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Neue Nationalzeitung · 1908-10-09 · Heft 40 (9.10.1908) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40. „Neue National-Zeitung" Seite 11 TT p®eui •BRUNO LESSING: ©er grösste §chnuitzian. (Aus dem Englischen übersetzt von Ida P o 11 a k.) (Fortsetzung.) Die beiden Männer starrten mit verdutzten Gesichtern bald auf .Rosenheim, bald einer auf den anderen, und als ihnen die volle Bedeutung der Sache aufdämmerte, umarmten sie ihn gleichzeitig. „Engelsmann!" rief Fischlowitz. „Ich sagte immer, Sie haben ein edles Herz!" „Teuerer Freund!" murmelte Rosnofsky. „Sie müssen sich in acht nehmen. Ich werde Ihnen ein Glas Portwein bestellen." Rosenheim trank den Portwein. Er liebte Port- Avein wie eine Katze Milch liebt. Dann zeigte er ihnen sein Testament, in welchem ihre Namen an der richtigen Stelle eingesetzt waren. „Eines ist noch notwendig," sagte er. „Ein Testament muss Exekutoren haben, die darauf sehen, dass es richtig vollstreckt werde. Wen möchtet Ihr als Exekutoren haben? Sagt mir die Namen von zwei Leuten. Jeder von ihnen wird für seine Mühe etwas Geld bekommen." „Können wir nicht die Exekutoren sein?" fragte Fischlowitz. „Warum soll man das Geld hinauswerfen!" Rosenheim schüttelte den Kopf. „Es müssen andere Leute sein," sagte er. . „Gut," sagte Rosnofsky nach' einem Augenblick des Nachdenkens, ,.Sie können als einen, Meyer, meinen Schwager, hinschreiben." ,,Und Sammy Green bürg, meinen Onkel, als den anderen," sagte Fischlowitz. Die Namen wurden eingeschaltet, ein paar Kellner dienten als Zeugen, und das Testament wurde Rosnofsky übergeben, damit er es in seiner Kasse aufbewahre. ..Jetzt." sagte Fischlowitz „kommt Ihr alle zu mir, und wir feiern die Sache bei Champagner." „Eines vergass ich," sagte Rosen heim auf dem Wege zu Fischlowitz's Hause. „Es muss geheim bleiben. Wenn unsere Freunde davon hören, werden sie sich gekränkt fühlen, und dann müsste ich vielleicht das Testament ändern und ihnen auch et Avas hinterlassen." „Rosenheim," schworen sie beide, „es ist das Geheimnis unseres Lebens." Während der folgenden Monate dinierte Rosenheim abwechselnd in den Häusern der beiden Legatare. Er wurde dick und fröhlich. Niemals hatte es einen so jovialen Gesellschafter gegeben als Rosenheim. Er war in der talmudischen Lehre gut bewandert und konnte stundenlang unterhaltende Geschichten erzählen. Das Weibervolk hörte ihm besonders gerne zu. Und am Abend, in Fuchs's Kaffeehaus, wetteiferten Fischlowitz und Rosnofsky miteinander, Rosenheim gute Dinge zum Essen und Trinken zu kaufen. Eines Tages erkältete sich Rosnofsky und schickte um den Arzt. „Hm!" sagte der Doktor, }, Warum nehmen Sie sich nicht besser im acht? Da ist zum Beispiel Rosenheim. Er ist ein Mann, der weiss, wie er sielt halten soll. Er erkältet sich niemals. Folgen Sie seinem Beispiel, und Sie werden niemals krank sein." Während der Doktor etwas verschrieb, dachte Rosnofsky nach. „Ist Rosenheim ein sehr gesunder Mann?" fragte er schliesslich. „Gesund? Der Mann kann hundert Jahre alt werden!" Diesen ganzen Nachmittag dachte Rosnofsky nach, Abends schickte er um Fischlowitz. t.Schauen Sie her, Fischlowitz," platzte er in dem Augenblicke, als der Letztere das Zimmer betrat, her ms. wie lange wollen wir dieses Rosenheim-Geschäft noch weiter treiben?" „Welches Geschäft?" fragte Fischlowitz. „Nu. ihn zu füttern und ihm Sachen zum Fsscn und Trinken zu kaufen. Wissen Sie, dass wir beide ihn erhalten? Der alte Geizhals hat seit dem Tage, an dem er sein Testament gemacht hat, keinen Cent ausgegeben, und heute sagt mein Doktor, er kann hundert Jahre alt werden. Wir werden vor ihm tot sein." Dann dachte Fischlowitz eine Zeitlang nach. „Hat Ihr Doktor das wirklich gesagt?" fragte er schliesslich. 1 „Gewiss. Er sagte, Rosenheim ist der gesündeste Mensch, den er jemals gesehen hat." „Hm!" sagte Fischlowitz, ^ich glaube, Sie haben recht." Rosenheim kam zur Zeit des Abendessens in Fischlowitz's Haus. „Was!" rief Fischlowitz aus, vhaben Sie schon zu Nacht gegessen?" „Nein," sagte Rosenheim erstaunt. „Ich dachte, ich würde heute Abend mit Ihnen essen." Fischlowitz schüttelte den Kopf. „Es ist so schade!" sagte er. Wir haben heute Abend kein Nachtmahl. Es ist der Jahrestag vom .Tode meines Grossvaters, und desh alb faste ich." Rosenheim's Gesicht wurde lang, aber im nächsten Moment kehrte seine gute Laune zurück. „Haben Sie keine Angst," sagte er beruhigend, „ich werde mit Rosnofsky essen. Hab' ich Ihnen erzählt, dass morgen mein Geburtstag ist?" „Was Sie nicht sagen! Tausend Gratulationen! Sie sollen noch hundert Jahre leben!" Rosenheim schüttelte traurig den Kopf. „Ich fühle mich gar nicht wohl. Ich esse zu viel. Der Djoktor sagt, je mehr ich esse, desto früher sterbe ich." Fischlowitz starrte abwesend auf die Wand. „Ich brauche einen neuen Hut," sagte Rosenheim. Ich trage Nummer sieben. Also, gute Nacht. Ich sehe Sie ja morgen." Er fand Rosnofsky daheim sitzend, die Füsse in einem Kübel heissen Wassers. „Armer, lieber Rosnofsky, ich bedauere so, Sie krank zu sehen. Ich bin gekommen, um den Abend mit Ihnen zu verbringen, und wenn Sie wollen, werde ich Ihnen nach dem Nachtmahl vorlesen." (Schluss folut)

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