Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425761--1046-2427375- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S«k« 8. „Neue Nationäl-Zeitung" Nr. 89. der Ostgrenze, in Königsberg i. Pr., an den gleichfalls hohe Anforderungen gestellt werden, erhielt einen Zuschuss. GgMElNt>5=UN& VSRKiNSNWftRiUWW Wien. Der akademische Verein ,.Jüdis< 1h- Kultur" sendet uns nachstehenden Aufruf. Kommilitonen! Die Inskriptionen haben begonnen. Ihr dürfet und sollet die Nationale wahrheitsgetreu ausfüllen. Wahrheitsgetreu! Bis zum vorigen Jahre war es uns jüdisch redenden Studenten benommen, uns zu unserer Muttersprache zu bekennen. Unsere Nationale mit ,.jüdisch" als Muttersprache wurden zurückgewiesen. J>cr Rektor der Wiener Universität hat die Erklärung abgegeben, dass den jüdisch sprechenden Studenten gestattet sei. ihre wahre Muttersprache im Nationale zu bekennen. Kommilitonen! Gross war unsere l-'ivude über diesen Erfolg, aber grösser ist auch dadurch unsere Aufgabe geworden. Hüten wir uns. die Loyalität des Rektors der ersten österreichischen Universität und den mühselig iungenen Erfolg der jüdisch-nationalen Studentens« haft zu desavouieren! Die Zahl der ..jüdisch" Inskribierenden darf nicht um eins kleiner sein, als die wirkliche Zahl der jüdisch Redenden! Es ist ein Verbrechen, wenn ein jüdisch sprechender Akademiker als seine Muttersprache eine andere als die jüdische deklariert. Kommilitonen! Man verlangt von Luch die Wahrheit, und diese bei der Inskription zu sprechen, ist heilige nationale Pflicht! Akad. Verein .Jüdische Kultur" in Wien. 4us fliLCti weLtceucN Die Juden in Kanada. Vor kurzem wurde bekanntlich das 300jährige Jubiläum der Stadt Quebeck (Kanada) gefeiert. An den Feierlichkeiten haben sich auch die 30.000 Juden, die gegenwärtig in Kanada leben, beteiligt. Nach Kanada sind die Juden viel später gekommen, als nach den Vereinigten Staaten. Der erste Jude Ahron Hart war ein englischer Beamter und kam mit der siegreichen englischen Armee nach Kanada. Mit ihm zusammen kamen noch einige Juden, und nachdem diese sich ständig in Kanada niedergelassen hatten, begann dann allmählich eine jüdische Einwanderung nach Kanada. Die ersten jüdischen Einwanderer waren gleich wie in Kanada spanische und portugiesische JudeD, die mit Anglosachsen in die neue Welt gekommen sind. Das Judentum hat in den katholischromanischen Ländern sich niemals ruhig entwickeln können, in den spanischeu und französischen Kolonien war ihnen auch nie volle Ruhe gegönnt. Viel besser erging und ergeht es ihnen dort, wo sie unter englischer Obermacht stehen. Die Juden von Kanada hatten viel zu leiden, ehe ihnen die Gleichberechtigung gewährt wurde. Im Jahre 1807 wurde der Sohn des ersten jüdischen Einwanderers Hart in die Legislatur gewählt. Daraus entstand ein heftiger Streit darüber, ob ein Jude das Recht habe, in der gesetzgebenden Körperschaft zu sitzen oder nicht. Das war der Ausgangspunkt zu einem langjährigen heftigen politischen Kampfe zwischen den verschiedenen Parteien, der erst im Jahre 1831 mit der vollen Gleichberechtigung der Juden endete. Ein Denkmai in Bialystok. Der Rabbiner von Bialystok hat bei dem dortigen Generalgouverneur ein Gesuch eingereicht um Erlaubnis zur Errichtung eines Grabdenkmals für die während des grossen Pogroms ermordeten Opfer. Die Inschrift des Denkmals soll der hebräische Dichter Bialik verfassen. Tünche Hawmermann hat er einst geheissen. Jetzt nennt er sich Teofil Haiski, ist ein getaufter Jude, und hat Dank diesem Umstände jüngst unter zahlreichen