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Neue Nationalzeitung · 1908-10-09 · Heft 40 (9.10.1908) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NSUS NflCIONftL-ZBOUNG RBRflüSGBBER! örS.R.LNNO^ü:: X. JAHRGANG. ie WIEN, 9. OKTOBER 1908. \>erjudun$" des ^\d\'ol<atenstancles. (Zum Wiener Advokatentage) fjp. 40. Ohne Illusionen sieht der österreichische Advokatenstand dem Wiener Advokatentage entgegen. Er erhofft nichts, er erwartet nichts; zumindest nichts praktisches. Ks -werden wohl lehrreiche Vorträge gehalten, anregende Debatten geführt und wichtige Beschlüsse gefasst werden, man wird sich gegenseitig nähertreten und miteinander unterhalten, es wird höchstwahrscheinlich vor der Oeffentlichkcit das trostlose Bild des materiellen Niedergangs des Advokatenstandes entrollt werden, aber — es wird alles beim alten bleiben. . . . Die fallweise Berufung von Advokaten zum Richterstand, resp. zu Hof raten des Obersten Gerichtshofes, die Kinführung von mündlichen Verhandlungen an demselben in Angelegenheiten ziviler Natur, die Zulassung der Advokaten zu den Gewerbegerichten, die zeitgemässe Reform des Kurrcntien- Tarifs, eine staatliche Entlohnung der Advokaten für Ex-offo-Vertretungen und eine gerechte Verteilung der Kuratelen, wie sie bei den Konkursen platzg/eift, das wären die geeigneten Mittel, durch welche das Justiz-Ministerium eventuell in Verbindung mit dem Parlament die Advokaten zu einer materiellen Gesundung verhelfen könnte. Wenn es aber trotzdem nicht geschieht, wenn weder Justiz-Ministerium noch Parlament trotz der platonischen Versicherungen für irgendwelche advokatenfreundliche Reformen zu haben sind, so liegt der Grund hiefür einzig und allein darin, dass in der Advokatie das j üd i s c h e Element immer mehr überwiegt und sowohl die Regierung als auch das Parlament auf die den Juden feindlich gesinnte öffentliche Meinung, resp. deren parlamentarische Repräsentanz Rück - sieht nehmen müssen. Und da sehen wir eine merkwürdige Erscheinung. Während von antisemitischer Seite auf die Zunahme des jüdischen Elementes in der Advokatie immer energischer verwiesen und zur Bereitig'ung derselben sogar eine Lex Schmie! in Anregung gebracht wird, während die reservierte Haltung der Regierung dem Advokatenstande gegenüber die Folge jener antisemitischen Agitation ist, verhält sich die Advokatie nach dieser Richtung ganz apathisch. Die jüdische Majorität innerhalb des Advokaten- Standes weicht jeder Diskussion nach dieser Richtungaus, steckt den Kopf in den Sand und will keine Farbe bekennen. Statt zuzugeben, dass die Juden die Advokatie überfluten und durch diesen Massenzufluss eine ungesunde Konkurrenz schaffen, die den Standard of life und damit das ganze Ansehen des Advokatenstandes niederdrückt, statt dann in Konsequenz dieses Zugeständnisses den Ursachen dieser einseiligen Berufswahl nachzugehen und sie blosszulegen, wie sie da sind: Faktischer Ausschluss der Juden von den Staatsand Hofämtern, vom Auditoriat und vom militärärztlichen Stande — versuchen es die Wortführer der Advokatie, zumeist selbst Juden, über diese Frage, die eine eigene Behandlung* erfordert, mit ihren allgemeinen Wünschen hinwegzugehen. Sie wollen das Gespenst der Judenfrage, welches in der 'Advokatie herumspukt, absichtlich nicht sehen. Oder doch! Ich will den Pierren nicht ganz Unrecht tun. F^s hat auch einige Standes-Agitatoren gegeben, die in der Standesmisere den jüdischen Hintergrund gesehen haben. Sie waren zu vernünftig, um über denselben ganz hinwegzugehen, aber auch zu einseitig, um ihn gerecht zu würdigen. So entstand vor einigen Jahren unter den Wiener Advokaten die Agitation gegen die ,,ö s 11 i c h e n" A dvolcaten. Die Herren studierten nicht die Statistik, sondern mit Vorliebe die Geographie. Sie zählten nicht das jüdische Element unter den Advokaten, sondern das — östliche. Denn jeder Mensch, nicht

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