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Neue Nationalzeitung · 1908-10-16 · Heft 41 (16.10.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 41 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite S. sonst in anderen Fragen ganz nüchtern urteilt; der imstande ist, seine Gedanken klar auszudrücken und sich selten zu wiederholen. Kaum ist er aber aufs Judenthema gekommen, so finden Sie in jeder Zeile das stetig wiederkehrende Wort ,Jude". Gen:iu so wie jene Dirne mit ihrem Gesehimpf . . . Schwer lässt sich ein besseres Gleichnis für (unsere (verzeihen Sie: es ekelt mich, sogar dies Wort auszusprechen) ,,judenfressende" Literatur finden. Aber die Aehinlichkeit geht noch weiter. Es gibt Menschen, die zweifellos krank sind und später auch einmal in ärztliche Behandlung kommen — in diesen Menschen entwickelt sich aus der Schamlosigkeit eine besondere Art der verfeinerten Wollust. Das ist einer der T\pen der Sodomssünde. Diese Menschen erkennen einander an einer besonderen Art des Augenaufschlages, an einem besonderen Lächeln, einem Zusammenziehen der Br uien, und haben sie einander erkannt, so vergnügen sie sich mit Schamlosigkeiten, die ihre Seele und die Reinheit der Seele vernichten. So sind auch die Antisemiten. Auch sie erkennen einander an einem nur ihnen eigenen sonderbaren Lächeln, das von Niederträchtigkeit und gekünsteltem Schmerz strotzt; sie erkennen einander an einem Kopfnicken, einem Zusammenziehen der Brauen - besonders aber, wenn sie neben einem Juden stehen . . . da zeigen sie die Schamlosigkeit ihrer Seelen und stossen den geliebten Laut hervor — sie bilden aus dem geliebten Wort Zeit-, Haupt- und Eigenschaftswörter: jüdisch", .Judenkcrl" usw. Was sie aber dabei über Politik, Volkswirtschaft, Geschichte, Religion... über Weltherrschaft, das Kahalaregime sprechen - das ajles Juait gar keine Bedeutung: das ist nur das äussere Gewand, jener Stoff, womit man schnell verderbende Früchte bestreut. Die Hauptsache aber ist der Kern, der Kern, den sie saugen und schmatzen und ein unendliches Wonnegefühl gibt ihnen das Essen dieses Kernes. Ich hatte Gelegenheit, auf Dampfschiffen und in Eisenbahnwagen manchmal stundenlang derartige Reden anzuhören und staunte geradezu über die Armut dieses Themas und seine Eintönigkeit .... ich staunte über jenes sonderbare Aufkreischen und Gelächter, die derartige „Gespräche" begleiten. Merkwürdig ähnelt dieses Gelächter und Aufkreischen dem wüsten Zeitvertreib einer zechenden Gesellschaft, wo Männer und Frauen im grobem Zynismus sich ergötzend, mit wollüstigem Behagen in diesem klebrigen Teig der Geistesfäulnis herumtreten. Und ebenso wie in jener Gesellschaft werden auch hier dumme Anekdoten und zynische Gebärdenspiele vorgeführt. Ich spiele nicht mit Gleichnissen und will auch nicht die Analogie in allen Einzelheiten durchführen ich will nur den zweifellos richtigen Gedanken beweisen, dass der Antisemitismus ein krankhaftes, schmachvolles Gefühl ist und dass er unter jenen Völkern und zu jenen Zeiten beobachtet wird und seine reichsten Früchte trägt, wenn die schmutzige Welle des Lasters die Geister und Herzen der Menschen verfinstert. So war es in Aegypten, Rom mit seinen geschlechtlichen Perversitäten; beim Mönchstum und den Päpsten mit ihren Sodomssünden; so war es in Frankreich mit seinem Sadismus und den anderen Schmutzereien - und so ist es auch bei uns: verfault die Grundlagen, vermodert die oberen Schichten die Stickluft der Hölle kommt von dort und die Perversität der Leidenschaft nimmt dieselben hässlichen und ekelhaften Formen an, wie bei den Alten. Nur dadurch erklärt sich die Tatsache, dass die Antisemiten sich ausschliesslich aus diesen Kreisen rekrutieren. Von hier aus fliesst diese stinkende Brühe und vergiftet das Tal des Volkslebens vergiftet es so, wie die Eingebung von Fabriken durch Abfälle und Abwässer verpestet wird. Der Antisemitismus ist dem Volksempfinden fremd, fremd wie jede Perversität - - der Antisemitismus kommt nur von oben her, wo die Menschen dem Sumpfe gleichen .... Unter allen Schamlosigkeiten ist der Antisemitismus die allerekclhafteste und höllischste Erscheinung. Hier findet man alles: die Galle des Hasses, den Geifer der Tollwut, das Lächeln des Verrats und alles, was das niedrigste der Menschcnseele aus sich zeugen kann. 'Mögen sie nur nicht sagen, dass die Juden anders als sie geartet sind, dass ihr Leben, ihr Glauben, ihr Handeln das Gefühl des Antisemitismus hervorrufen nein! Der Antisemitismus vom reinsten Blute trägt nicht nach der Schuld und denkt auch gar nicht an sie. Der Antisemitismus ist nichts anderes, als eine Neigung zum Bösen. Sehr offen sprach sich darüber Kaiser Hadrian aus. Junes Tages begegnete grüsste ihn. ..Wer bist Du :" fragte „Ich bin Jude!" ,,Jude! End du wagst es mich zu grüssen. wäre ich Dein Bekannter . . . Tötet ihn!" . . . Ein anderesmal ging wiederum ein Jude, der von diesem Vorfall gehört hatte, an dem Kaiser vorbei, ohne ihn zu grüssen. ,,Wer bist Du?" hielt ihn Hadrian an. „Jude!" „Jude bist Du . . . und Du wagst es. ohne Gruss an mir vorüberzugehen? . . . Tötet ihn!" . . . Als das Gefolge des Kaisers dem Monarchen vorsichtig das Erstaunen darüber ausdrückte, sagte Hadrian ohne Umschweife: ,.Ich hasse die Juden und benütze jede Gelegenheit, um sie zu vernichten . . ." Und so sind auch alle Antisemiten. Wohin führen uns nun diese von finsteren Neigungen befallenen Menschen in welchen Abgrund stossen sie uns . . . welch einen Zerfall des Landes bereiten sie vor der Wahnsinn schreitet weiter und ergreift grosse Kreise. Weder V olksaufständc, noch feindliche Armeen richten Völker und Länder zugrunde: sondern der Zerfall der inneren Kraft und die Umnachtung der seelischen Reinheit das ist's, was Völker, Länder und Staaten zugrunde richtet und vorn Erdboden hinwegfegt. Menschen! möchte man allen zurufen - was tut ihr. weshalb vermehrt lhr Lurc Gesetzlosigkeiten und weshalb werdet Ihr durch unerhörte Griusamkeit gegen Euro Nächsten zu Mithelfern des Schicksals Zornes, und weshalb bringt Ihr diesen Zorn gegen Euer eigenes Leben auf : Dieses unermessliche Land, das bis jetzt als unerschütterlich, kolossal und ewig gilt, ist durch ihm ein Jude der Kaiser. und als

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