Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425762--1053-2427383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. „Neue National-Zeitung" Nr. 40. bloss der Antisemit, sondern auch der Jude, hat soviel Atavismus in sich, dass er auf einen anderen herabsehen, jemanden nassen und verachten, als den Sünden bock hinstellen will. Und so fanden sich unter den Wiener Advokaten solche, deren Väter in Mähren oder in Ungarn geboren waren, und sie hielten sich nun für berechtigt, die anderen, deren Väter in Galizien oder Bukowina zu Hause waren, in die Waden zu beissen. Um sich ohne jeden vernünftigen eirund zu erheben, haben sie die anderen herabgesetzt und ihre Ethik verdächtigt. Das Allertraurigste dabei war, dass sich aveh einige sehr „ethische" Herren fanden, die, wiewohl sie selbst in Galizien geboren waren, ja dort sogar ihr Universitätsstudium absolviert haben, plötzlich in Wien, um sich gesellschaftsfähig zu machen, wie echte Renegaten sich dem Kampfe gegen ihre engeren Landsleute anschlössen. Es war dies kein ehrlicher Kampf, sondern bloss ein Guerillakrieg, voll Insinuation, Hinterlist und Verdächtigung. Er bildete daher nur eine kurze Episode. Er war unvernünftig, ein Bruderkrieg ohne jeden Zweck. Die Gegner des Advokatenstandes wurden nicht besänftigt, wenn man ihnen die östlichen" als Opfer hinwarf. So stehen wir vor der Notwendigkeit, mit klarem Blicke die wirklichen Gründe der Advokaten- Notlage in Oesterreich prüfen und zugeben zu müssen, dass sie mit der Judenfrage enge verknüpft ist. Man muss aber den Mut haben, dieser Frage offen ins Antlitz zu sehen und die Konsequenzen zu ziehen. Man muss untersuchen, ob die Schwierigkeiten des Advokatenstandes entfallen, wenn der grosse Zuzug, der gleichzeitig ein jüdischer ist, von ihm fern gehalten wird. Und kommt man dann zu diesem Resultate, so muss man in entschiedener Form das Verlangen stellen, dass alle jene Schrankein beseitigt werden, durch die den jüdischen Studierenden bisher der Weg zu anderen Berufen versperrt war. Nach dieser Richtung müsste der Advokatentag wirken, wenn seine Arbeit auch vom praktischen Gesichtspunkte zu einem Resultate führen soll. Da nützt kein Versteckenspielen. Alle Achtung für die juristische Wissenschaft und für die wissenschaftliche Fortbildung des Advokatenstandes. Vor der „Standesehre" allen Respekt. Aber ein gebildeter, ideell veranlagter, von einem sozialen point d'honneur gehobener und von sozialen Pflichten erfüllter Advokatenstand kann nur dort bestehen, wo für sein wirtschaftliches Gedeihen und seine adäquaten Lebensansprüche eine Gewähr besteht. Das ist in Oesterreich nicht der Fall. Der Stand leidet neben der Ungunst der wirtschaftlichen Verhaltnisse an einer masslosen LT eberfüllung. Dass sich in erster Reihe Juden zu diesem Berufe drängen, ist kein Zufall, sondern eine notwendige Folge der durch die Regierung und ihre Organe unter Verletzung der Staatsgrundgesetze ausgebildeten Boykotts der jüdisch-akademischen Jugend. Hier müssten die jüdischen Advokaten, die sich am Advokatentag in den Vordergrund drängen, einsetzen, sie würden dadurch dem Judentum und dem Advokatenstand einen unschätzbaren Dienst leisten. Dr. S. R. Landau. Freunde und Gesinnungsgenossen! Verlanget in euren Gast- und Katfeehäusern die „NEUE NATIONAL-ZEITUNG". — ALBERT PORTER (New York) : ^Jüdische ^chachmatadofc. Anlässlich des in München bevorstehenden Schachwettkampfes zwischen Dr. E. I.askcr (New-York) und Dr. T a rrasch ^Nürnberg), wobei Dr. Lasker seine Weltmeisterschaft zu verteidigen