Juden in der Provinz Posen, wie polnische Blätter melden, verdrängt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass mit der wirtschaftlichen Erstarkung des Polentums die Erwerbsmöglichkeiten sich verringern. A?i verschiedenen Orten sind die jüdischen Gemeinden bereits vollständig verschwunden. Kürzlich hat man die jüdische Gemeinde in Powidz, welche nur noch aus einer Familie bestand, aufgehoben und diese der jüdischen Gemeinde in Witkowo zugewiesen. Das Gleiche ist vor drei Jahren mit der jüdischen Gemeinde in Mielzyn geschehen, die nur aus einer alten Jüdin bestand. Gibt es koschere — Schweine? In der Stadt S z e n t e s soll ein neues Schlachthaus aufgeführt werden, da das alte baufällig und überdies im Räume beschränkt ist. Auf Frsuchen der Schweineschlächter hat nun der Vizegespan eine Verordnung erlassen, wonach bis zum Neuaufbau des Schlachthauses im Interesse des Schweineschlachtens eine mit sechs grossen Fenstern versehene Lokalität herzustellen ist mit sechs grosse,i Tischen und ebensovielen Kesseln. Nach einigen weiteren Verfügungen heisst es iii der Verordnung: Schliesslich fordere ich den Herrn Bürgermeister auf, auch für einen zur Aufarbeitung der nach jüdischem Ritus geschlachteten Sehweite dienenden Tisch Sorgtzu tragen." Eine Heuchelei. Min intt-i essanter Bcleidigungsproze.ss >l>u ium< h jungst vor dem Si hoffengericht in Lahr ab. Anl;i-kl.i;_;t uai der Rentier Josef Kaufmann aus Lahr wegen Beleidig mig ilcs Hauptmanns \. Denicke \ om Inf.-Regt. .Nr. 169. Der Angeklagte halte behauptet, der Hauptmann habe einen Kinjährigen Dre\fuss seines israelitischen Glaubens wegen, bei seiner Beförderung übergangen. Die Anklage wurde auf Antrag Regimenter erheben. Die Verteidigung des Angeklagten lag 111 den Händen des Rec htsanwalts Dr. I-rank Mannheim. In der Beweisaufnahme -gab der als Zeuge einvernommene Oberst v. Randow auf lief lagen des Verteidigers zu, dass im Laute ue> letzten Jahres eine kaiserliche Kabinettsinder durch den Kricgsminister den Regimentern zur Kenntnis gebracht worden -ei. m de. bestimmt wird, dass bei militärischen Beförderungen keinerlei Iriterschiede zwischen den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen gemacht weiden dürfe. Kr — der ' »beist fasse tliese 'Kabmettsorder so auf. dass sich diese (bder nicht nur auf 'die Beförderung von Katholiken und l'rot<-stauten, -s .ndeni auch auf die Beförderung von Juden beziehe, und er fühle sieh s-'lnvcr beleidigt, wenn ihm jemand den Vorwurf mache, dass er einer Allerhöchsten Kabinetts- M<ler zuwiderhandle. Das l'rteil des Gerichts lautete auf;o M a 1 k G e 1 d s t r a f e. Der Prozess ist vor allem deshalb \ >n Bedeutung, weil in ihm zum eisten Male authentisch die K\i>icn/ der Kaiserlichen Kabinettsorder beueffend die glciehinassige Heiücksi "htigung aller Konfessionen bei militärischen Beförderungen festgestellt worden ist. Trotzdem ist diese Verurteilung" nichts anderes als eine Heuchelei. Die Offiziers- Korps missachten die kaiserliche Kabinettsorder, aber das zu behaupten ist eine Flu enbeleidigung. „Naphtali. Abraham und Konstantin.'' l'nter dieser l'eberscln ift lesen wir in der Nürnberger ..Fränkis hen Tagespost": ..Der Magistrat hatte sich mit einigen Gesuchen von Herren zu beschäftigen, die mit den ihnen von ihren Vätern verliehenen Vornani'cr. nicht zufrieden sind. Kin Herr, der den gewiss nicht nur ehrwürdigen, sondern auch s-bön klingenden Namen des Ki/\aters Abraham führt, bat um die Erlaubnis, sich Adolf nennen zu dürfen. Kin anderer mit dem Namen Naphtalis, eines der zwölf Sohne des dritten Erzvaters Jakob, will si<"h in Zukunft als Norbert ansprechen lassen, und ein dritter möchte /war semen biblischen Namen Joseph behalten, dazu aber noch den stolzen Namen Konstantin annehmen. Der Magistrat genehmigte diese drei Gestt h ■: da aber die Namensänderung ein Luxus ist. müssen die .neugebackenen Adolf. Norbert und Konstantin erst Stii k für Sun k einen Zehnerfuchsen springen lassen, ehe aie si'h im Glanz ihrer neuen Namen sonnen dürfen. Die Preisfestsetzung des Magistrats seheint iuris etwas mangelhaft; da nicht ein Name -'s > schön klingt als wie der andere, müsst -n auch die Fi eise dementsprechend verschieden sein. Nach gesetzlicher Bestimmung kann der Magistrat für Namensänderungen eine Gebühr v >n 2 bis 50 Mk. verlangen. Ks empfiehlt si h dabei die Aufstellung eines Tarifes. der die Gebühren nach dem Wohlklang der Namen abstuft. Für so schöne Namen wie Norbert und Konstantin müsste unbedingt die Höchstgebühr verlangt werden, wahrend für den simplen Adolf ein Breis \on 10 Mk. als angemessen gelten kann."

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