Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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fcr. 40. „Neue National-Zeitung'* Seite 0. ständig eingedrückt wurde. Tätliche Verletzungen erlitten ausserdem noch eine Frau Moriz Vigdorovits, ein gewisser Elias Slomovits, der Restaurateur Jakob Fisch und der Kaufmann Simon Fischer. Die meisten der Verletzten waren vom Ei'stickungstode bedroht und konnten von den Aerzten nur mit schwerer Mühe gerettet werden. Auch viele Frauen haben schwere Verletzungen erlitten, da zahlreiche von ihnen von den Galerien herabsprangen. Die Behörde hat unverzüglich eine eingehende Untersuchung eingeleitet, um festzustellen, wen die Schuld an der Katastrophe trifft, doch ist die Untersuchung bisher resultatlos verlaufen. Der orthodoxe Tempel ist übrigens ein altes, morsches Gebäude, und Rabbiner Teitclbaum. sowie der Präsident der israelitischen Gemeinde "haben mit Rücksicht auf diesen Unistand die reformierte Kirchengemeinde um Ueberlassung der Turnhalle des reformierten Gymnasiums für die Festtage ersucht, doch wurde diesem Ersuchen nicht Folge geleistet. f&panlfwicli. Eine jüdische Deputation beim türkischen Botschafter. Paris, den 2Q. September. Gestern hat sich eine aus den Herren N. Leven, Solomon R e i n a c h , Eugene See und Jacques B i - gart bestehende Abordnung zu Naoum Pascha, dem neuen türkischen Gesandten in Paris, begeben, um ihn im Namen der Alliance Israelite Universelle zu begrüssen. Naoum Pascha bereitete der Abordnung freundlichsten Empfang und dankte ihr herzlich für die Bewillkommung. Er wisse die Dienste zu schätzen, die die Alliance Israelite Universelle der Türkei geleistet habe, indem sie dort Unterrichtsanstalten schuf und den Gedanken des Fortschrittes verbreite. Der Alliance Israelite Universelle sei es zuzuschreiben, dass die Israeliten der Türkei an der Erneuerung des Landes teilhaben können, die im ganzen ottom-Anischen Reich so grosse Begeisterung erweckt hat. Der Präsident der Alliance, Herr Leven, erinnerte in seiner Erwiderung daran, dass die Türkei die Israeliten während«ines schmerzlichen! Abschnitts ihrer Geschichte mit herzlicher Teilnahme aufgenommen und ihnen seitdem zahlreiche Zeugnisse ihres Gerechtigkeitssinnes gegeben habe. In allen Schulen der Alliance lernen die Kinder ihr Vaterland lieben und ihm treu dienen. Jetzt, da sie zurBetätigung im öffentlichen Leben aufgefordert sind, werden sie ihre Bürgerpflicht zu erfüllen wiesen. \)mini$te Staaten. Jugendliche Sträflinge in Amerika. New-Yerk, Mitte September. Am 30. August versammelten sich am East Broadway }\i mehr als 500 von den 900 Organisationen, welche Zweige der Fedejation of Jeuish Organisation bilden und besprachen Mittel und Wege, um die Lage jugendlicher jüdischer Verbrecher und Sträflinge zu verbessern, und auch einen Ausweg zu finden, wie den Kindern ein Halt zu bieten sei, bevor sie der Versuchung verfallen und von den Behörden aufgegriffen werden. Die Versammlung beschloss einmütig, dass etwas getan werden müsse, um für jüdische Knaben und Mädchen, die das Gesetz übertreten haben und jetzt in Besserungsanstalten, sind, zu sorgen. William Mitchell, Superintendent der Young Men's Hebrcw Association, wurde gewählt, den Plan in die Tat umzusetzen. Nach den Angaben Herrn Mitchell's befinden sich gegenwärtig einige hundert jüdische Kinder in katholischen und protestantischen Besserungs-Anstalten. Seine Idee ist es, dass die Juden sich zusammentun und eigene Institute schaffen sollten, wo diese Kinder von Männern und Frauen ihrer eigenen Rasse und Religion aufgenommen und gebessert werden. „Diese Institute," sagte Herr Mitchell in der Versammlung, ,,welche von Männern und Frauen katholischen und protoktantischen Glaubens geleitet werden, tun den kleinen Knaben und Mädchen, die irregingen, ungemein viel Gutes, aber unglücklicherweise sind eine grosse Anzahl dieser Kinder, die