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Neue Nationalzeitung · 1908-10-09 · Heft 40 (9.10.1908) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. iO. „Neue Natiönal-Zeiti*ig,s sten, mach denen ich mich seit meiner Emigration nach Amerika gesehnt habe. Man kann sich denken, welche Sensation dieser Artikel in Krakau gemacht hat." . . . * J. L. Perez über das Jiddisch. Der feine Lyriker, Juda Leib Perez aus Warschau, der im gesellschaftlichen V erkehr am liebsten polnisch spricht und durch seine europäischen Manieren den westeuropäischen Begriffen von einem jiddischen Dichter ganz widerspricht, sendet dem „Sozialdemokral" in Krakau über dessen Anfrage folgende schriftliche Antwort: „Jiddisch ist Icein deutsch. Die Ostjuden können nicht deutsch, und die Deutschen können nicht jiddisch. Dass das Jiddisch einst deutsch war, ist hier gar nicht massgebend; aus dem früheren Deutsch ist „datsch" und schliesslich jiddisch geworden. Dieses Jiddisch ist die Umgangssprache von 90 Prozent des jüdischen Volkes. Trotzdem ist es keine nationale Sprache. Denn eine nationale Sprache ist diejenige, die mit dem Volk geboren und entwickelt wird und die in sich einen ganzen, Kulturschatz des Volkes enthält, zu allen Zeiten und zu allen Orten. Meute leben wir uns faktisch in dreierlei Sprachen aus: Das Volk — in jiddisch; die halbassimilierte Intelligenz in den Landesprachen und die jüdische Intelligenz in der nationalen Sprache der Vergangenheit. Eine Nation darf aber nur eine nationale Sprache haben und nicht zwei oder drei. Welche Sprache soll nun unsere Nationalsprache der Zukunft sein? Die Landessprachen können es nicht sein, denn sie sind antinational, sie spalten unsere Nation in so viele Teile, in wie vielen Ländern wir wohnen. Die Annahme der Landessprachen wäre für uns das Todesurteil. Soll nun das Hebräisch unsere nationale Sprache sein? Das mechanische Wiederbeleben einer Sprache ist unmöglich. An tote Sprachen für eine lebende Nation glaube ich nicht. Es bleibt also nur hebräisch. Ohne die Landessprache haben wir wenig Kultur, ohne hebräisch keine Vergangenheit, ohne jiddisch kein Volk. Es muss daher die Volkssprache zur nationalen Sprache werden, es müssen in ihr soviel Kulturwerte geschaffen werden, dass sich der Kulturmensch auch hebräisch ausleben kann. In diese Sprache müssen alle Kulturgüter unserer Vergangenheit übertragen werden, damit sie zur Sprache der ganzen Kultur, unserer ganzen Nation zu allen Zeiten und auf allen Orten werde. Der Weg zur früheren einheitlichen, jüdischen Nation führt von der Volkszur Nationalsprache. Alle anderen Sprachen müssen für uns fremde Sprachen sein, die hebräische Sprache wieder die pietätvolle Vergangenheitssprache. Es ist dies ein schwerer, aber einziger Weg." 5fc Schalom Asch — insultiert. Der Kampf zwischen jiddisch und hebräisch hat leider an mehreren Orten sehr traurige Formen angenommen. Dies hatte jüngst der jiddische Dichter Schalom Asch am eigenen Leib zu spüren bekommen. Gerade er, der der jiddischen Sprache zu den grossen Erfolgen verhalf, indem er ihren Schöpfungen den WTeg zur deutschen Bühne eröffnete, wurde das Opfer eines Fanatismus, der wirklich einer besseren Sache wert wäre. Seit» t. Auf dem Wege durch Galizien im Interesse einer Propaganda für die Tendenzen der Czernowitzer Sprachenkonferenz sind Schalom Asch und J. L# Perez in Buczacz eingetroffen, um Vorträge abzuhalten. Nach den Vorlesungen folgte eine Diskussion, in welcher Asch gegen die Berechtigung der hebräischen Sprache polemisierte. Diese Ausführungen wurden von den anwesenden Zionisten unwillig aufgenommen und einer derselben, ein junger Akademiker, beschimpfte sogar Herrn Schalom Asch. In seiner Aufregung versetzte Asch dem jungen Mann eine Ohrfeige. Damit fand selbstverständlich der Abend ein vorzeitiges Ende. Auf dem Heimwege wurde Asch von diesem jungen Mann m e u 1 h I i 11 gs üb e 1 lallen, und mit einem Stock über d.is Hinterhaupt geschlagen. Dem Herrn Asch wird also diese Reise durch Galizien nicht in bester Eiinnerung bleiben. Es ist sehr traurig, wenn die nationale Begeisterung die jüdische Jugend zu solchen Roheiten verleitet. * Abgeordneter Daszynski für das Jiddisch! Man erinnert sich wohl noch, wie Abgeordneter Daszynski im vorigen Parlament anlässlich der Rede des Abgeordneten Dr. S t r a u c h e r für die Anerkennung der jüdischen Nationalität durch den Zwischenruf ,,Will man jiddische Gymnasien?" die jüdische Nationalbewegimg in das Lächerliche ziehen wollte. Herr Daszynski hat seitdem am eigenen Leib so manche Erfahrungen durchgemacht und aus diesen Erfahrungen auch gelernt. Er ist zur Leberzeugung gelangt, dass die jüdische- Nationalbewegung durch spöttische Bemerkungen nicht abgetan werden kann und dass das jüdische Volk für seine Nationalität und die jüdischen Volksmassen für ihre jüdische Sprache dasselbe Recht in Anspruch nehmen dürfen wie jede andere Nation. Wir freuen uns, diese Wandlung in den Anschauungen des Herrn Daszynski konstatieren zu können. Anlässlich einer Debatte im Krakauer Gemeinderat, welchem Herr Daszynski als Mitglied angehört, nahm er auch Gelegenheit, für das Recht der jüdischen Yolksmass;m auf die jiddische Sprache einzutreten. Er war der erste, der zu diesem Thema das Wort ergriff, wiewohl mehr als ein Dutzend Juden dem Krakauer Gemeinderat angehören, und bis auf Dr. Gross auch geschwiegen haben. Es handelte sich um folgenden Fall: Der Krakauer Gemeinderat hatte sich am 29. September 1908 mit einer Magistrats-Vorlage zu beschäftigen, welche eine ,.Theatersteuer", d. h. eine für wohltätige Zwecke geplante Besteuerung der Theatersitze bezweckt hat. Diese Steuer sollte 5 Prozent vom Eintrittspreise für polnische Vorstellungen und 10 Prozent für fremdartige Vorstellungen betragen. Zu diesen fremdartigen Vorstellungen sollten auch die jüdischen Theater gehören, die in Galizien zahlreich sind und die für die jüdischen Volksmassen Galiziens die einzige Stätte der Bildung und der Zerstreuung bedeuten. Diese ioprozentige Steuer würde also gerade für die jüdischen Theater, welche ausschliesslich von den jüdischen Proletariern besucht werden, eine schwere Last bedeuten. Es ist merkwürdig, dass sich

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