jüdischen und christlichen Bewerbern die Stelle eines galizischen Landes-Veterinär-Inspektors vom Statthalter Bobrzynski erhalten. Gregory Brodsky in Kiew, der mit seinem jüngeren Bruder Josef, unter der Beschuldigung, zwei Huligans während des Kiewer Pogroms getödtet zu haben, in Strafuntersuchung steht, wird noch immer in Untersuchungshaft gehalten. Die Bemühungen des Vaters, des bekannten Millionärs, gegen bedeutende Kaution eine Enthaftung zu bewirken, sind fruchtlos. In den letzten Tagen wurde der junge Brodsky infolge ärztlichen Gutachtens in das Militär-Spital überführt. Dr. Hermann Fischer in Czernowitz, der vor einigen Monaten dieser Stadt 500.1-00 Kronen zur Errichtung eines Kinderspitals zur Verfügung gestellt hat, soll nun dafür in den Adelstand erhoben werden. Wir haben dama]s unser Erstaunen ausgedrückt, warum Dr. Fischer unter den heutigen Verhältnissen nicht ein jüdisches Kinderspital begründet hat. Nun erhalten wir die Antwort: Die Bukowinaer Landesregierung hat gewiss eine Stiftung „ohne Unterschied" verlangt. Und wenn Jemand für seine Spende eine Auszeichnung haben will, dann muss er sich eben fügen. Herr Dr. Fischer macht für jeden Fall ein besseres Geschäft als Herr Hans Reitzes. Dieser hat für seine halbe Million kaum einen — Franz Josefs- Orden bekommen. Der Kultus-Sekretär als .,Antisemit". Geber eine sehr merkwürdige Verhandlung wegen Ehrenbeleidigung berichten die Brünner Blätter. In derselben wurde dem Sekretär der dortigen Kultusgemeiudc, Dr. () p p e n h e i m, zur Last gelegt, einen armen Mann mit den Worten ..parchiger Jud" besehimpft zu haben. Dr. Oppenheim ist sonst ein durchaus zuverlässiger Beamter, er hat jedoch eine Schwäche, wie sie schliesslich jeder Staubgeborene hat, und diese besteht darin, dass er die Kultusgemeinde als ^seine" Gemeinde und ihr Eigentum als sein Eigentum betrachtet. Die Armen und Hilfsbedürftigen sind nicht gut auf ihn zu sprechen; um das Anwachsen des Gemeindevermögens besorgt, ist er gegenüber den Bitten der Armen und Notleidenden taub und stumm und ist durch nichts zu erweichen. Als er neulich wiederum einem einheimischen Armen kein Gehör und kein Almosen schenkte, wurde Bittsteller etwas zudringlicher, worauf der gewesene Rabbiner und gegenwärtige Sekretär ihn ,.parchiger Jud" titulierte. Diesmal kam er aber nicht an den Richtigen. Der also Beschimpfte ging zum Gericht und klagte den Sekretär der Kultusgemeinde wegen Ehrcnbeleidiguug an. Vor einigen Tagen fand nun die Verhandlung statt. Zunächst liess sich der Richter den schönen Ausdruck ..parchiger lud'" näher erklären und deutlich übersetzen. Dann ^begann die eigentliche Verhandlung, die sich keineswegs als Kiddusch-haschcm gestaltete und der Brünner Gemeinde und ihrem sparsamen Sekretär keineswegs zur Ehre gereicht. Es wurden Eule geleistet. Zeugen einvernommen und dabei konstatiert, dass Herr Dr. Oppenheim mit den Bettlern immer zu schreien pflegt, weil er nämlich nichts hergeben will. Die Verhandlung wurde zwecks Einvernahme weiterer Zeugen vertagt. End die Moral von der Geschichte? Wenn du schon einem Armen nichts gibst, dann beschimpfe ihn wenigstens nicht, und wenn du ihn schimpfst, dann bediene ilich nicht antisemitischer Sehimpfworte und schimpfe nicht: „parchiger Jud". wenn du selber Jude bist und jüdisches Brot isst. Der Aufschwung in Palästina. Darüber schreibt in der ,.Köln. Zeitung" Eritz Lorch: „Wer die kommerziellen Verhältnisse Palästinas mit denen vor zehn und fünfzehn Jähren vergleicht, erstaunt über den Umschwung, der sich heute voll-