auf unrechte Wege geraten sind, jüdische Knaben und Mädchen, und es ist unsere Ehrenpflicht, hier etwas zu tun. „Vor zwei Jahren gab es in der katholischen Schutz- Station 200 jüdische Kinder. Den luden kam ihre Pflicht in dieser Angelegenheit zum Bewusstsein. und sie errichteten ein© jüdische Schutz-Station, welche jene Knaben und Mädchen aus dem katholischen Institute herausnahmen und sie in eines ihres eigenen Glaubens gaben. Diese Anstalt kann aber nur 200 Kinder aufnehmen, und es ist bekannt, dass sich noch wenigstens 300 verbrecherische jüdische 'Knaben und Mädchen in Instituten, die von andersgläubigen Frauen und Männern geleitet werden, befinden. „Es ist keine Frage, dass die Juden stark genug sind, für ihre eigenen Verbrecher zu sorgen, und es ist unsere Pflicht, das zu tun. Wir müssen unsere guten (Männer und Frauen dafür interessieren, dieses Werk in die Hand zu nehmen. Wir wissen alle, wie leicht ein Knabe oder Mädchen in New York durch irgend eine kleine Febertretung in Unannehmlichkeiten geraten kann. Die Kinder-Richter sind wohl freundliche, gerechte Männer, die gerne den Knaben und Mädchen eine zweite Chance geben, aber in hunderten von Fällen sind sie gezwungen, die Verbrecher auf zwei oder drei Jahre in Besserungs-Anstalten zu schicken. „Hier aber beginnt unsere Aufgabe. Ein Knabe wird aus seinem East Side-Heim herausgenommen und in eine Besserungs- Anstalt geschickt. Der Junge hat in dieser Behausung unter East Side-Bedingungen gelebt, die Nahrung genossen, die seine. Eltern herbeischaffen konnten und vielleicht mit zwei oder drei Kindern in einem Bett geschlafen. Dieser Knabe kommt in eine Besserungs-Anstalt. Er findet einen Ort, der besser ist als sein eigenes Heim. Das Essen ist besser, er hat ein reines Bett für sich allein, und das Milieu ist anziehender. Er wird entlassen und geht nach Hause, aber das Heim hat sich für ihn geändert, und das Ende ist. dass er neuerlich dem Verbrechen in die Arme fällt. „Ich glaube, wir können diese Knaben und Mädchen retten, wenn unsere guten Männer und Frauen die Arbeit aufnehmen wollen. Wir leiden unter einem Zustande, für den wir nicht verantwortlich sind, doch die Allgemeinheit legt ihn uns zur Last, und da 'wir jetzt Gelegenheit haben, mit diesem Stigma der Juden aufzuräumen, müssen 'wir es tun. Ich murine diese grosse Organisation mit der Beratung eines Planes, wie diese Kleinen zu beschützen sejen, beschäftigt sehen. Ich schlage vor, dass jede der hier versammelten Organisationen einen Delegierten für eine General-Konferenz bestimmt, deren Aufgabe es sein soll, diesen beklagenswerten Zuständen abzuhelfen." Die Versammlung beschloss einstimmig, Mr. Mitchells Vorschlag auszuführen. flUCN UeiXtCiLEN Der erste jüdische Feldmarschall-Leutnant. Vor nicht langer Zeit ist Generalmajor Eduard Ritter von Schweitzer, der erste aktive jüdische Ccneralmajor der österreichisch-ungarischen Armee, in Pension getreten, da er jedes weitere Avancement vor sich verschlossen sah. Es ist nun erfreulich, dass sich jetzt der Kaiser veranlasst sah, Herrn von Schweitzer den Titel und Charakter eines k. u. k. Feldmarschall-Leutnants zu verleihen. Damit hat in Oesterreich ein Jude zum erstenmal eine Stufe in der militärischen Hierarchie erklommen, die bisher den Juden nur in Frankreich und Italien offenstand. Da mit der Charge des Feldmark hall-Leutnants die Ansprache Exzellenz" verbunden ist, so kann Herr von Schweitzer als die er s t c j ü d i s c h c Exzellenz in Oesterreich-Ungarn bezeichnet werden. In Gyöngyös geboren, trat Schweitzer im Jahre 1866 als einfacher Soldat in die Armee ein, kämpfte noch im selben Jahre in Böhmen, machte im Jahre 1878 die Okkupation von Bosnien mit, erhielt als Oberleutnant für besonderes tapferes Verhalten den Orden der Eisernen Krone III. Klasse mit der K r i e gs d e ko r a t ion und wurde gleichzeitig in den erblichen Ritterstand erhoben.