Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-10-09 · Heft 40 (9.10.1908) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425762--1054-2427384
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4a „Neue National-Zeitung'' s»iu l siedelte er nach London, und vor drei Jahren kam er nach Ncw- York, wo er von 'der gesamten Körperschaft der Schachspieler, welche weder nach 'Bekenntnis noch nach Land fragt, herzlich willkommen geheissen wurde. Er gewann die britische Championschaft und das darauffolgende Jahr diejenige der Vereinigten Staaten. Auch in den internationalen Tournieren: St. Petersburg (1895), Nürnberg (.1896), London (1899), Paris (1900) sicherte er sich den ersten Platz. Wie schon früher erwähnt, ist die ganze Schachwelt 'auf den Ausgang des Match zwischen L a s k e r und Tarrasch gespannt. *j Es würde den Raum dieser Ausführungen überschreiten, auf die jüdischen Anhänger des Spieles in den Vereinigten Staaten, von denen viele einer näheren Beschreibung würdig wären, einzugehen, es muss daher deren blosse Anführung genügen. Unter die Namen derjenigen, welche in der Achtung amerikanischer Spieler hochstehen, müssen vor allen die der Verstorbenen: Salomen Lipschütz aus New-York und Max J*udd**) aus St. Louis gestellt werden. Von denen, die noch in unserer Mitte weilen,! sind in erster Linie E. Delmar, der Veteran aus dem Manhattan Chess-Club. Dr. Jos. Jacobs (auch ein Spieler, der von England nach Westen gekommen) und Julius F i n n aus New-York, der Champion des Staates New- York, ein hervorragender Vertreter des Spieles mit verbundenen Augen, zu nennen. ©r. J$» §>. $)inl<us Bieter die zionistische ^ahresl<onferenz. Die Beschlüsse der letzten Jahreskonferenz in Köln werden nicht bloss vom Mitglied des Aktions- Komitees Ussischkin, sondern auch von Dr. Pinkus, Mitglied des zionistischen Landeskomitees der Schweiz, vom letzteren im Wilnaer „Hed-Hasman" einer sehr heftigen Kritik unterzogen. Dieselbe deckt sich stellenweise mit den drei Artikeln unseres Blattes „Zur Revision des politischen Zionismus". „Es unterliegt keinem Zweifel" schreibt Dr. Pinkus, „dass die Umwälzung in der 'Türkei den Zionismus und mit ihm das *) Das Match in München wurde inzwischen erledigt. Dr. Lasker siegte, indem er von 16 Partien 8 gewann, bloss 3 gewann Tarrasen, 5 wurden remis. Dr. Lasker hat die Weltmeisterschaft behalten. Die Redaktion. **) Derselbe hiess ursprünglich Tudkiewicz und stammt aus Krakau. Die Redaktion. jüdische Volk vor ein neues Problem gestellt hat. Hatte Herzl im Jahre 1903 von der Kongresstribüne in Basel erklärt, der Zionismus könne für längere Zeit keine befriedigende Resultate erwarten, so muss sich doch jetzt jeder vernünftige Mensch die Frage stellen: ob diese Zeit nicht bereits vorüber sei und ob die zionistische Bewegung jetzt nicht befriedigende Resultate zu erwarten berechtigt sei? Die Widerstände und die Hindernisse, die Herzl im Jahre 1903 vorschwebten, entsprachen der damaligen Lage des türkischen Reiches, das sich von auswärtigen Feinden umgeben sah, die von allen Seiten seine Existenz bedrohten und das selbstverständlich unter diesen Umständen es nicht zulassen konnte, dass sich ein neues fremdes Volk in den Grenzen seines Reiches niederlasse. Diese Sachlage Tiat sich nun total verändert. Die Türkei, innerlich gestärkt, kann sich jetzt dem Zionismus gegenüber ganz anders stellen als bis jetzt. Es ist nicht zu leugnen, — und kein Leitartikel der offiziellen Zeitung „Die Welt" wird das dementieren können, — dass die alte Politik des Zionismus zusammen mit dem Baseler Programm auf der Vorstellung von dem Herrscher als von dem ..Kranken Mann" beruhte. Welchen Sinn haben denn die einleitenden Worte des Baseler