Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425762--1063-2427393- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12. Samuel flipszenbergs gelbstporträt. Ueber den un» leider so jäh entrisseneu echt nationalen Künstler schreibt der bekannte Radirer und Führer der Misrachisten, Hermann Struck, in der „Jüdischen Presse". „So hoffnungsfroh und voll ungeduldigen Tatendranges zog er hinaus — und nun ruht er schon als ein stiller Mann im geweihten Boden des so heissgeliebten heiligen Landes! Ich liebte den Freund, den teuren und verehrten Kollegen als Mensch und Künstler gleich innig. War er doch eine seltene vornehme, stille und feine Natur, was wir so treffend einen „seidenen" Menschen nennen, und ein tiefempfindender, echt jüdisch fühlender und gestaltender Künstler! Er war einer von den ganz Wenigen, auf die man das soviel missbrauchte Wort von der „jüdischen Kunst" wirklich anwenden durfte; denn seine Werke sind wahrhaft jüdisch empfunden und geschaffen. Immer wenn ich an Hirszenberg denke, ersteht vor meinem Auge sein monamentales Meisterwerk „Golus"*). Dieser über ein ödes, unermessliches Schneefeld wandernde Zug vertriebener Juden musste Jeden, der davor stand, zu Tränen rühren. Diese vom unsichtbaren Schicksal vorwärtsgetriebene Masse von Menschen,von denen Niemand weiss, wohin der Weg führt, die dumpf resigniert vorwärts schreiten, lautlos über den weichen Schnee — sie ist das ergreifende Symbol des in der Verbannung umherirrenden jüdischen Volkes, das erst im heiligen Lande den Wanderstab aur Ruhe setzen wird. Unter den Figuren rechts am Band des Bildes finden wir Hirszenberg selbst. Trotz der allzu kurzen Zeit seiner Tätigkeit gelang es ihm, den „Bezalel14 auf ein höheres Niveau zu heben und Saaten auszustreuen, die jetzt bereits zu schönen Früchten reifen. Die Werke jüdischer Künstler, wie Josef Israels und Hirszenberg, haben meist etwas Trauriges und Verhaltenes; wenn nach Erfüllung unserer Sehnsucht das jüdische Volk erst wieder im eigenen Lande lebt, dann wird auch seine Kunst kraftvoll und freudig erblühen. Und immerdar wird das Andenken Hirszenbergs als eines der ersten Pioniere in unserem dankbaren Herzen lebendig bleiben." Unser Mitarbeiter Max Schacherl widmet dem Verstorbenen in der „Vossischen Zeitung" einen warm empfundenen Nachruf und charakterisiert ihn in nachstehender Weise: „Hirszenbergs Kunst war von einer realistischen Auffassung durchdrungen, die niemals eine Spur des Kleinlichen an sich hatte. Sein stetes Thema war die Gedrücktheit, die Enge des modernen Ghettos und da» Leid seinerMitmenschen. Vielleicht lag es an diesen spröden Themen, dass Hirszenberg niemals mit Sorgen und Existenzkämpfen völlig verschont blieb, wenngleich es an Auszeichnungen und Ehrungen nicht fehlte." *) Dieses Bild wurde in der Nr. 4 diesig Jahrgangts von uns reproduziert. ^eftschriftefi-ftufidschau. Der Zionismus und die Türkei. In der letzten 'Nummer der „Neue Zeit" von Kautsky behandelt M. Beer sehr ausführlich ,,I)ie Türkei als konstitutionelles Reirh". Der Verfasser zieht u. a. auch nachstellenden Schluss: ..Eine Nebenwirkung des Sieges der Jungtürken wird wahrscheinlich ein Wiederaufleben der zionistischen Bewegung sein, da eine konstitutionelle 'Türkei dem Gedanken einer jüdischen Kolonisation Palästinas günstiger gestimmt sein wird. Die Jungtürken werden ohne Zweifel den finanziellen und journalistischen Einfluss der Juden für sich zu gewinnen suchen." Dass ein Sozialdemokrat vom Zionismus spricht, ohne dabei zu schimpfen, kann nur in — Deutschland vorkommen. Vom „Bezalel". Die letzte Nummer 'der Monatsschrift „Palästina'* erscheint als Spezialnummer „Bezalel". Dieselbe ist sehr reichhaltig und enthält auch einige schöne Illustrationen des Bezalel- Schülcrs J. Stark. ' Der erste Artikel ist von Hermann Struck „Wer ^ar Bezalel?". Dann folgen Aufsätze von J. Kantoren w i c z, Prof. S c h a t z. Ernst Müller, der Abdruck eines Artikels aus der ..Neu m National-Zeitung", die sich alle mit der Einrichtung und den Aufgaben des Bezalcls beschäftigen. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Artikel von Schatz: ..Das jüdisiin- Museum'", der in einen Appell ausklingt: „Es ist erst das zweite Jahr, seit unser Museum existiert. Spezielle Mittel haben wir für dasselbe nicht gehabt und besitzen leider auch jetzt sehr wenig, sehr wenig für so eine Zentrale wie Jerusalem und für uns Juden, die wir so viele Künstler und Sammler haben. Unter den 58 Herren, die dem Museum Geschenke gegeben haben, befinden sich nur 10 vom Auslande. Ich glaube aber, dass unsere Brüder in der Diaspora nur darum da* Museum nicht unterstützt haben, weil sie es nicht kannten. Ich selbst wollte bis jetzt vom Auslande fürs Museum nichts verlangen, weil ich das Zutrauen gewinnen, wollte, indem man sehen sollte, dass wir auch ohne Mittel den schweren Anfang gemacht "haben. Helft uns jetzt, dies vergrössern zu können! Mann muss in einem Orte alles, was der jüdische Genius geschaffen hat, aufbewahren. Wir brauchen G^-kl, um alle Gelegenheiten, wertvolle Gegenstände, Antiquitäten, Kunst und Naturalien aus Palästina aufzukaufen und sie nicht in fremde Museen kommen zu lassen wie bisher. Unsere Künstler sollen uns Kunstarbeiten schicken, welche unseren Schülern als Modelle nützen, den Gesclnnack der Jugend ausbilden und dem Volke Ehre bringen, werden. Wir müssen ,in 'der Entwicklung des Bezalelmuseums wie in der des „Bezalel" selbst die Ehre des Volkes sehen. In allen Museen der Welt findet man Namen jüdischer Spender und unter den 'grössten Künstlern der Welt sind Juden bekannt. Vergesst auch inicht, Künstler und Amateure, unseres alten Vaterlandes und helft dem Bezalelmuseum sich weiter zu entwickeln."