haben wird, möge hier eines Ausführlichen der letzten Weltmeister gedacht werden, die alle ck-m Judentume angehörten. T o h a nnes Hermann Zuckertort (Lublin, Russ. Polen 1842 geb., London 1888 gest.), einer der brillantesten, Spieler der Welt, begann als Neunzehnjähriger in Breslau zu spielen. Er hatte die medizinische Karriere erwählt und diente 1866 und 1870—71 in der deutschen Armee. Zu Ende des deutsch französischen Krieges schlug er Andcrsscn, einen der stärksten Spieler des Tages, in einer kombinierten Partie. Als er 1872 London besuchte, um an einem Tournier teilzunehmen, gewann er von der Gastfreundschaft der Briten einen so günstigen Eindruck, dass 'er den Entsohluss fasste, sich bei ihnen niederzulassen. Ein Erfolg kam nach dem andern, und beim Londoner Internationalen Tournier 1883 errang er den erst e n Frei s. nachdem er sowohl S t e i n i t z als auch Blackbourne geschlagen hatte. I "nklugcrwcise forderte er Steinitz zu einer Partie von sieben Spielen in jeder der Städte: Xew-York, St. Louis und New-Orleans heraus. Er hatte seine Konstitution während der Londoner Tourniere durch den Gebrauch von Medikamenten untergraben, und Steinitz ging als glänzender Sieger aus der Partie hervor. Zuckertort spielte gerade im „Simpson'» Divan" in London, als er (Juni 1888) vom Schlage getroffen wurde und am nächsten Tage starb. Durch viele Jahre war er der Vertreter par excellence des Schachspieles mit verbundenen Augen. Wilhelm Steinitz. Welt-Champion von 1886—94 (geb. 1S66 in Prag, gest. 1900 in New-York), ist das bemerkenswerte Beispiel eines Mannes, ' der nahezu unüberwindliche Schwierigkeiten erfolgreich besiegt hat. Seine Eltern bestimmten ihn für das Rabbi n a t, aber er gab nicht eher nach, als bis sie ihm erlaubten, seiner Begabung für Mathematik zu folgen. Als er zum Studium nach Wien kam, war er so arm, (dass er das 'nötige Geld, welches ihm die Studien an der. Technik ermöglichen sollte, erst verdienen musste. Er wurde Reporter, aber infolge einer Erkrankung seiner Augen musste er diese Stellung aufgeben. Sein Vorwärtskommen war durch seine schwache Konstitution gehemmt. Er war leicht gelähmt, was ihn nötigte, in späteren Jahren einen Stock zu gebrauchen, und überdies kurzsichtig. Trotz all' dieser Hemmnisse behauptete er durch viele Jahre den ersten Platz in der Schachwelt. Als er zuerst zu spielen begann, hatte er so wenig Geld, dass er nicht einmal ein Schachbrett und ein Spiel Figuren kaufen konnte. Er nahm 'daher ein Stück bemalten Kattuns und schnitzte die Figuren aus Brennholz. Wie Zuckertort antwortete Steinitz auf das Willkomm, das ihm die Londoner boten, indem er sich bei ihnen niederliess. Seine zahlreichen Erfolge wurden *Vor verhältnismässig so kurz vergangener Zeit errungen, dass es überflüssig wäre, sie aufzuzählen: es genügt zu sagen, dass er während einer langen Reihe von Jahren niemals eine Partie unter glatten Bedingungen verlor. Von London übersiedelte er nach New-York. Dort spielte er seine denkwürdige Partie 'mit Lasker und verlor die Championschaft. Von diesem Schlage erholte sich seine stolze Natur niemals. Nachdem 'er in St. Petersburg eine zweite Partie an Lasker verloren, musste er in eine Nervenheilanstalt gebracht werden, und obwohl er 1899 an dem Londoner Tourniere teilnahm, erholte er sich niemals wieder vollständig. Dr. Emanuel Lasker (1868 in Berlin geboren) ist der gegenwärtige Welt-Champion. Wenn auch in vieler Hinsicht der reine Gegensatz seines Vorgängers, ist er jedoch ebenfalls seinem Zuge nach Westen gefolgt. 1892 über-