Programms: ,,öffentlich-rechtlich", wenn sie nicht das internationale Recht, d. h. die Garantie der Mächte bedeuten? Hatte nicht dieselbe zionistische Leitung, die jetzt in den Spalten der „Welt" den Juden empfiehlt, türkische Untertanen zu werden, von der Kungresstribüne mit besonderem Nachdruck davor gewarnt und den Mangel rechtlicher Garantien für die Juden speziell betont? Wie entblödet man sich jetzt nicht in Köln, uns zu versichern, dass trotz der Ereignisse in der Türkei kein Bedürfnis vorliege, das System der politischen Zionisten abzuändern? Den Begriff „öffentlich rechtlich" hatte man offiziellerseits nie anders gedeutet als ..international". Aber will man denn nach der jetzigen Türkei, die eine Konstitution eingeführt hat und zu der das Verhältnis Europas ein ganz anderes als früher geworden ist, so dass die fremden Regierungen ihre Intervent tionsgelüste selbst eindampfen und aus Mazedonien ihre Reformgendarmen ausrücken lassen, will man denn nach dieser Türkei mit dem alten Charterprogramm aus Herzl'scher Zeit kommen? Wir können weder der Kölner Leitung noch den Mitgliedern der letzten Jahreskonferenz eine solche politische Kurz- .sichtigkeit zumuten. Aber die Wahrheit muss ihnen offen gesagt werden: sie interessieren sich zu wenig für die neuen Verhältnisse, Vinter denen wir jetzt arbeiten müssen. Die schwache Resolution der Jahreskonferenz bringt ganz und gar nicht das richtige Verhältnis zu der Neuordnung in der Türkei zum Ausdruck. Wir haben beinahe den Eindruck, eine gewisse Unaufrichtigkeit in dieser Resolution zu spüren. Aber vielleicht wird man uns sagen, man sei vom demokratischen Standpunkte aus nicht imstande gewesen, das Verhältnis zur Neuordnung festzusetzen und zu proklamieren, weil man vor allem die öffentliche Meinung, wie sie sich im zionistischen Kongress verkörpert, anhören müsse. Aber warum habt Ihr tüchtigen Politiker nicht sofort einen Kongress einberufen? Ist nicht die Erteilung einer Konstitution an die 'Völker des Gesamtreiches, dessen Teil wir für unsere Heimat halten, der Anfang einer neuen Aera in unserer Bewegung? LTnd Ihr beschwert euch noch über den Indifferentisrnus, der in unserer Mitte herrscht, und über den Stumpfsinn der jüdischen Masse, der gleichgültig den zionistischen Ereignissen zusieht I Aber was ist denn das für eine Leitung, die ein so riesiges Ereignis wie das Erwachen des Orients zu neuem Leben nicht für ihre Ziele auszubeuten vermag? Warum benutzt man nicht diese günstige Zeit, um Funken von Begeisterung in den breiten Schienten der jüdischen Masse anzufachen? Auf der Jahreskonferenz diskutierte man über die Frage der Ortswahl für den nächsten Kongress. Und warum hat kein einziges Mitglied die Residenz jenes Landes genannt, dessen integraler Teil wir in der Zukunft zu werden hoffen? Wir können wirklich sagen, dass der grosse Moment ein Zwergengeschlecht gefunden hat. Jetzt und nur jetzt war es notwendig, im Yildizkiosk einen Besuch abzustatten. Unter den Völkerprozessionen, die das Haupt der ottomanischen Regierung wegen der neuen Verfassung begrüssten, durfte auch die Zionistische Organisation als Vertretung der zukünftigen Bürger und Bundesgenossen der neuen Türkei nicht fehlen. Eine zionistische Organisation, die wirklich von einem nationalen Geiste beseelt wäre, müsste unverzüglich in klarer Weise kundgeben, dass wir Zionisten uns als wahre Bundesgenossen des ottomanischen Reiches betrachten. Wenn Ihr Euch nicht für ermächtigt hieltet, ähnliches zu erklären, warum habt Ihr nicht einen Kongress einberufen? Hunderte von Fragen stehen auf der Tagesordnung und harren ihrer Lösung. Man möge sagen, was man wolle: der p o 1 i-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.